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EM-Viertelfinale Kampf der Kulturen

 ·  Bender raus, Boateng rein: Der Bundestrainer dürfte gegen rustikale Griechen kaum ein Experiment wagen und dafür seinen Leuten Beine machen. Das Spiel ohne Ball wird das Viertelfinale prägen.

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© AFP Mann des Vertrauens: Boateng (rechts) dürfte gegen Griechenland wieder von Beginn an auflaufen

Ästhetik gegen Antike - so kann man das Duell zwischen Deutschland und Griechenland fußballtaktisch auf den wunden Punkt bringen. Die hübsche Formulierung für das Viertelfinale von Danzig ist dem „Tagesspiegel“ eingefallen, was aber daraus folgt, und wie man das Beste daraus machen kann, ist an diesem Freitag (20.45 Uhr/Live im FAZ.NET-Ticker) die Aufgabe von Bundestrainer Joachim Löw. Die Griechen bringen nämlich nicht nur die älteste Mannschaft der Europameisterschaft mit auf den Platz, ihre Spielweise entstammt auch dem ältesten Taktikgewerbe der Fußballwelt: „Wir müssen gegen sie erst mal ein Tor schießen, fußballerisch wird das kein Spaziergang“, seufzt WM-Torschützenkönig Thomas Müller. „Die Griechen werden sehr stark verteidigen.“

Den Beton zerbröseln. Den Riegel knacken. Das Abwehrbollwerk stürmen - es mangelt nicht an martialischen Begriffen, wie man einem Gegner beikommt, der nichts anderes als Verteidigungshaltung kennt und kann. Aber: Dieses Problem kennt man als Bundestrainer nun schon etwas länger. „Die Gegner haben sich in den letzten Monaten immer weiter zurückgezogen“, sagt Joachim Löw. Aber so weit wie Griechenland vermutlich niemand, schon gar nicht in einem Viertelfinale.

„Der Laufweg bestimmt den Pass“

Der deutsche Taktik-Satz der Vorrunde weist jedenfalls den Weg in Richtung Halbfinale: „Der Laufweg bestimmt den Pass.“ Gesagt hat ihn natürlich der Bundestrainer. Gemeint hat er damit Mesut Özil. Genauer: seine Kritiker, die dem Mittelfeldgenius von Real Madrid nach den Spielen gegen Portugal, Holland und Dänemark vorwerfen, den deutschen Auftritten bisher keine glanzvollen Momente zu schenken. Löw hat damit indirekt aber auch gleichzeitig die größte von gar nicht vielen Schwächen im deutschen Spiel vor dem Viertelfinal-Duell angetippt: die Laufwege der deutschen Offensive. Da hat zuletzt, wenn Özil am Ball war - mit Thomas Müller rechts, Lukas Podolski links und Mario Gomez in der Sturmmitte -, noch längst nicht alles gepasst.

Das liegt auch daran, dass sich die deutsche Mannschaft in ihren drei Vorrunden-Partien meist ganz besonders positionstreu gab, eine Folge des neuen deutschen Defensivdenkens. Da tauchten die Offensivkräfte, vor allem gegen Portugal und Holland, meist nur da auf, wo es die Grundaufstellung exakt vorsieht - und sie kreuzten nur ganz selten die Wege in den gegnerischen Schnittstellen, in die Özil den Ball hätte spielen können und sollen. Virtuosität gibt es bisher nur im Virtuellen.

Das Motto beim deutsch-griechischen Fußballabend ist damit vorgegeben: Laufwege, Laufwege, Laufwege. Die deutschen Spieler werden ohne Ball ganz viel unterwegs sein müssen, ganz oft vergeblich, aber das muss so sein, sagen sich Spieler und Trainer, um die alten Griechen müde und mürbe zu machen. Die Außenverteidiger Philipp Lahm und Jerome Boateng darf man offensiver erwarten als zuletzt, sie dürften öfter in Richtung Grundlinie spurten. Und sei es ohne Ball, nur um den einen oder anderen griechischen Verteidiger an sich zu binden, um in der Mitte ein paar Meter Platz zu schaffen, in den die Kollegen dann wenigstens mit Minimal-Freiraum durchschlüpfen können.

Beispielhaft dafür ist das 1:0 gegen die Niederländer. Bastian Schweinsteiger beschrieb, wie man in Teamarbeit eine Abwehr aushebeln kann. Ein Gemeinschaftswerk, das nur Experten auf den ersten Blick erkennen. Boateng lief in diesem Fall die rechte Linie runter, ohne große Aussicht, dass er den Ball bekommen könnte, aber er zog dabei einen Verteidiger auf sich. „So hat Thomas den Platz gehabt zum Anspiel“, sagt Schweinsteiger. Er leitete dann den Ball direkt weiter auf Gomez, der mit seinem geschickten Laufweg den Platz für das Zuspiel geöffnet hatte - und der erzielte dann mit künstlerischer Pirouette das 1:0.

Hummels fürchtet die griechische Wand

Aber, Achtung! „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht das 0:1 kassieren und gegen die griechische Wand anlaufen müssen. Das wäre fatal“, sagt Innenverteidiger Mats Hummels über die größte Fehlkalkulation, die einem sportlich mit den Griechen passieren kann. „Drei oder vier Chancen - drei Tore“, sagt auch Löw einigermaßen ungläubig über die mit Offensivaktionen nicht nur sparsamen, sondern schon notorisch geizigen Griechen und ihre atemraubende Effizienz, wenn dann abgerechnet wird.

An der deutschen Grundformation wird sich wohl nichts ändern. Der Startaufstellung aus den Spielen gegen Portugal und den Niederlanden dürfte der Bundestrainer auch gegen Griechenland wieder vertrauen. Lars Bender wäre wohl kaum überrascht, wenn er Jerome Boateng nach abgelaufener Gelb-Sperre wieder den rechten Abwehrplatz frei machen müsste. Für das gesamte Team jedoch gilt: hohe Laufbereitschaft, Ballsicherheit und ständiges Anrennen.

Für Zauberfußball ist kein Platz

Das wird nötig sein, für Zauberfußball wie vor zwei Jahren gegen England und Argentinien ist da leider wieder kein Platz. Die Ästhetik, so steht zu befürchten, hat gegen Griechenland beste Chancen, zum großen, wenn auch nicht zum größten Verlierer des Tages zu werden. Das könnte der Preis in Danzig sein, damit die griechische Fußball-Antike für immer verschwindet - zumindest bei dieser Europameisterschaft.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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