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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Bastian Schweinsteiger Das Leiden des Leaders

 ·  Der Kopf ist stärker als der Körper: Dem angeschlagenen Bastian Schweinsteiger fehlt die Spritzigkeit. Doch gegen Portugal benötigt Bundestrainer Löw die Klasse des Münchners.

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© dpa Die Wade der Nation: Bastian Schweinsteiger hatte vor der EM Verletzungssorgen

Im Mannschaftsquartier der deutschen Nationalelf in Danzig gingen am Mittwochabend die Türen zu, weil die Bundeskanzlerin noch mal ganz alleine mit den Spielern sprechen wollte. Was Angela Merkel dort erfuhr, deutete sie im Hinblick auf die EM-Mission sehr optimistisch.

„Ich habe bei meinem Besuch einen wunderbaren Mannschaftsgeist und viel Zusammenhalt unter den Spielern gespürt. Jetzt wünsche ich dem Team - wie viele Millionen Menschen in Deutschland - einfach Erfolg und das notwendige Quentchen Glück“, sagte sie und machte sich nach zwei Stunden wieder auf den Rückweg.

Seit einiger Zeit verfolgt die Kanzlerin die Nationalelf sehr intensiv, kommt zu wichtigen Partien in die Arenen, wenn ihr Terminkalender das möglich macht, oder lässt sich per SMS aktuell über Zwischenergebnisse informieren, wenn sie mal nicht dabei sein kann. Ein überaus herzliches Verhältnis hat sie dabei zu Bastian Schweinsteiger entwickelt, der ihr beim gemeinsamen Abendessen vorgestern auch am Tisch gegenübersaß.

Als Frau Merkel vor zwei Jahren bei der WM in Südafrika nach dem grandiosen Viertelfinalsieg gegen Argentinien plötzlich in der Kabine stand, stieß sie mit Schweinsteiger mit einer Bierflasche an und umarmte den Münchner Fußballstar, der nur noch ein Handtuch um die Hüften geschlungen hatte.

Die Partie, die beim 4:0 einen so überragenden Verlauf gegen die völlig konsternierte Maradona-Elf nahm, war eines der besten Spiele Schweinsteigers überhaupt und zeigte beispielhaft, mit welcher strategischen Kraft er das Spiel der deutschen Elf zu prägen vermag. Heute, so kurz vor dem EM-Start am Samstag in Lemberg gegen Portugal, sieht das anders aus: Die Fußballnation fragt sich, ob der Motor des deutschen Mittelfelds noch mal auf Hochtouren laufen wird.

Löw klingt nicht völlig überzeugend

Als der Bundestrainer am Donnerstag die aktuelle Lage erläuterte, blieb er eine eindeutige Antwort schuldig, ob Schweinsteiger wirklich stark genug ist für die Begegnung mit den Portugiesen. Es durfte reichlich gedeutelt werden, so wie in den vergangenen Wochen, als die Enttäuschung Schweinsteigers über das verlorene Champions-League-Finale und vor allem seine malade Wadenmuskulatur viel Diskussionsstoff boten. „Er konnte bislang alles tun, ohne dass irgendwelche Probleme aufgetaucht sind. Er ist in körperlich besserem Zustand als letzte Woche, ich denke, dass er einsatzbereit ist“, sagte Löw zu seinen Trainingseindrücken.

Das klingt zwar nicht schlecht, aber auch nicht völlig überzeugend. Doch allein wie der Bundestrainer betonte, mit welcher Konzentration, Willenskraft und Antizipationsfähigkeit gegen die aus seiner Sicht im Offensivverhalten überragend aufgestellten Portugiesen vorgegangen werden müsste, gab einen Hinweis darauf, wie sehr er mit Schweinsteiger an der Seite von Sami Khedira rechnet.

Genau hier liegen seine Stärken im defensiven Mittelfeld, etwas anders als beim offensiver ausgerichteten und manchmal riskanter aufspielenden Schweinsteiger-Vertreter Toni Kroos. „Wir dürfen uns keine Schludrigkeiten leisten“, warnte Löw. Denn wenn die Portugiesen mit Ronaldo erst einmal den Ball erobert hätten, könnten sie mit zwei, drei schnellen Pässen vors Tor kommen. Der Bundestrainer bezeichnet Schweinsteiger auch als seinen „emotionalen Leader“ im Team.

Schweinsteiger macht sich rar

Dabei lief die Saison für ihn so, wie es ein Spieler von seiner Bedeutung im Hinblick auf ein Turnier überhaupt nicht gebrauchen kann. Das Pech hielt Einzug mit einem Schlüsselbeinbruch im vergangenen November. Als das EM-Jahr 2012 dann mit einem Neustart beginnen sollte, warf ihn der Außenbandriss im rechten Knöchel wieder ein Stück zurück. Das ständige Aufholen nach den Verletzungen kostete zusätzliche Kraft, hinzu kamen als Belastung die Enttäuschung über die langen Ausfallzeiten und die fehlende Spielpraxis. Schweinsteiger hinkte im Verein hinterher.

Doch er kämpfte um die EM-Form, wurde stärker, opferte sich dann aber auch wieder für die Bayern-Elf auf im Finale gegen Chelsea, als er fast die gesamte Partie inklusive Verlängerung mit einer Wadenverletzung durchspielte - ohne Erfolg. Das traurige Ende ist bekannt, der angeschlagene Schweinsteiger verschoss im Elfmeterschießen und malträtierte seine Unterschenkelmuskulatur.

Schweinsteiger selbst machte sich nach der im doppelten Sinn schmerzhaften Endspielerfahrung von München in der Öffentlichkeit rar. Auch diese Tage in Danzig, wo es für ihn vor allem darum ging, zurück ins Mannschaftstraining zu finden. Während sich der Vizekapitän üblicherweise vor wichtigen Spielen gerne den Medien stellt, blieb es diesmal nur bei einem Interview auf der Internetseite des Verbandes.

„Es geht mir gut, ich habe keine Probleme mehr und taste mich an meine Spritzigkeit heran. Ich bin heiß auf das Spiel gegen Portugal, auf das Turnier“, sagte er dort vor einer Kamera im Garten der Hotelanlage. „Ich hoffe, dass ich auf einhundert Prozent komme. Es hat sehr viel mit dem Kopf zu tun, in einem Spiel kann man sich hochpushen.“

Dass sich mit Rolf Hocke, Hans-Dieter Drewitz sowie Hermann Korfmacher drei Vizepräsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Mittwoch über ein Boulevardportal im Internet zu Wort meldeten und dabei auch den Kurzurlaub Schweinsteigers übers vergangene Wochenende auf Capri kritisierten, dürfte der Münchner als mangelnde Rückendeckung empfinden. Die Sportfunktionäre bezogen sich auf die Veröffentlichung eines Paparazzo-Schnappschusses in der „Bild“-Zeitung, auf dem der Fußballstar mit seiner Lebenspartnerin entspannt am Pool und auf der Sonnenliege zu sehen ist.

Die Mannschaftsführung der Nationalmannschaft teilte schon mit, dass der Vizekapitän sie vorher über die Kurzreise informiert und sie auch nichts dagegen gehabt hätte. Die Tage nach dem Leipzig-Spiel gegen Israel hätten zur freien Verfügung gestanden. Schweinsteiger habe sogar ein Trainingsprogramm für das Wochenende in Italien mitbekommen. Gäbe Schweinsteiger gegen Portugal ein vielversprechendes Comeback, wäre das nicht nur aufbauend für die ganze Mannschaft, sondern zugleich auch die passende Antwort an die Adresse der drei Nörgel-Funktionäre im Verband.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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