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Andrej Arschawin Modischer Faulpelz

 ·  Er bezeichnet sich als faul, studierte Modedesign und würde Frauen den Führerschein erziehen - Andrej Arschawin ist anders. Im Zenit seiner Karriere war er im Sommer 2008, zuletzt hinterließ er nur noch schmerzhafte Spuren. Teil 3 des FAZ.NET-EM-Countdowns.

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© picture-alliance/ dpa An der Kante zur Arroganz: Andrej Arschawin weiß, was er kann - und verbirgt es nicht

Andrej Arschawin hat vorgesorgt. Wenn der Dreißigjährige in wenigen Jahren seine Karriere beendet, wartet gleich die nächste auf ihn. Der Russe besitzt ein Diplom in Modedesign und hat bereits eine eigene Kollektion auf den Markt gebraucht. Die Linie verkaufte sich gut.

Aber warum entscheidet sich ein Fußballspieler, dem die Welt offensteht, in jungen Jahren zu solch einem Studium? Um als einziger Mann in der Gruppe viele Studentinnen kennenzulernen, wie er behauptet. Andrej Sergejewitsch Arschawin ist kreativ, nicht nur, was die Ausbildung betrifft.

Das fußballerische Handwerk lernte er in der Smena-Akademie und schloss sich Zenit St. Petersburg an. Arschawin, der ohne Vater aufwuchs und in der Schule vor allem durch seine Ungeduld negativ auffiel, entwickelte sich schnell zum Mittelpunkt der ersten Mannschaft.

Nur der erste Titel ließ lange auf sich warten – abgesehen von den individuellen Auszeichnungen zum besten russischen Fußballer 2005 und 2006. Ein Jahr später, die Meisterschaft der Premjer-Liga wird von März bis November ausgetragen, klappte es endlich, Zenit wurde erstmals Meister.

Einen Höhepunkt sollten Arschawin und seine Mitspieler aber noch vor sich haben. Nicht nur Bayer Leverkusen, sondern auch Bayern München scheiterte im Uefa-Cup an der Spielkunst der Russen. Im Rückspiel des Halbfinales ging der deutsche Rekordmeister im kleinen und ungemütlichen Petrowski-Stadion 0:4 unter.

Es war die vorletzte Etappe von St. Petersburg auf dem Weg zum größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Das Europapokalfinale gewannen sie 2:0 gegen die Glasgow Rangers, Spieler des Abends in Manchester: Andrej Arschawin.

Der Sommer 2008 sollte die Zeit seines Sportlerlebens sein. Doch die Europameisterschaft in Österreich und in der Schweiz begann für Arschawin mit einer schweren Altlast. Im letzten Spiel der Qualifikation zitterten sich die Russen durch ein 1:0 in Andorra vor England auf Platz zwei.

Doch Arschawin, der Mann mit den weichen Gesichtszügen, sah in ruhiger Atmosphäre – nur 1000 Zuschauer waren im Esatdio Comunal – kurz vor dem Abpfiff wegen Nachtretens nach einer Provokation eine völlig unnötige Rote Karte. Während die Kollegen die EM-Teilnahme feierten, grämte sich der Spielmacher ob der Unbeherrschtheit.

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Trainer Guus Hiddink überlegte lange, ob er Arschawin zur EM überhaupt mitnehmen sollte. Für die Partien gegen Spanien und Griechenland war er gesperrt. Hiddink entschied sich für Arschawin – und machte alles richtig.

Der 1,72 Meter große Offensivspieler befand sich im Zenit seiner Laufbahn. Arschawin, der „Zar des Petersburger Fußballs“, wie ihn die F.A.Z. nannte, war der Herrscher des russischen Spiels und düpierte Hiddinks niederländische Landsmänner mit Leichtigkeit. Erst im Halbfinale waren die Spanier besser.

Ausländische Vereine hatten in St. Petersburg längst ihr Interesse am Quirl hinterlegt, und Arschawin war auch willens wegzuziehen. Sein Verein stellte ihn vom Training frei – aber lehnte nicht nur das Angebot aus Barcelona ab. Im Februar 2009 war der Spieler nach einigen lustlosen Auftritten bei Zenit, die ihm einige Kritik einbrachten, doch am Ziel.

