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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

André Schürrle im Gespräch „Die Balance aus Egoismus und Teamgeist passt“

 ·  André Schürrle ist erst 21 Jahre alt und schon souveränes Mitglied der Nationalmannschaft. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Nervosität und Vorfreude, Tempo und Muskeln - und seinen erfüllten Traum.

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© dpa Schürrle während des Viertelfinales: „So ein wichtiges Spiel hatte ich noch nie erlebt“

Sie haben gerade Ihre erste Pressekonferenz vor Journalisten aus China, Amerika, Russland und Polen gegeben - hat Sie das nervöser gemacht als Ihr erstes Spiel bei der EM von Anfang an?

Nein, das geht schon. Als ich die erste Pressekonferenz bei der Nationalmannschaft in so einer großen Runde hatte, war ich ein bisschen nervös. Aber das ist jetzt auch schon eineinhalb Jahre her.

Sie sind erst 21. Es gibt Nationalspieler, die sind schon weit länger dabei und scharren auf dem Podium nervös mit den Füßen.

Mit der Zeit lässt man sich durch bestimmte Fragen nicht mehr so locken. Ich gehe da ganz unbefangen rein und warte einfach ab, was passiert. Und dann versuche ich, so souverän wie möglich darauf zu reagieren - aber ich stelle mich schon darauf ein, welche Fragen kommen könnten. Trotzdem geschieht das meiste spontan.

Als der Bundestrainer am Freitagvormittag sagte, dass Sie spielen werden - ist das noch ein Grund, um unruhig zu werden?

Wir sind uns vorm Trainerbüro über den Weg gelaufen, dann hat er mich zu einem kurzen Gespräch gebeten - und dann war da nur noch eine riesige Vorfreude. Okay, ich war ein bisschen angespannt, aber ich habe mich total auf dieses wichtige Spiel fokussiert, so ein wichtiges Spiel hatte ich ja noch nie erlebt.

Sagt der Bundestrainer so etwas eher beiläufig - eben zufällig im Trainerbüro -, oder führt das zu einem intensiven Gespräch?

Das hat so fünf Minuten gedauert, aber in diesen fünf Minuten hat er mir schon intensiv gesagt, was er von mir verlangt, welche Laufwege ich gehen soll - und auch die anderen Aufgaben genauer erläutert. Und er hat gesagt, dass ich nicht nervös sein und mein Spiel so durchziehen soll, wie ich es immer in der Nationalmannschaft gemacht habe.

Vor drei Jahren haben Sie noch gegen Mario Götze im Finale der A-Jugend gestanden - und gewonnen. Ist Ihnen das Tempo, mit dem Sie und die ganz junge Generation Karriere gemacht haben, nicht selbst ein bisschen unheimlich?

Ich vermeide es, über die Vergangenheit nachzudenken.

 Warum?

Ich weiß, wie viel im Fußball schon am nächsten Tag passieren kann. Ich möchte nur im Hier und Jetzt leben und dabei versuchen, meine Aufgaben so gut wie möglich zu lösen. Ich weiß natürlich, dass alles sehr schnell gegangen ist, und darauf bin ich auch stolz. Es war immer mein Traum, bei so einem Turnier dabei zu sein und zu spielen - genau, wie es jetzt gekommen ist.

Sie machen Tempo in jeder Beziehung. Wie sind denn Ihre Sprintzeiten auf zehn, fünfzehn Meter?

Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Die einzigen Zeiten, die wir vor eineinhalb Jahren mal gemessen haben, waren über dreißig Meter. Aber die genaue Zeit habe ich vergessen.

Aber schneller sind Sie geworden?

Auf jeden Fall. Ich habe mir zuletzt das letzte Spiel aus meiner ersten Bundesligasaison angeschaut. Da sieht man, dass ich jetzt um einiges schneller geworden bin, dynamischer. Die Bewegungen sind fließender, alles ist aggressiver. Das kann ich immer noch weiter verbessern, daran arbeite ich auch mit Stabilitätsübungen und Krafttraining.

Sie wirken auch robuster.

Sehr viel robuster sogar. Ich habe eine Menge Muskelmasse draufgepackt, was wichtig ist für den Zweikampf und die Schnelligkeit.

