Gut zehn Tage vor dem Start zur Fußball-Europameisterschaft gerät der deutsche Bundestrainer unter Zeitdruck. Nach der chaotischen Vorstellung bei der 3:5-Niederlage in der Schweiz ohne die acht Bayern-Spieler wollte Joachim Löw erst einmal keine öffentliche Analyse vornehmen, sondern übers Pfingstwochenende in Klausur gehen mit seinem Betreuerstab.
Es seien in der Partie in Basel „unheimlich viele Dinge“ passiert, die einer „Aufarbeitung“ bedürften. Übersetzt heißt das: Die Fehlleistungen innerhalb der 90 Testminuten sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und resultieren keinesfalls nur aus dem kräftezehrenden Trainingslager.
Die deutsche Mannschaft wirkt nicht einsatzbereit. Am auffälligsten erscheinen die Probleme in der Defensive, wo Per Mertesacker - früher eine Konstante - noch nicht den Eindruck vermittelt, als ob er nach monatelanger Verletzungspause einer harten EM-Prüfung standhielte.
Nicht wesentlich vertrauenswürdiger wirkte das in der Bundesliga so stark auftrumpfende Dortmunder Verteidigungsduo auf der linken Seite: Mats Hummels und Marcel Schmelzer. Ähnliche Anlaufschwierigkeiten wie Mertesacker hat im Angriff Miroslav Klose, der nach einer Verletzung ebenso um den Anschluss ringt. Insgesamt verdichtete sich aus dem misslungenen Basel-Spiel die Erkenntnis, dass es ohne die Bayern-Fraktion um Kapitän Lahm, Schweinsteiger und Co. nicht geht.
Zugleich ergibt sich daraus eine weitere wichtige Frage: Können die erst spät dazugekommenen frustrierten Münchner der Nationalelf nun den nötigen Anschub geben?
Gerade das Mittelfeld der deutschen Mannschaft, das gegen die Schweiz trotz Zutuns der Real-Stars Mesut Özil und Sami Khedira auffällig strukturlos wirkte, brauchte jetzt einen Bastian Schweinsteiger als kraftvollen Rhythmusgeber und Lenker zurück. Doch ist auch bei ihm nach einer Saison mit ungewollten Auszeiten aufgrund verschiedener Verletzungen noch nicht sicher, ob er seinen gewohnten Leistungspegel wieder erreicht.
So muss der Bundestrainer jetzt vielleicht mehr darauf setzen, dass der richtige Schwung etwas verzögert und erst während der EM eintritt. Über genug Turniererfahrung und Reife im Umgang mit schwierigen Situationen verfügen seine Leistungsträger im Team. Zudem ist es ja nicht so, als hätten die Gegner keine Sorgen.
Spanien beklagt den EM-Ausfall zweier arrivierter Kräfte - Innenverteidiger Puyol und Stürmer Villa. Die deutschen Gruppengegner aus Portugal, den Niederlanden und Dänemark wirkten übers Wochenende bei ihren Testaufgaben ähnlich unfertig. Mit Schwierigkeiten haben alle zu kämpfen. Nicht nur auf gute Planung und gute Konzepte kommt es an - auch auf die Kunst der Improvisation.
Gomez' Frisur sitzt...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 29.05.2012, 10:40 Uhr