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Antonio di Natale Und wieder lauert ein Totò

 ·  Di Natale ist der Gegenentwurf zu Italiens exzentrischem Angriffsduo Cassano/Balotelli. Seine Stunde soll noch kommen - wie bei Schillaci 1990. Doch gegen Kroatien soll wieder Balotelli von Beginn an auflaufen.

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© dpa Stiller Arbeiter: Antonio di Natale (im Foto rechts) nutzte seine Chance

Zu Hause im Friaul hat Antonio Di Natale die Geschichte jeden Tag vor Augen. Wenn der Stürmer der italienischen Nationalelf in den Keller der Geschäftsstelle seines Vereins Udinese Calcio geht, dann sitzt dort in einem ungemütlichen Büro ein langer Kerl mit langen Haaren und guckt Videos. Es ist Andrea Carnevale, der Chefscout von Udinese. Carnevale macht eine exzellente Arbeit, beinahe jedes Jahr entdecken er und sein Team unbekannte Spieler, die meist nach kurzer Zeit mit viel Gewinn an große Vereine weiterverkauft werden. Aber Carnevales Geschichte ist, dass ein anderer seinen großen Traum verwirklichte.

Der frühere Napoli-Stürmer war bei der WM 1990 in der italienischen Nationalmannschaft gesetzt. Er spielte schlecht, Salvatore, genannt Totò Schillaci wurde für Carnevale eingewechselt und schließlich mit insgesamt sechs Treffern WM-Torschützenkönig. Antonio Di Natale ist noch lange nicht der Held der EM 2012, aber seine Vorstellung bei Italiens eindrucksvollem 1:1 im ersten Gruppenspiel gegen Spanien ruft alte Erinnerungen wach.

1990 hatte ein Stürmer namens Totò seinen Rivalen im Angriff aus dem italienischen Team gedrängt. Und auch vor dem zweiten Vorrundenspiel Italiens an diesem Donnerstag gegen Kroatien (18 Uhr/ Live im FAZ.NET-Ticker) sind wieder alle Augen auf einen Angreifer namens Totò gerichtet. Di Natale trägt denselben Spitznamen wie Schillaci. Für die abergläubischen Italiener ist das schon mehr als ein göttlicher Fingerzeig.

Balotelli träge, Di Natale gedankenschnell

Wenn man so will, dann heißt der Carnevale des Jahres 2012 Mario Balotelli. Der Stürmer von Manchester City war der einzige Verlierer beim Unentschieden gegen Spanien. Er spielte nicht schlecht, doch vor allem die Trägheit, mit der der exzentrische Jungstar einen Alleingang auf Torwart Iker Casillas vergeudete, hat auch Nationaltrainer Cesare Prandelli negativ beeindruckt. Nach seiner Einwechslung für Balotelli benötigte Di Natale nicht einmal fünf Minuten, um mit dem Führungstreffer seine Lauf- und Gedankenschnelle zu beweisen. Balotelli ist 21, Di Natale wird bald 35.

Geschwindigkeit ist also nicht unbedingt eine Frage des Alters. „Es gibt keine absoluten Hierarchien in der Mannschaft, und meine Idee ist, nicht besonders viel zu ändern“, sagte der Nationaltrainer vor dem Spiel gegen Kroatien. Wenn die italienischen Journalisten den Vogelflug richtig gedeutet haben, wird neben Antonio Cassano wieder Balotelli von Beginn an spielen. In die Unberechenbarkeit der beiden als Spieler legt Prandelli bekanntlich große Hoffnungen, außerdem würde der Ausschluss Balotellis nach nur einer Partie für Unruhe im Kader sorgen.

Balotelli wohl wieder von Beginn an

Und schließlich wäre Prandellis Entscheidung für Balotelli im Hinblick auf die historische Parallele nicht ohne Bedeutung. Auch Carnevale durfte noch einmal von Beginn an ran. Schillaci wurde 1990 im zweiten Gruppenspiel abermals für Carnevale eingewechselt und erzielte kein Tor. Die Stunde Totòs sollte erst noch kommen.

Es ist ja eine Überraschung, dass Di Natale überhaupt bei der EM dabei ist. Zwar war er in den vergangenen drei Jahren zweimal bester Torschütze der Serie A, spielte aber in Prandellis Planungen aufgrund seines Alters keine Rolle. Bei der für Italien desaströsen WM 2010 - die Azzurri schieden schon nach der Vorrunde aus - hatte er vor Beginn der EM seinen letzten Einsatz für die „Nazionale“. Sein bislang berühmtester Auftritt in Azurblau war ein verschossener Elfmeter im Viertelfinale der EM 2008 gegen Spanien, der den Siegeszug der Iberer einläutete. Erst als sich Giuseppe Rossi vor der EM verletzte, wurde für Di Natale wieder ein Platz frei.

Gegenfigur zum exzentrischen Angriffsduo

Der Udinese-Stürmer ist in gewisser Hinsicht die Gegenfigur zum exzentrischen Angriffsduo Cassano-Balotelli. Cassano ließ gerade einmal 24 Stunden nach dem ermutigenden Unentschieden gegen Spanien vergehen, bevor er die von Skandalen verfolgte Nationalelf in neues Ungemach stürzte. Auf die Frage eines Journalisten nach Homosexuellen im Nationalteam, antwortete Cassano: „Schwuchteln? Ich hoffe nicht.“ Eine offizielle Entschuldigung folgte wenige Stunden später.

Auch Balotelli macht derzeit mehr außerhalb des Platzes von sich Reden. Seine neue Freundin, die den Spieler im Trainingslager bei Krakau besuchte, ist für Italiens Medien nicht weniger der Rede wert als die Aufstellung gegen Kroatien. Sicher ist, dass Di Natale auch gegen Kroatien mindestens einen Kurzeinsatz bekommt. Cassano kann nach einer Herzoperation nicht über 90 Minuten spielen; Balotelli riskiert bei der ersten Gedankenlosigkeit die Auswechslung.

Starkicker mit eigener Eisdiele

Neben seinen Sturmkollegen wirkt Di Natale angenehm blass. Das Aufregendste an ihm sind ein Heiligenbildchen des süditalienischen Wunderheilers Padre Pio im Umkleidespind und seine Herkunft aus einem Vorort Neapels, in dem wie überall in der Gegend die Camorra, die Mafia Kampaniens, den Ton angibt. Di Natale kehrte allerdings schon mit 15 Jahren seiner Heimat den Rücken, um in der toskanischen Provinz zu reüssieren.

Beim FC Empoli wurden die Späher von Udinese Calcio auf ihn aufmerksam, im Friaul hat er sich seinen Status als derzeit erfolgreichster Serie-A-Stürmer und eine eigene Eisdiele erarbeitet. In den vergangenen drei Jahren erzielte er 80 Treffer in 107 Serie-A-Einsätzen. Als Juventus Turin ihn vor einigen Monaten mit einem Millionen-Angebot lockte, lehnte Di Natale ab. Vielleicht hat sich der Stürmer namens Totò den Auftritt auf der ganz großen Bühne noch aufgehoben.

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