Als Cesc Fabregas am Sonntag vor einer Woche auf dem Rasen des Danziger EM-Stadions stand, da dachte er, er hätte es endlich geschafft. Zum ersten Mal in seiner glitzernden Karriere stand der gefeierte Profi des FC Barcelona und spanische Nationalspieler zu Beginn eines großen Turniers in der Startelf. „Hoffentlich bleibe ich es noch viele Jahre“, sagte der 25 Jahre alte Mittelfeldspieler, der unbestritten zu den besten Fußballspielern der Welt zählt, nach dem 1:1 im Auftaktspiel gegen Italien.
Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, obwohl ihm der Ausgleichstreffer gelungen war. Gegen Irland fand er sich zunächst genauso auf der Ersatzbank wieder wie gegen Kroatien. Dass er gegen Irland sein zweites Turniertor erzielte, nutzte ihm auch nichts. Und wenn sich im Abschlusstraining niemand verletzt, wird Cesc Fabregas auch im Viertelfinale am Samstag gegen Frankreich in Donezk (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) erst einmal zuschauen.
Die ewige Rotation
66 Länderspiele bestritt er seit seinem Debüt im Jahre 2006 für Spanien, keine zehn über die vollen 90 Minuten, 24 Mal durfte er beginnen. Fabregas hat sich mit seiner Rolle immer noch nicht abgefunden. Er glaubt unverzagt an seine Fähigkeiten, sein Marktwert wird auf 55 Millionen Euro taxiert.
Vor einem Jahr kehrte er für 34 Millionen Euro vom FC Arsenal zu seinem Heimatverein FC Barcelona zurück. Den hatte er mit knapp 16 Jahren verlassen, weil er keine Chancen sah, in die erste Mannschaft zu kommen. Die Spieler, die ihm damals als unüberwindliche Konkurrenten erschienen, stehen immer noch vor ihm: Xavi und Iniesta.
Fabregas wurde in London zum Mannschaftskapitän, zum Anführer und zum Star. In der spanischen Nationalmannschaft bleibt er Ergänzungsspieler. Beim FC Barcelona hatte Trainer Pep Guardiola einen Stammplatz für ihn gefunden - zwischen Xavi und Iniesta, mal vor, mal hinter, mal neben ihnen. Wie sie ist Fabregas nicht auf eine Position im Mittelfeld festgelegt.
Das „Tika-Taka“-System verlangt ohnehin die ewige Rotation. Aber Nationaltrainer Vicente del Bosque steht nicht sonderlich auf Fabregas, der vor allem deshalb das Angebot von Barcelona annahm, um leichter in die Nationalmannschaft zu kommen. „Ich dachte manchmal bei Arsenal, ich hätte brillant gespielt, ich müsste doch für die Nationalelf berücksichtigt werden. Aber es geschah nicht.“
„Es müsste doch einen Platz neben ihnen geben“
Nun kann er nicht mehr übersehen werden, und del Bosque baut immer noch nicht auf ihn. Gegen Italien entschied sich der Nationaltrainer für Fabregas, weil er das 4-6-0-System ohne echten Stürmer ausprobieren wollte. Aber dann nahm Vicente del Bosque ihn - die verkappte Spitze - in der 74. Minute aus dem Spiel, und Ersatzmann Torres trumpfte auf, obwohl er kein Tor erzielte. Aus der danach einsetzenden großen spanischen Fußball-Diskussion „mit oder ohne Stürmer“ ging Cesc Fabregas als Verlierer hervor.
Auch diese Zurücksetzung nahm er sportlich, wie alle anderen zuvor. Fabregas hat noch nie einen Einsatz gefordert oder ultimativ mit Rücktritt gedroht. „Ich würde nie sagen, ich müsste für Iniesta oder Xavi spielen, sie sind die besten Spieler der Welt“, sagt Fabregas. „Aber es müsste doch einen Platz neben ihnen geben.“ Nur wo? Mit Busquets und Xabi Alonso verfügt Spanien auch über zwei überragende defensive Mittelfeldspieler.
Wahrscheinlich steht sich Cesc Fabregas selbst im Weg: Er ist als Einwechselspieler einfach zu gut. Viele wichtige Begegnungen entschied er mit seinen Pässen und Toren in der Endphase. Im Viertelfinale der Europameisterschaft 2008 ebnete sein entscheidender Strafstoß im Elfmeterschießen den Weg zum ersten spanischen Titelgewinn seit 1964.
Und Iniestas WM-Titel-bringendes Tor in der Verlängerung gegen die Niederlande vor zwei Jahren bereitete er vor. In jedem anderen Land wäre Fabregas der Spielmacher. So lange Spanien es sich leisten kann, einen wie ihn als Teilzeitkraft zu nutzen, sieht es schlecht für die Konkurrenz aus.