Noch zwei Tage bis zum Auftakt gegen Portugal, Pressekonferenz mit dem Bundestrainer. Ein ausländischer Experte fragt Joachim Löw, was im deutschen Fußball seit dem Ausscheiden im letzten Vorrundenspiel bei der Europameisterschaft 2000 eigentlich passiert ist, seit diesem 0:3 gegen Portugals B-Elf. Es ist eine Frage, wie sie dem Bundestrainer in Deutschland seit Jahren nicht mehr gestellt wird, die Aufstiegsgeschichte ist kalter Kaffee im eigenen Land. Im Ausland jedoch hört Löw solche Fragen regelmäßig, noch immer. Es steckt darin ein ungläubiges Staunen, wie aus dem fußkranken Mann Europas ein Turnierfavorit 2012 werden konnte, ein Team voll jugendlicher Dynamik, ein weltweites Stilvorbild, eine der spielstärksten Mannschaften, die das Land des dreimaligen Welt- und Europameisters je hervorgebracht hat, vielleicht sogar die beste.
Löw hält kurz inne. Er sagt dann, er könne sich an die Zeit von damals nur „vage“ erinnern, nicht an Details. Zu lange her. Details. Das ist es, was Löw interessiert, an Details arbeiten, Kleinigkeiten perfektionieren, die Mannschaft Stückchen für Stückchen verbessern. In den beiden Jahren zwischen den großen Turnieren funktioniert Löw wie ein Fußballingenieur, einer, der seit sechs, acht Jahren an seinem Meisterstück feilt, akribisch, wie er gerne sagt.
Die Qualität der Läufe
Am Mittwoch hat die sportliche Leitung noch einmal die Laufwege der eigenen Mannschaft ausgewertet, und immer geht es bei diesen Analysen auch darum, sich von eingetretenen Pfaden fernzuhalten. „Wenn man sagt: Wer mehr läuft, der gewinnt - das ist natürlich falsch“, sagt Löw. Laufen ist kein Selbstzweck, nicht rennen um des Rennens willen, und auch kein Ausweis für die sogenannten deutschen Tugenden. Löw und sein Stab machen sich Gedanken um die „Qualität“ der Läufe, um die „Intensität“ der Läufe, um die „Geschwindigkeit“ der Läufe, um die Anzahl der Sprints und ihre Länge. „Und was im Fußball ganz entscheidend ist: In welche Richtung läuft man?“, sagt Löw.
Er sagt das sehr verschmitzt. Man kann natürlich sagen, dass seit seinem Einstieg neben Jürgen Klinsmann im Sommer 2004 der deutsche Fußball wieder in die richtige Richtung läuft. So könnte man kurz vor dem Turnierbeginn Löws Bemerkung verstehen. Aber wenn der Bundestrainer spricht, hört man keinen Visionär. Es spricht der deutsche Fußballingenieur. „Es geht nur Schritt für Schritt, wer zwei oder drei Schritte voraus denkt, der stolpert ja meistens.“ Und wie es für Experten üblich ist, redet auch der Fachmann Löw im Fachjargon. Er spricht vor der Partie gegen Portugal auch vom „positiven Laufen nach vorne“. Oder vom „mentalen negativen Sprintverhalten“ - wenn man im Spiel weite Wege im Rückwärtsgang zurücklegen muss. Löw hat früher schon das „vertikale Spiel“ auf dem Platz eingeführt und in den deutschen Fußball-Sprachgebrauch, die „Handlungsschnelligkeit“ und die „Kontaktzeiten“. All das eben, was es damals nicht gab, als Portugals B-Elf 3:0 gegen Deutschland gewann.
Fußball ist ein einfaches Spiel
Die letzte Pressekonferenz des Bundestrainers in Danzig vor dem Abflug nach Lemberg war auch ein Fußballseminar für taktische Fragen, wie so oft. Auch das gab es früher nicht. Wie lassen sich nun die Zuspiele auf Ronaldo und Nani verhindern? „Es wird für uns ein Spiel, bei dem wir viel antizipieren müssen. Vorausdenken. Eine hohe Wachsamkeit haben. Jeder Spieler muss in seinen Gedanken vorbereitet sein, was in der nächsten Sekunde passieren kann - nicht spekulieren, antizipieren“, sagt Löw. Denn kaum eine Mannschaft der Welt schalte so schnell nach Ballgewinn auf Angriff um, weil Ronaldo und Nani sofort in die Tiefe starten. Das heißt für Löw: Passwege zumachen, gefährliche Zonen schließen, das Zentrum versperren, die Außenverteidiger unterstützen. Aber nicht immer nur doppeln, man muss auch im Duell eins gegen eins bestehen. Fußball ist auch weiterhin ein einfaches Spiel, aber unter Löw ist es komplexer geworden.
