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Bastian Schweinsteiger Kampf und Schmerzen

 ·  Bastian Schweinsteiger tut alles weh - aber er will seinen Schweinehund besiegen. Immer wieder, in jedem Spiel. Er ist das beste Beispiel für die neue deutsche Härte.

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© dpa Weiter so - der Himmelsstürmer von einst handelt heute mit Bedacht und Umsicht

Wenn Bastian Schweinsteiger über Fußball redet, dann ist auch jetzt, nach dem zweiten Sieg im Europameisterschaftsturnier, noch nichts von Leichtigkeit zu spüren. Am Donnerstag, zurück aus Charkiw, wirkte er wie ein Boxchampion, der am Vorabend in einem schweren Duell über zwölf Runden bis zum letzten Punch hatte gehen müssen.

Im Danziger EM-Quartier der deutschen Nationalelf erzählte er über sich, und es ging viel um harte Arbeit, Kampf und Schmerzen. „Es ist wichtig, dass man im Spiel den inneren Schweinehund überwindet“, sagte der Münchner Mittelfeldstar. Vor allem bezog er seine Aussagen natürlich auf seine körperliche Verfassung, über die zuletzt viel spekuliert worden war.

Schweinsteiger rekapitulierte noch einmal seine Saison der Qualen, in der ihn mehrere Verletzungen, vom Schlüsselbeinbruch über den Bänderriss im Knöchel bis hin zur Wadenzerrung, plagten. „Ich merke immer wieder, dass der Körper weh tut. Jetzt auch noch.“

Schmerz und Selbstüberwindung - das sind Schweinsteigers Los und Ziel bei dieser EM. Und, überträgt man dies auf die ganze Mannschaft, auch Teil der großen Gesamtstrategie. Schweinsteigers Qualitäten entsprachen beim 2:1-Sieg über die Holländer genau dem Spiel, in dem zuerst einmal die starken niederländischen Individualisten mit aller Kraft und höchster Konzentration niedergehalten werden mussten.

Erst auf dieser Grundlage konnten die eigenen Ziele verfolgt werden. „Wir haben alle, auch unsere Offensivspieler, unheimlich gut defensiv gearbeitet. Für mich war wichtig, dass wir den Gegner sehr früh attackieren und wie eine Mauer stehen“, sagte Schweinsteiger.

FAZ.NET-Torvideo: Gomez‘ Wende zum Guten

Er bezog in sein Lob auch Lukas Podolski mit ein, der auf der linken Bahn wie schon gegen Portugal im Angriffsspiel kaum auffiel, aber nach Schweinsteigers Ansicht wichtige Impulse in der Absicherung nach hinten setzte. „Das geht ein bisschen unter“, sagte er. Dagegen war bei den Holländern, einem Team mit ausgeprägten Egozentrikern, zu sehen, was herauskommt, wenn begabte Leute sich nicht gegenseitig mit solcher Opferbereitschaft unterstützen.

Nicht nur bei Schweinsteiger war die unbedingte Einsatzbereitschaft zu erkennen. Jerome Boateng warf sich gegen Ende in höchster Not mit seinem ganzen Körper in den harten Schuss von Sneijder und blieb schmerzverzerrt liegen. Aber der Ball war gerettet. Kein Tor für Holland.

„Man merkt, dass wir erfahrener sind“

Es ist die Erkenntnis der vergangenen Jahre, dass für den Titel mehr nötig ist als bedingungslose Offensivkraft, womit das Nationalteam beim Weltmeisterschafts-Turnier vor zwei Jahren in Südafrika und auch danach in der erfolgreichen EM-Qualifikation noch so begeistert hatte. Heute sind die Aktionen bedachter, geht es erst mal um das Vermeiden von Fehlern und auch Tempokontrolle auf dem Spielfeld.

„Man merkt, dass wir erfahrener sind. In gewissen Situationen tut es auch mal gut, sich mit Ball auszuruhen und den Gegner laufen zu lassen. Da muss man einfach effektiv vorgehen“, sagte Schweinsteiger. Der Bundestrainer lobte nach dem Sieg über die Niederländer Schweinsteigers Präsenz auf dem Platz und die seines kongenialen Partners im defensiven Mittelfeld, Sami Khedira. „Sie haben einen überragenden Spieler wie Sneijder weitestgehend aus dem Spiel genommen“, sagte Joachim Löw.

Pressestimmen: „Saftlose Orange ausgequetscht“

Doch Schweinsteigers Power-Comeback als strategischer Kopf auf dem Feld, zumindest über die sechzig, siebzig entscheidenden Minuten, fiel in erster Linie natürlich durch seine Mitarbeit bei den beiden Treffern durch Mario Gomez auf (24. und 38. Minute). Hier zeigte sich mal wieder sein Potential im Herausarbeiten gefährlicher Torchancen, auf das die Mannschaft in engen Spielen, in denen Offensivleute wie Mesut Özil, Thomas Müller oder Lukas Podolski von ihren Gegenspielern gut abgedeckt werden, ebenfalls angewiesen ist.

Vorteilhaft für Schweinsteiger war, dass die Holländer im zentralen Mittelfeld zumindest in der ersten Halbzeit durch ihr starres Positionssystem größere Entfaltungsräume zuließen. Für beide Tore von Gomez gab Schweinsteiger die Vorlage in die Spitze, wobei er selbst von der ungewohnten Geschmeidigkeit des Stoßstürmers Gomez verblüfft war.

„Ich war geschockt, dass Mario den Ball so mitnehmen kann“

„Ich konnte mich nach dem ersten Tor erst gar nicht freuen“, sagte Schweinsteiger mit einem Schmunzeln im Gesicht. „Ich war geschockt, dass Mario den Ball so mitnehmen kann. Wenn er noch öfter solche Aktionen macht, müssen wir aufpassen, dass er nicht nach Brasilien geht.“ Für einen Moment war er wieder da - der pfiffige „Schweini“ von früher.

Doch eigentlich konzentriert sich der 27 Jahre alte Oberbayer heute ganz auf das ernsthafte Fach. Er selbst kämpft Tag für Tag bei dieser EM, um sich weiter seinem körperlichen Topniveau zu nähern. Ob er es bei diesem Turnier erreichen wird, ist fraglich, denn die Erholungszeiten zwischen den Spielen sind zu kurz. Aber der Trend ist stark aufsteigend.

Bastian Schweinsteiger: „Ich war geschockt“

Hinzu kommt allerdings der Reisestress zwischen Polen und der Ukraine. Aufgrund der chaotischen Zustände auf dem Flughafen von Charkiw kamen die Stars der Nationalelf erst nach vier Uhr in der Frühe verspätet ins Quartier nach Danzig zurück. Auch das aber hatte Schweinsteiger am Donnerstagmittag bereits weggesteckt.

Er dachte schon wieder an das Dänemark-Spiel am Sonntag in Lemberg und warnte vor einer zu lockeren Einstellung. Es gibt in der Nationalmannschaft kein besseres Beispiel für die Erkenntnis, dass Erfolg hartnäckig verfolgt werden muss und der Weg zum großen Triumph immer auch Leidensfähigkeit verlangt.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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