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Bastian Schweinsteiger Der Chef, der nicht führen kann

 ·  Bastian Schweinsteiger hat nach seiner Verletzung mit sich selbst zu kämpfen. Bundestrainer Löw macht für ihn dennoch eine Ausnahme von seinen Prinzipien. Dabei stünde Ersatz parat.

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© dpa Denken statt lenken: Bastian Schweinsteigers Gedanken kreisen dieser tage auch um seine eigene Form

Toni Kroos ist bei der Europameisterschaft immer einer der ersten deutschen Spieler, die frisch geduscht und gestylt in der Mixed Zone auftauchen. Es gibt aber dort kein Mikrofon, das ihn aufhält. Das war zumindest in der Vorrunde so, aber nach dem 4:2 gegen Griechenland ist das Interesse an Toni Kroos plötzlich erwacht.

Er ist zu einem Spieler geworden, der für Schlagzeilen taugt, allerdings für Schlagzeilen, die nicht so gut ankommen würden in der Nationalmannschaft, und deswegen, so darf man vermuten, ist von Kroos seit ein paar Tagen nichts mehr zu hören. Vor dem Halbfinale am Donnerstag ist der 22 Jahre Mittelfeldspieler des FC Bayern so etwas wie der EM-Verlierer im deutschen Team - und die Aussichten sind nicht sehr groß, dass sich an seiner Lage noch etwas ändert bei diesem Turnier.

Kroos ist bisher das prominenteste Opfer der großen defensiven Denke bei diesem Turnier. Er ist der dritte Mann im defensiven Mittelfeld, der trotz seiner großen Qualitäten einer zu viel ist für Deutschland. Mit Portugal, Holland, Dänemark, Griechenland und dem Halbfinalgegner Italien könnte es Kroos spielend leicht aufnehmen - aber an Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger führt für den Bayern-Profi kein Weg vorbei.

Khedira ist in Polen und der Ukraine in der Form seines Lebens - aber Schweinsteiger? Khedira und Schweinsteiger sind für den Bundestrainer der „Motor“ des deutschen Spiels, der die Energie für die Offensive liefert und gleichzeitig die Abwehrbereitschaft hoch hält. Beim 4:2-Sieg am Freitagabend gegen Griechenland liefen die beiden Mittelfeld-Zylinder jedoch nicht mehr rund und gleichmäßig.

Außenbandriss „ist nicht optimal verheilt“

Khedira entwickelte eine ungeheure Kraft, mit der er das ganze Feld erfüllte, aber neben der großen Antriebskraft aus Madrid geriet Schweinsteiger ins Stottern. Er wirkte zu langsam im Antritt auf den ersten Metern, er leistete sich ungewohnte Abspielfehler, man sah, wie er nicht nur mit den Griechen, sondern vor allem mit sich selbst zu kämpfen hatte.

In bemerkenswerter Offenheit erklärte Schweinsteiger nun in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“, dass sein Körper bei der Europameisterschaft längst nicht so mitspielt, wie er sollte. Sein Knöchel macht ihm Sorgen, der Außenbandriss vom Februar „ist nicht optimal verheilt“, wie Schweinsteiger gesteht. Er behauptet jedoch, fit zu sein.

Lahm freut sich auf einen Klassiker

Hundertprozentige Fitness hat der Bundestrainer auch zum entscheidenden Einsatzkriterium bei der Europameisterschaft erklärt, Per Mertesacker und Miroslav Klose haben schon erfahren, dass es Löw ernst damit meint.

„Ich bin ja fit“, sagt Schweinsteiger. „Es ist keine Frage der Ausdauer. Es geht um kleine Bewegungen im Spiel, um Explosivkraft. Ich habe vor dem Griechenland-Spiel nur das Abschlusstraining absolvieren können. Da fehlt einem was. Gegen die Griechen sind mir einige Fehlpässe unterlaufen, die mir sonst nie passieren. Ansonsten war ich zufrieden mit meinem Spiel. Aber die Fehlpässe brennen sich natürlich ein. Das darf einem Spieler wie mir nicht passieren.“

„Zwei Spiele nicht, da beiße ich mich durch“

Aber trotzdem ist sie nun da, die Fitness-Frage um den großen Anführer der vergangenen Jahre. Und damit auch die noch immer hinter vorgehaltener Hand, aber schon länger geführte Diskussion, ob Schweinsteiger nach seiner Bänderverletzung im Februar bei den Bayern nicht zu schnell wieder in der Bundesliga und der Champions League ran sollte oder wollte (oder beides), um dem Klub zu seinen großen Zielen zu verhelfen - die umgekehrte Robben-Diskussion also, bei der vor zwei Jahren die Bayern beklagten, die holländische Nationalelf habe ohne Rücksicht bei der WM 2010 alles aus dem Bayern-Profi herausgeholt, der danach lange ausfiel.

