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Andrej Schewtschenko Altmeister auf Abwegen

 ·  Andrej Schewtschenko könnte nach der EM in seinem Heimatland die Karriere beenden. Seine beste Zeit liegt schon einige Jahre zurück. Inzwischen betätigt sich der Ukrainer auch gerne in einer anderen Sportart. Teil 15 des FAZ.NET-EM-Countdowns.

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© dapd Ein letztes Hurra: Andrej Schewtschenko wird seine Karriere wohl nach der EM in seiner Heimat beenden

Andrej Schewtschenko hat mit seinen 35 Jahren und einer erfolgreichen Karriere inzwischen einen Status erreicht, in dem er nicht mehr alle Pflichten eine Profifußballers wahrnehmen muss. Als Dynamo Kiew Anfang Oktober zum Auswärtsspiel des zwölften Spieltags der ukrainischen Premier-Liga nach Poltawa reiste, fehlte der Stürmer. Nicht, weil er verletzt, gesperrt oder außer Form war – er hatte vielmehr einen anderen Termin.

Während Dynamo durch einen 2:1-Auswärtssieg punktgleich mit Tabellenführer Schachtjar Donezk auf Platz zwei blieb – die Reihenfolge sollte bis zum Saisonende so bleiben –, musste auch Schewtschenko einem Kontrahenten den Vortritt lassen – bei den Landesmeisterschaften im Golf.

„Dabei entspanne ich mich“, rechtfertigte er seinen Ausflug. „Und diese Entspannung brauche ich mal zwischen Meisterschaftsspielen.“ Wobei „zwischen“ eher das falsche Wort ist, „während“ wäre in diesem Fall die bessere Vokabel gewesen.

Schon als Jugendlicher beschränkte sich Schewtschenko nicht alleine auf große Lederbälle. Vielmehr probierte er sich in der Leichtathletik, im Eishockey und Boxen aus, mit durchaus ansehnlichem Erfolg; als er sich entscheiden musste, blieb aber der Fußball übrig. Doch der Start war schwer. Als der Neunjährige in die renommierte Kiewer Sportschule aufgenommen werden wollte, wurde er abgelehnt. Begründung: Beim Dribbling-Test war Schewtschenko einfach zu langsam gewesen.

Das hinderte Alexander Spakow, Jugendtrainer bei Dynamo Kiew, nicht daran, das Talent, das zuvor lediglich auf Bolzplätzen gespielt hatte, unter Beobachtung zu behalten und es dann in die klubeigene Jugendschule zu holen. Als Schewtschenko mit 13 bei einem Turnier in Wales brillierte, bekam er als Preis für den besten Spieler ein Paar neue Schuhe – aus den Händen seines Idols Ian Rush, dem Rekordtorschützen der Waliser.

Damals hatte Schewtschenko eine bewegte Kindheit hinter sich. Sein Vater Nikolai, ein ausgebildeter Kindergärtner, war Offizier der Armee und zehn Jahre in Potsdam stationiert. Schwester Elena kam in Deutschland zur Welt, kurz vor Andrejs Geburt zog es die Familie wieder zurück in die Ukraine. 2006 sollte Schewtschenko doch noch nach Potsdam kommen – damals schlug die Nationalmannschaft während der WM ihr Quartier vor den Toren Berlins auf.

Die Erziehung des Vaters war hart, neben der Stimme erhob der Vater auch den Stock, wie er später selbst erzählte. Doch der 26. April 1986 änderte vieles. Das Dorf Dvirkivshchyna, in dem die Schewtschenkos wohnten, lag nur 250 Kilometer von Tschernobyl entfernt.

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Vier Monate nach der Reaktor-Katastrophe kamen die Kinder mit ihren Schulkameraden ans Schwarze Meer, der angebliche Camping-Ausflug endete erst nach zehn Wochen. „Vor uns wurde die ganze Tragödie damals versteckt“, erinnerte sich Schewtschenko später.

Die harte Hand in der Erziehung, die beim Vater begann, setzte sich bei Dynamo Kiew unter dem strengen Schweiger Waleri Lobanowski fort. Schon als Siebzehnjähriger debütierte der schmächtige Stürmer in der ersten Mannschaft. Auch in der Champions League machte Schewtschenko auf sich aufmerksam – etwa mit drei Toren beim Auswärtssieg in Barcelona. Doch Dynamo war vermögend genug, um die Begehrlichkeiten der europäischen Topklubs zunächst abzuwehren.