Er wechselte nicht ins warme Spanien, sondern ins nasse England. Arsenal hatte im Buhlen um Arschawin die meiste Geduld aufgebracht – in doppelter Hinsicht. Wegen eines Schneesturms verzögerte sich der Wechsel, erst vierundzwanzig Stunden nach Schließen des Transferfensters der Premier League meldete der Ligaverband endgültig Vollzug.

Und Arschawin beeindruckte seine neuen Londoner Anhänger: Beim 4:4 in Liverpool schoss er alle Arsenal-Tore und behauptete keck: „Die Fans haben das Beste von mir noch gar nicht gesehen.“ Bis heute warten sie auf Arschawins Höhepunkt der Schaffenskraft. Seit drei Monaten ward er in London gar nicht mehr gesehen.

Aus Angst um seine EM-Teilnahme ließ er sich von Arsenal nach St. Petersburg ausleihen. Dort spielte er wieder regelmäßig, führte Zenit zur Meisterschaft – und hinterließ schmerzhafte Spuren, als er beim Torjubel seinem am Boden liegenden Mitspieler Vladimir Bystrov auf Bauch und Brustkorb stieg.

Bei der EM wird Arschawin die Russen, die auf Tschechien, Polen und Griechenland treffen, sogar als Kapitän anführen, wie Trainer Dick Advocaat jüngst bestimmte, obwohl die Form nicht unbedingt für Arschawin spricht – in den letzten dreieinhalb Jahren traf er nur zwei Mal für die Nationalelf.

Vielmehr konzentrierte er sich auf das Rampenlicht abseits der Flutlichtmasten. Bei der WM-Vergabe 2018 hielt er eine Rede, im Präsidentenwahlkampf im Frühjahr unterstützte er Wladimir Putin als „Vertrauensperson“. Dabei scheint so viel Engagement gar nicht zu ihm zu passen. „Ich bin von Natur aus faul“, gestand er schon 2009 in einem Interview mit der F.A.Z.

Viele Gedanken machte er sich dennoch – was nicht immer auf Gegenliebe stieß. Frauen etwa beschäftigten Arschawin, der verheiratet ist und eine Tochter und einen Sohn hat, nicht nur bei der Wahl des Studiums. In seinem Buch „555 Fragen und Antworten über Frauen, Geld, Politik und Fußball“ plädierte er für einen flächendeckenden Führerscheinentzug.

Warum? „Meiner Meinung nach sind Frauen und Männer völlig unterschiedliche Wesen.“ Ach ja, und Frauen, die rauchen oder lügen, die möge er auch nicht. Angehende Modedesignerinnen machen das anscheinend nicht.

Alle Informationen zu Russland im Überblick

Spielplan bei der EM 2012:

Freitag, 8. Juni, 20.45 Uhr: Russland – Tschechien (in Breslau)
Dienstag, 12. Juni, 20.45 Uhr: Polen – Russland (in Warschau)
Samstag, 16. Juni, 20.45 Uhr: Griechenland – Russland (in Warschau)

Trainer: Dick Advocaat

Plazierung in der Weltrangliste: 11.

Größter Erfolg: Europameister 1960, WM-Vierter 1966 (jeweils als UdSSR), EM-Halbfinale 2008

Bisheriges Abschneiden bei Turnieren (vorher UdSSR und GUS):

Weltmeisterschaften:

1966: Vierter
1958, 1962 und 1970: Viertelfinale
1986: Achtelfinale
1982: Zwischenrunde
1990, 1994 und 2002: Vorrunde
1974, 1978, 1998, 2006 und 2010: nicht qualifiziert
1930 – 1954: nicht teilgenommen

Europameisterschaften:

1960: Europameister
1964, 1972 und 1988: Finale
2008: Halbfinale
1968: Vierter
1992, 1996 und 2004: Vorrunde
1976, 1980, 1984 und 2000: nicht qualifiziert

FAZ.NET zählt den Countdown bis zum Anpfiff der Fußball-Europameisterschaft am 8. Juni. An jedem Tag wird ein herausragender Spieler eines Kontrahenten der deutschen Elf porträtiert.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1983, Sportredakteur.

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