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Das müssen aber schon die richtigen Muskeln sein.

Ja, klar (lacht), ich versuche ja auch nicht, Oberarme wie Arnold Schwarzenegger zu bekommen. Aber auf den Körper muss schon was drauf. An meiner Geschwindigkeit arbeite ich ganz speziell, auch hier mit den Fitness-Trainern mit ganz bestimmten Übungen für die Dynamik und die Explosivität. Da ist noch mehr rauszuholen oder auch bei der Technik im Sprint. Ich versuche, immer noch schneller zu werden.

Alle arbeiten an sich - aber alle im Team gönnen sich gute Szenen und gute Spiele. Wo ist der Egoismus geblieben?

Es gibt den Egoismus, der ist schon noch da. Jeder schaut auch auf sich, auf seine Leistung. Aber unser Team zeichnet aus, dass trotzdem jeder dem anderen seine Erfolgserlebnisse gönnt. Der Teamgeist ist schon außergewöhnlich stark ausgeprägt. Am Ende zählt nur der mannschaftliche Sieg, das weiß jeder.

Wie schwer ist es, auf die Zähne zu beißen, wenn man nicht spielt? Im Halbfinale, wenn es vielleicht wieder etwas defensiver zugehen soll gegen England oder vor allem Italien, könnten auch Sie wieder auf der Bank sitzen.

Ich war auch nach den Spielen, in denen ich gar nicht oder wenig gespielt habe, unzufrieden. Vor allem unmittelbar nach dem Spiel, das ist aber normal. Nicht nur bei mir, auch bei allen anderen war jedoch zu merken, dass die Unzufriedenheit ein paar Stunden später weg war - oder spätestens am nächsten Tag. Jeder ist sich bei uns bewusst, dass er noch gebraucht werden kann. Wir haben eine sehr gute Balance zwischen unserem persönlichen Egoismus und dem Teamgeist gefunden. Ich hoffe natürlich, dass ich im Halbfinale spiele. Es wäre schwer für mich, wieder auf die Bank zu müssen. Aber egal was meine Rolle sein wird: Ich werde mich damit hundertprozentig identifizieren und darin alles für das Team geben. Man wird hier gebraucht - egal in welcher Rolle.

Als Sie noch nicht bei der Nationalelf waren, wie dachten Sie, würde es sein?

Ich habe es mir nicht so familiär vorgestellt. Ich dachte, die Spieler wären untereinander stärker getrennt, dass alles ein bisschen mehr in Grüppchen ablaufen würde, auch in der Freizeit, dass sich mehr an der Vereinszugehörigkeit orientiert. Aber das spürt man hier gar nicht. Man bekommt auch gerade von den älteren Spielern mit, dass es jetzt etwas ganz Besonderes ist.

Die Aufstellung der deutschen Mannschaft dringt dennoch immer wieder vorab an die Öffentlichkeit. Können Sie erklären, wie das passiert - es scheint doch noch stark unterschiedliche Interessen zu geben?

Das ist schwer zu erklären. Die ganze Sache ist sehr unglücklich. Es war ja nicht mal eine Stunde nach der Mannschaftsbesprechung, als die Aufstellung schon öffentlich war. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Spieler die Aufstellung an die Presse gibt.

Alle Aufstellungen wurden bisher durchgesteckt.

Der Bundestrainer hat es auch im Team angesprochen. In unserer Mannschaft ist aber kein Leck, da bin ich sicher. Wir teilen natürlich unseren Familien und engsten Vertrauten mit, ob man spielt oder nicht. Aber meine Eltern oder meine Freundin werden sich dann kaum an die Presse wenden. Ich bin sicher, dass der Bundestrainer das Thema noch mal anspricht, dass es vor dem Halbfinale nicht wieder passiert.

Und was passiert, wenn das Team am Ende nicht den Titel holt?

Wir haben am Donnerstag ein schweres Halbfinale vor uns. Da mache ich mir jetzt noch keine Gedanken über das Endspiel - und schon gar nicht, dass es schiefgehen könnte. Ich bin nämlich überzeugt, dass wir es schaffen.

Das Gespräch führte Michael Horeni.

Quelle: F.A.S.
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