Erst im Sommer 1999 entsprach Kiew dem Wunsch des Spielers, endlich wechseln zu dürfen. Schewtschenko entschied sich für den AC Mailand, der 25 Millionen US-Dollar überwies. Es sollte eine gute Entscheidung sein – sportlich wie privat. Dank Silvio Berlusconi, zu dem der Ukrainer eine enge Verbindung aufbauen sollte, und Designer Giorgio Armani, mit dem er später zwei Filialen in Kiew eröffnen sollte, lernte er seine spätere Frau kennen, das amerikanische Model Kristen Pazik; Berlusconi wurde später Taufpate von Sohn Jordan.

Auch auf dem Rasen erlebte Schewtschenko erfolgreiche Jahre. Gleich in seiner ersten Saison wurde er Torschützenkönig, im Mai 2003 holte er mit den Italienern nicht nur den nationalen Pokal, sondern auch die Champions League.

Schewtschenko erzielte im Elfmeterschießen gegen Juventus Turin den entscheidenden Treffer. Anschließend reiste er mit dem Pokal zum Grab des inzwischen verstorbenen Lobanowski – Europas Fußballer des Jahres 2004 hatte seinem „Fußballvater“ versprochen in einem Endspiel der Königsklasse ein Tor zu erzielen.

Dass der Fußball auch schmerzhafte Niederlagen bereithält, erfuhr „Sheva“ – sein Spitzname, der auf Hebräisch „sieben“ bedeutet und seine favorisierte Rückennummer ist – zwei Jahre nach dem großen Triumph. Im Champions-League-Finale führte Milan gegen Liverpool zur Pause 3:0, die Engländer glichen aus, in der Verlängerung verpasste Schewtschenko eine große Chance, um dann im Elfmeterschießen den entscheidenden Versuch nicht im Tor unterzubringen.

Schon damals hatte Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch sein Interesse am Ukrainer – und die Aussicht auf eine Million Euro Monatsgehalt – hinterlegt, doch erst im WM-Sommer 2006 verließ er Italien und wechselte zu den „Blues“ nach London.

Doch in zwei Jahren traf Schewtschenko nur neun Mal, 2008 wurde er wieder nach Mailand, wo er bis heute hinter Gunnar Nordahl zweiterfolgreichster Torschütze der Klubgeschichte ist, verliehen, ehe er ein Jahr später endgültig in die Ukraine zu Dynamo Kiew zurückkehrte.

Mit der Nationalmannschaft, in der er im März 1995 debütierte, hatte Schewtschenko keine großen Erfolge wie in Mailand. Nur 2006 qualifizierten sich die Ukrainer für ein großes Turnier.

Bei der Europameisterschaft, bei der sie in der Vorrunde auf Schweden, Frankreich und England treffen, genießt die Auswahl als Gastgeber die automatische Qualifikation. Großer Hoffnungsträger ist immer noch Altmeister Schewtschenko. Während des Turniers sollte er seinen Terminkalender aber von Golfrunden freihalten.

Alle Informationen zur Ukraine im Überblick

Spielplan bei der EM 2012:

Montag, 11. Juni, 20.45 Uhr: Ukraine – Schweden (in Kiew)
Freitag, 15. Juni, 18.00 Uhr: Ukraine – Frankreich (in Donezk)
Dienstag, 19. Juni, 20.45 Uhr: England – Ukraine (in Donezk)

Trainer: Oleg Blochin

Plazierung in der Weltrangliste: 50.

Größter Erfolg: WM-Viertelfinale 2006

Bisheriges Abschneiden bei Turnieren:

Weltmeisterschaften:

2006: Viertelfinale

Europameisterschaften:

bisher keine Teilnahme

FAZ.NET zählt den Countdown bis zum Anpfiff der Fußball-Europameisterschaft am 8. Juni. An jedem Tag wird ein herausragender Spieler eines Kontrahenten der deutschen Elf porträtiert.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1983, Sportredakteur.

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