Ein paar Stunden später ist Angela Merkel im deutschen Quartier. Seit der Weltmeisterschaft 2006 ist sie die berühmteste Freundin der Nationalelf. Sie plaudert ein bisschen mit den Jungs und mit dem Bundestrainer, sie isst mit dem Team zu Abend, dann fliegt sie zurück nach Berlin. Kohls Mädchen ist im November 2005 Bundeskanzlerin geworden, neun Monate später war Klinsmanns Helfer Bundestrainer, der nun immer seltener Jogi genannt wird wie noch in seinen ersten Tagen, und sie nicht mehr Angie. Man kann auf diesen Wegen ein paar Parallelen finden, und wenn man sich in diesen Tagen vorstellt, wer in ihrer Partei an die Kanzlerstelle rücken sollte, wenn Angela Merkel einmal nicht mehr da ist, dann sähe man dort eine große Lücke, wie sie Erfolg hinterlässt, der über Jahre selbstverständlich geworden ist.
Löw gibt sich sehr entspannt vor dem EM-Auftakt, der Erfolg hat ihn selbstsicher gemacht, souverän. „Um so näher es zum Turnier geht, um so ein besseres Gefühl bekomme ich, und um so klarer sind auch meine Gedanken - und um so ruhiger werde ich in Stresssituationen.“
Nur neun Tage bis zum Ende
In neun Tagen kann die Ära Löw vorbei sein. Ein Unentschieden gegen Portugal, eine Niederlage gegen die Niederlande, ein Unentschieden gegen Dänemark. Das wär‘s dann - das Aus in der Vorrunde. So schnell könnte es wieder gehen in der schwersten Gruppe, eben wie bei der EM 2000 oder vier Jahre später beim Turnier in Portugal. Selbst bei der Europameisterschaft 2008 war das frühe Scheitern nah. Damals hatte Löw sich seinen Rücktrittsplan schon zurechtgelegt - wenn die Mannschaft das entscheidende Vorrundenspiel gegen Österreich verloren hätte.
Und wen würde man nun sehen, wenn der Bundestrainer plötzlich sagt, dass er jetzt mal weg ist? Jürgen Klopp, na klar. Und sonst? In den vergangenen Jahren stand Sportdirektor Matthias Sammer für den Fall zur Verfügung, dass es bei einem großen Turnier schief gehen sollte, mindestens als Übergangslösung. In Zeiten der permanenten Modernisierung unter dem 52 Jahre alten Bundestrainer aber hat auch ein Trainertypus wie Sammer, der einst vom Spielfeld direkt auf die Trainerbank wechselte, im Schatten von Löw an Anziehungskraft verloren, wie so viele andere Trainer in Deutschland auch.
Kein Titel seit 1996
Nach dem verlorenen Finale des FC Bayern in der Champions League sagte Sammer als Fernsehkommentator, der er auch ist, man müsse sich fragen, warum deutsche Mannschaften immer im Endspiel verlieren. Auch die Nationalelf hat seit 1996 keinen Titel mehr gewonnen. Wenn Sammer das sagt, dann klingt es immer auch ein bisschen so, als könnten dem deutschen Fußball Härte, Wille und Disziplin fehlen, bei all dem schönen Spiel. Löw stellt solche Fragen nicht, er hält das für populistisch. Kapitän Philipp Lahm ist in Polen gefragt worden, ob er zu nett sei, um Titel zu gewinnen. Auch das ist eine Frage, die früher nicht kam, als es noch Leitwölfe gab und steile Hierarchien. Die Fragen zielen alle in dieselbe Richtung: Ob Schönheit im Spiel und Höflichkeit danach im Fußball auch Pokale bringen - oder nur brotlose Kunst, wie man früher über die Nationen sagte, die schön spielten, während Deutschland die Titel holte. Löw und sein Team müssen nun endlich liefern, den Titel natürlich. Alles andere gab es schon.
Die Erwartungen waren noch nie so hoch an Löw, aber er sagt: „Ich bin in einer Situation, auf die ich mich freue. Ich freue mich, dass es los geht. Ich habe immer gesagt: Eigentlich bin ich ein Wettkampf-Trainer. Mir sind die Spiele gegen Portugal, Niederlande oder England viel lieber als Vorbereitungsspiele gegen die Schweiz oder Israel. Ich bin absolut positiver Dinge.“ Lahm sagt, der Titel sei das Ziel seiner Generation, jener Generation, die Löw seit nun fast acht Jahren geformt hat. Als er anfing, war er mit einigen der älteren Profis per Du. Mittlerweile wird der Bundestrainer von allen Spielern gesiezt, außer von Podolski, der hatte den Assistenten Jogi damals geduzt, einfach so, und dabei ist es geblieben, auch wenn sich sonst fast alles geändert hat. Löw indes redet alle Spieler mit Du an. Er findet, das sei sein „Miniprivileg“ als Chef.
Gegen deutsche Mannschaften spielt Ronaldo oft nervös,
Hugh Greene (hughgreene)
- 09.06.2012, 16:45 Uhr
erwarte nicht viel
Jim Greek (Jos_Vik)
- 09.06.2012, 15:31 Uhr
Die Erwartungshaltung entfernt sich immer weiter von der Realität
Christoph Schön (linkinpark2020)
- 09.06.2012, 14:46 Uhr
Wieso unbedingt Titel?
asd asd (AndiW123)
- 09.06.2012, 13:24 Uhr
Anspruchshaltung
Claus Vahrenberg (CVahr)
- 09.06.2012, 12:59 Uhr