Sage keiner, Joachim Löw tauge nicht zum Propheten. „Italien verfügt über Klassespieler, vor allem Pirlo“, sagte der Bundestrainer vor seiner peinlichsten Niederlage. Er forderte: „Ihn müssen wir in seinem Radius stören.“ Der Radius von Andrea Pirlo auf dem entscheidenden Standbild im Halbfinale der EM, einen Tag nach Löws Ankündigung, sah dann so aus: Pirlo allein mit dem Ball in der Mitte des Mittelkreises, drei deutsche Spieler, Gomez, Özil und Kroos, knapp außerhalb; zwei weitere, Schweinsteiger und Khedira, noch einmal zehn Meter dahinter.
Alle fünf bevölkern das Spielzentrum, das die Deutschen extradicht besetzen wollten, weil sie die Italiener dort fürchteten; aber alle stehen einander näher als jedem Italiener. Wer die Zeiteinblendung dieses TV-Bildes nicht beachtet, könnte glauben, das Spiel wäre soeben mit Anstoß für Italien angepfiffen worden: alle Deutschen in der eigenen Hälfte, alle vorschriftsmäßig außerhalb des Anstoßkreises. Doch die Einblendung zeigt: 19:11 Minuten.
Noch elf Sekunden bis zum deutschen Desaster. Zumindest taktisch ist es das nämlich, eine positionelle Katastrophe. Obwohl Löw eigens Kroos statt Reus gebracht hat, nur um Pirlo einzuengen, obwohl er damit einen Mann mehr in die Mitte gezogen und die rechte Seite völlig preisgegeben hat, halten seine Spieler einen Abstand zu Pirlo, der dem Radius des Anstoßkreises entspricht: also 9,15 Meter, wie bei einem Freistoß. Was passiert, wenn man ihm diesen Abstand gibt, hatte Pirlo schon gegen Kroatien gezeigt, als er das einzige Freistoßtor der EM schoss.
Gegen Deutschland nutzt er den Freiraum für einen Diagonalpass über vierzig Meter auf die von den Deutschen preisgegebene Seite, wo der Außenverteidiger Chiellini auftaucht und mühelos an Cassano weiterleiten kann - und von jetzt an fällt bis zu Balotellis Kopfball zum 1:0 die deutsche Abwehr um wie ein Domino: Boateng, Hummels, Badstuber, Neuer.
Denn aus einer Spielsituation mit elf Mann hinter dem Ball, alle in der eigenen Hälfte, ist mit einem einzigen Pirlo-Pass eine Folge von Eins-zu-eins-Situationen entstanden, in denen die Deutschen immer zu spät kommen. Und all das, weil fünf Mann im Zentrum sich auf einen einzigen Spieler konzentriert haben - indem sie ihn aus sicherer Distanz beobachteten. Dilettantischer kann man defensives Positionsspiel im Mittelfeld nicht betreiben als das deutsche Nationalteam in dieser Szene.
Schweinsteiger hätte es wissen können
Gegen andere Spieler kann man damit straflos durchkommen, nicht aber gegen Pirlo, den brillantesten Ballkünstler der EM. Er ist nicht nur der Maestro der perfekten Pässe. Er versteht es auch, sich jeder Bewachung durch enorme Wendigkeit und Ballsicherheit zu entziehen. Und seine Kondition ist erstaunlich: Gegen Deutschland übertraf er mit fast zwölf Lauf-Kilometern alle anderen, auch Khedira und Schweinsteiger.
Seine Klasse, die er zuvor beim 1:1 im Auftaktspiel gegen Spanien gezeigt hatte oder dann beim Sieg gegen England im Viertelfinale, als er den lässigsten und technisch vielleicht perfektesten „Panenka“ der Geschichte schoss, den gelupften Elfmeter mitten ins Tor, hatte die Deutschen so verunsichert, dass sie, nur um ihn zu stoppen, den Glauben an die eigenen Stärken verloren - und durch Löws Umstellungen von der Rolle kamen. Und dann schauten sie ihm doch nur wie hypnotisiert zu, als er den Pass spielte, der ihre Linien durchschnitt.
Bastian Schweinsteiger, laut „Gazzetta dello Sport“ von Pirlo zum „Regisseur-Lehrling“ degradiert, hätte es wissen können - er hatte schon im Halbfinale 2006 den besten Zuschauerplatz, als er in der 119. Minute genau wie Metzelder und Friedrich von Pirlo genarrt wurde, bevor dessen Pass auf Grosso das deutsche WM-Sommermärchen beendete.
„Er ist der beste von allen“
Pirlo hat auch als Spielmacher des Weltmeisters und als zweimaliger Gewinner der Champions League mit dem AC Mailand nie die letzte individuelle Anerkennung bekommen. Denn er hält sich gern im Hintergrund: auf dem Platz, wo er gern aus dem Rückraum agiert, wie außerhalb. So wurde 2006 der Abwehrkollege Fabio Cannavaro als bester WM-Akteur und als „Weltfußballer“ ausgezeichnet.
Dann schien Pirlos beste Zeit plötzlich vorbei, als ihn Milan 2011 mit 32 Jahren ausmusterte. Er ging ablösefrei zu Juventus Turin - und führte den Rekordmeister ohne Niederlage in 38 Saisonspielen zum ersten Titel seit neun Jahren. Und bei der EM ist er nun „everybody’s darling“. Ihm gelten die Schwärmereien von Fans, Kollegen und Reportern. Sollte er Italien im Finale an diesem Sonntag auch zum Sieg gegen Spanien führen, könnte er am Ende des Jahres beim „Ballon d’Or“, der Wahl des weltbesten Kickers, sogar das Monopol von Lionel Messi knacken.
„Er hat es verdient. Er ist der Beste von allen“, sagt sein Nationaltrainer Cesare Prandelli. Und die „Gazetta“, die tägliche Bibel des italienischen Fußballs, schrieb gar: „Er ist ein Begnadeter. Er ist wie Mozart, der ein Requiem für die Deutschen komponiert.“
Ich freue mich heute Abend Andrea Pirlo als "Maestro" erneut
bestaunen zu können.
Christoph Runge (Chris271)
- 01.07.2012, 17:39 Uhr
Heldenverehrung gerne - aber nicht auf Kosten der Genauigkeit
Thomas Seifert (Thomas_Seifert)
- 01.07.2012, 14:30 Uhr
Die Fussballwelt scheint etwas...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 01.07.2012, 11:18 Uhr