Schweinsteiger selbst hat nun einen ersten Hinweis darauf geliefert, dass ihm ausreichend Zeit für die Regeneration in der Saison gefehlt hat. Er sagte dies allerdings nur indirekt. „Die Zeit ist noch nicht gekommen, wo ich mich schonen kann. Wir haben hoffentlich noch zwei Spiele, da beiße ich mich durch. Danach muss ich allerdings sehen, dass ich endlich mal wieder ganz gesund werde.“

FAZ.NET-Torvideo: Khediras Volltreffer

In deutschen Profiklubs, selbst beim FC Bayern, ist es nicht üblich, dass Spieler nach langwierigen Verletzungen erst ein paar Wochen im Training hundertprozentig fit sein müssen, um dann wieder in den Spielbetrieb integriert zu werden, wie etwa beim FC Arsenal. Löw hatte diese Klub-Haltung zuletzt ausdrücklich gelobt. So aber reichte ein Schlag auf die alte Verletzung für das neue, aber dennoch altbekannte Verletzungsproblem.

Der Bundestrainer wird sich in den kommenden Tagen nun unter verschärfter öffentlicher Beobachtung zu entscheiden haben, ob er die defensive Organisationskraft Schweinsteigers auch trotz gewisser Handicaps als unverzichtbar betrachtet - und dies trotz eines springlebendigen Kroos im Wartestand, der in der EM-Qualifikation zum Aufsteiger des Jahres in der Nationalelf geworden war.

Kroos ist der erste deutsche „Zwischenspieler“

Selbst im Zweifel, so darf man vermuten, stehen die Zeichen günstig für Schweinsteiger. Er ist sich mit dem Bundestrainer spätestens nach defensiven Schwächen in der Vorbereitung einig, dass ein Turnier durch eine kompakte Defensive entschieden wird. „Wir haben vorne genug Spieler, die die Qualität haben“, sagt Schweinsteiger. Einen offensiveren „Sechser“ wie Kroos braucht man da nicht, darf man hinzufügen.

In der Vorrunde wurde Kroos in jeder Partie eingewechselt. Aber schon diese Kurzzeiteinsätze waren dem Bayern-Spieler zu wenig, für den der Bundestrainer sogar eine neue Positionsbeschreibung erfunden hatte. Er war der erste „Zwischenspieler“ der deutschen Nationalmannschaft, ein Pendler, der das Spiel zwischen Abwehr und Angriff auf den Weg bringt - dies könnte nun genau der Tick Offensive zu viel sein, der ihn zur Geduld zwingt.

EM kompakt: Schweinsteigers Sorgen

Nach dem 4:2 gegen Griechenland und dem Eingeständnis Schweinsteigers dürfte sich nicht nur Kroos fragen, wie geschwächt Schweinsteiger eigentlich sein muss, bis ihm der Bundestrainer auf dieser Position von Beginn an vertraut.

Das Thema hat selbstverständlich auch die Kollegen erreicht. „Am besten ist es für einen Spieler, wenn er nichts hat. Ich mache mir aber keine Sorgen um Bastian. Er kennt seinen Körper in- und auswendig. Er wird seine Leistung am Donnerstag wieder abrufen“, sagte Kapitän Philipp Lahm am Sonntag auf der Pressekonferenz. Er fügte aber auch hinzu: „Die Frage ist, was sein Fuß macht. Wir brauchen fitte Spieler. Da können nicht zwei, drei oder vier Prozent fehlen.“ In Sachen Schweinsteiger könnte das aber ein Gleichheitsgrundsatz von gestern sein.

„Ich weiß, wie ich mit dieser Situation umgehen kann“

Um den Einsatz im Halbfinale gegen Italien macht sich Schweinsteiger keine Sorgen: „Ich fühle mich fit, um in der Startformation spielen zu können. Ich bin sehr heiß darauf“, sagte er am Montag im ARD-Hörfunk. „Jetzt kann ich diese Woche auch wieder trainieren. Ich weiß, wie ich mit dieser Situation umgehen kann.“ Auch das im Elfmeterschießen verlorene Champions-League-Finale mit Bayern München gegen Chelsea habe er „unter den gleichen Voraussetzungen“ bestritten, bemerkte Schweinsteiger.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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