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Cyber-Mobbing „Morgen Boateng, übermorgen Khedira, dann Gündogan“

 ·  Cyber-Mobbing bei der Nationalmannschaft: Mesut Özil wird via Internet rassistisch beleidigt. Bei keinem Fußballturnier vorher legten Spieler, Mannschaften und Verbände einen solchen Wert auf ihre Präsenz in den sozialen Netzwerken.

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© dpa Unschöne Angelegenheit: Mesut Özil (m.) wehrt sich gegen Beleidigungen

Die modernen Errungenschaften der Kommunikation sind für die Nutzer nicht immer ein Segen. Sie können belasten und sogar zur Gefahr werden. Der Vater Mesut Özils erstattete am Dienstag Anzeige gegen unbekannt, nachdem sein Sohn während des EM-Spiels gegen Dänemark zwei Tage zuvor über einen anonymen Twitter-Kanal rassistisch beleidigt wurde.

„Es geht ja hier nicht allein um Mesut. Morgen ist es vielleicht Boateng, übermorgen Khedira, dann auch noch Gündogan und am Ende Podolski. Das geht doch nicht“, sagte Mustafa Özil gestern der Deutschen Presse-Agentur. Die für den Spieler unschöne Angelegenheit wiegt noch schwerer, waren doch im Zuge der Online-Hetze noch von vielen anderen Absendern weitere 3000 Kommentare über diesen einen Twitter-Eintrag abgegeben worden, die in eine ähnliche Richtung zielten.

Zum ersten Mal wurde Özil derart massiv mit diesen negativen Erscheinungen der Netzwelt konfrontiert. Denn eigentlich freuen sich seine Fans mit ihm. „Mesut, wir lieben dich. Zeig in der EM, was du drauf hast. Wenn du gewinnst, gewinnen wir alle“, heißt es zum Beispiel in einem Eintrag auf Özils viersprachiger Facebook-Seite.

Kein anderer deutscher Fußballstar verfügt auf dieser Plattform über mehr Anhänger - derzeit 5,2 Millionen. Im Vergleich mit dem absoluten Quotenkönig Cristiano Ronaldo, der hier 44,7 Millionen Fans hinter sich bringt, liegt Özil zwar weit dahinter, doch ist seine virtuelle Bedeutung dadurch nicht weniger imposant.

„Neues vom Prinz“

Bei keinem Fußballturnier vorher legten Spieler, Mannschaften und sogar Verbände einen solchen Wert auf ihre Präsenz in den sozialen Netzwerken. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Es rauscht nur so auf den Spezialkanälen, über Facebook oder den Kurznachrichtenverteiler Twitter, der Özil nun die Probleme einbrachte. Die Anhänger zwitschern munter mit und tragen die Botschaften weiter.

Fast alle deutschen Nationalspieler nutzen diese Auftritte - zur Selbstinszenierung und Imagepflege. Hinter Özil kommt Thomas Müller beim Online-Tagebuch Facebook auf 1,1 Millionen Fans, ein wenig dahinter liegt dann Lukas Podolski schon. „Neues vom Prinz“ lautet der Slogan auf seiner Twitter-Seite.

Größter aktueller Gewinner im Nationalteam ist Mario Gomez, der nach seinen Toren die Fanzahl bei Facebook um mehr als 20 Prozent steigerte. Weil die Stars heutzutage auch Marken sind und auf unterschiedlichen Feldern wirtschaftliche Interessen verfolgen, soll über diese Botschaften in der virtuellen Welt mehr Reichweite und eine höhere Bindung zu den Fans erreicht werden. Doch es stellen sich Fragen, nicht nur in negativer Hinsicht, was zum Beispiel anonyme Angriffe wie im Fall Özil unter dem Begriff des Cyber-Mobbings betrifft.

Oftmals banal

Experten wie der Würzburger Kommunikationswissenschaftler Holger Schramm bezweifeln den ganz großen Effekt von Twitter und Facebook gerade für diejenigen, die daraus einen wirtschaftlichen Gewinn ziehen wollen. „Es gibt keine verlässlichen Erhebungen darüber, welchen Wert die Kontakte bei diesem Online-Wildwuchs wirklich haben. Da wird im Moment etwas sehr heiß gekocht“, sagt der Medien-Professor.

Ein Klick auf der Facebook-Seite erhöht zwar die Zahl der „Freunde“. Doch ist unbekannt, wie viele von ihnen zum Beispiel dem berühmten Fußballspieler wirklich längerfristig im Netz folgen. Die Einblicke in die Welt der Stars sind oftmals sehr banal. Es wird über diese Plattformen eine Nähe zur angehimmelten Persönlichkeit suggeriert, die eigentlich gar nicht existiert, sagt Schramm.

Selbst für Praktiker wie Roland Eitel, der neuerdings Özil kommunikativ berät und das auch für Bundestrainer Löw macht, hat das Thema zwei Seiten. „Die sozialen Netzwerke haben eine wichtige Bedeutung, aber man muss sehr sensibel damit umgehen“, sagt Eitel. Jede Nachricht und jede Botschaft, die nach draußen gehe, müsse genau überdacht werden. „Mesut kann nicht schreiben, dass er gerne mit seinen Freunden in das Restaurant XY geht. Dann stehen morgen 3000 Leute davor“, sagt Eitel.

Tabu Aufstellung

Genauso stört ihn, dass viele Trittbrettfahrer auf den Starkult aufspringen. Es gab schon Seiten unter dem Namen von Löw in Facebook, die nichts mit ihm zu tun hätten. Das Gleiche gilt für Özil. Auch das birgt Gefahren.

Vom DFB werden die Spieler angehalten, verantwortlich mit ihren Einträgen umzugehen. „Wir sehen das entspannt. Eigentlich hat sich zu vorher nichts verändert. Solange keine Interna weitergegeben werden, wollen wir uns den Social-Media-Plattformen nicht verschließen. Tabuthemen für die Spieler sind die Weitergabe der Aufstellung vor dem Spiel und auch Verletzungen“, sagt Teammanager Oliver Bierhoff.

Natürlich soll die eigene kommunikative Strategie nicht durch Alleingänge einzelner Spieler torpediert werden. Manche Nationalverbände haben ihren Spielern während der EM verboten, sich auf diesen Kanälen zu betätigen. Der Europäische Fußball-Verband hat Richtlinien herausgegeben und verbietet Kommentare über Mitspieler, Gegenspieler und Schiedsrichter.

Aufgeregte chinesische Freunde

Trotz aufkommender Bedenken geht derzeit der Trend hin zu mehr und mehr auf den verschiedenen Plattformen. Auch die deutsche Nationalmannschaft hat ihre eigene Facebook-Seite und stellt dort regelmäßig Nachrichten und Bilder dar. Der DFB hat sogar einen Platz für die Nationalelf in dem - nicht unumstrittenen - chinesischen Mini-Blog Weibo belegt.

Dies ist das Pendant zum Twitter-Kanal, der wie Facebook in China aufgrund von Bedenken um politisch nicht genehme Beiträge abgestellt wurde. Der Online-Dienst wird permanent von staatlichen Stellen überwacht. Dieser Tage war bei Weibo ein Bild von Mesut Özil zu sehen - auf einem Zettel, den er in seinen Händen hielt, stand die sensationelle Botschaft: „Vielen Dank für die Unterstützung der deutschen Nationalmannschaft und herzliche Grüße von mir.“

Die Nachricht wurde aufgeregt kommentiert. Eine halbe Million Chinesen bezeichnen sich bei Weibo als „Freunde“ der deutschen Nationalelf.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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