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Del Bosque Einfach nur Vicente

 ·  Vicente del Bosque interessieren ästhetische Debatten über Taktik wenig. Der Trainer der spanischen Nationalmannschaft weiß, dass sein Einfluss begrenzt ist, wenn das Spiel erst einmal angepfiffen ist. Dies gilt auch für das Finale gegen Italien.

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© AFP Chefstratege: Vicente del Bosque führte Spanien in das dritte Finale in Folge

Es ist bei dieser Europameisterschaft in Mode gekommen, das spanische „Tiki-Taka“ langweilig zu finden und den Niedergang des iberischen Schönheitsmodells zu beklagen. Das sei früher mal brillanter gewesen, schreiben die Sportjournalisten verschiedener Länder über die angebliche Dekadenz der spanischen Fußballartisten. Die Gleichförmigkeit betäube einen „wie Valium“. Nach dem Einzug der Spanier ins Finale von Kiew gegen Italien an diesem Sonntag (20.45 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker) dürften die Klagen nicht unbedingt leiser werden.

Es war ein Arbeitssieg über Portugal, ein von enormer taktischer Disziplin geprägtes Ringen, in dem die talentiertere und am Ende auch physisch stärkere Mannschaft die Oberhand behielt. Sie entfaltet keinen magischen Sturmwirbel mehr, dafür fehlen ihr die Angreifer: David Villa wurde nach seinem Schienbeinbruch nicht rechtzeitig fit, Fernando Torres hat noch nicht wieder die Explosivität früherer Jahre erreicht. Doch in der Abwehr steht dieses neue, nüchterne Spanien hochkompakt beieinander und hat in fünf Spielen nur ein einziges Tor zugelassen. Und seit mehr als vierhundert Minuten ist Torwart Iker Casillas nicht mehr außerhalb des Elfmeterschießens überwunden worden.

Kopf, Herz, Chefstratege

Der Mann, den solche ästhetischen Debatten wenig interessieren, heißt Vicente del Bosque, er ist 61 Jahre alt. Als Nationalcoach und Nachfolger von Luis Aragonés, der vor vier Jahren mit den Spaniern in Wien den EM-Titel holte, ist er Kopf und Herz dieser Auswahl - Chefstratege, moralische Leitfigur und guter Papa in einer Person. Der WM-Titel 2010 war schon seiner; seitdem ist dieser höfliche, stets bescheiden auftretende Mann aus Salamanca zu einem weltweit bewunderten Trainer aufgestiegen und steht am Sonntag in Kiew vor derselben Aufgabe wie 1976 Helmut Schön: mit seiner Mannschaft den dritten großen Titel in Folge zu holen. Das hat noch keiner geschafft. Schön und seine Nationalmannschaft scheiterten damals durch ein legendäres Elfmeterschießen an der Tschechoslowakei. Del Bosque und seinen Leuten hat sich die Chance jetzt ebenfalls in der Elfmeterdisziplin eröffnet, in der Spanien mit besseren Nerven agierte als Portugal.

Sieht man den Coach am Spielfeldrand, erkennt man die üblichen Anzeichen von Nervosität, das Mümmeln mit dem Schnäuzer, die zusammengekniffenen Augen - verständlich bei Partien dieses Kalibers. Doch emotionale Ausbrüche sind ihm fremd. Del Bosque weiß, dass sein Einfluss begrenzt ist, wenn das Spiel einmal angepfiffen ist. Mit Schreien und autoritärem Gehabe ist ohnehin nichts zu machen. Er kann nur darauf hoffen, dass die Spieler verinnerlicht haben, was im Training immer und immer wieder geübt wurde.

„Sie wissen genau, worum es geht“, sagte er kurz vor der Abreise im Trainingslager in Vorarlberg. „Ihre Karriere ist kurz, und jetzt ist die Zeit, das Maximum aus ihren Möglichkeiten herauszuholen. Viele dieser Jungs spielen in großen Klubs, sie sind an Erfolge auf Vereinsebene gewöhnt. Niederlagen tun ihnen sehr weh.“ Das sah man auch im Spiel gegen Portugal.

Vom Schlendrian früherer spanischer Mannschaften und fehlendem Siegeswillen ist längst nichts mehr zu spüren. Keine Auswahl dieses Turniers versammelt unter ihren Akteuren so viele nationale und internationale Titel wie die Spieler von Vicente del Bosque. Am heikelsten Punkt des Matches bewiesen sie, dass Disziplin und Inspiration im richtigen Moment zusammenfinden müssen, um den Sieg zu bringen.

„Die spanische Auswahl spiegelt den Geist von Vicente“

Der spanische Trainer Joaquín Caparrós, zurzeit bei Real Mallorca unter Vertrag, hat jetzt in der Sportzeitung „Marca“ das Loblied auf seinen Kollegen gesungen. „Seit langem glaube ich“, schreibt Caparrós, „dass Fußballmannschaften das Ebenbild des Charakters ihres Trainers sind, und natürlich spiegelt die spanische Auswahl den Geist von Vicente.“ So schlicht - Vicente, mit Vornamen - will del Bosque gesehen werden, nicht als Meisterpsychologe oder Magier. Seine größte Fähigkeit stellt er seit 1999 unter Beweis, als er den Sprung zum Cheftrainer von Real Madrid schaffte und zweimal die Champions League und zweimal den spanischen Meistertitel holte: die komplizierten Egos heterogener Stars zu einer kompakten Einheit zu verschweißen.

In gewissem Sinn hat Spaniens Nationaltrainer dieses Turnier schon gewonnen. Was immer am Sonntag im Finale geschieht, seine Arbeit sieht sich bestätigt, die Spieler schwören auf ihn, und das ganze Land erkennt sich in seinem uneitlen Führungsstil wieder. „Je mehr einer gewinnt“, sagt Vicente del Bosque, „desto mehr sollte er sich verpflichtet fühlen, korrekt und bescheiden aufzutreten. Am Ende sind wir doch nur Fußballtrainer und Fußballspieler, nicht mehr.“

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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