Wenn Portugal an diesem Donnerstagabend (20.45 Uhr/Live im FAZ.NET-Ticker) das erste EM-Viertelfinale gegen Tschechien spielt, setzt die Seleção ein weiteres Ausrufezeichen im internationalen Fußball: Das südwesteuropäische Land stellt das einzige Nationalteam, das sich nun schon zum fünften Mal nacheinander bei einer EM oder WM in der Gruppenphase durchsetzen konnte. Cristiano Ronaldo hat sich damit schon jetzt häufiger für eine K.-o.-Phase eines großen Turniers qualifiziert als die ehemaligen portugiesischen Fußballikonen Luis Figo, Rui Costa oder Eusébio.
Dennoch ist kein Kapitän der Seleção bisher so sehr ins Kreuzfeuer der portugiesischen Medien genommen worden wie Ronaldo bei dieser Endrunde. Auch nach der Galavorstellung des Stürmerstars gegen die Niederlande lag die Versöhnung mit den Portugiesen zunächst auf Eis. Außer zu den Interview-Pflichtterminen stellte sich kein Nationalspieler den Fragen der portugiesischen Pressevertreter - aus Protest gegen die zwischenzeitlich vernichtende Kritik an Ronaldo.
Nationaltrainer Paulo Bento kann die Aufregung um die schwankende Form seines Superstars eigentlich nur recht sein. Im Schatten des Medienrummels hat Bento seine Turniermannschaft längst gefunden. Portugal ist das einzige EM-Team, das in allen drei Gruppenspielen mit derselben Formation auflief; und auch gegen Tschechien vertraut Bento auf seine gewohnte Startelf.
In Brasilien geboren, nach einem Deutschen benannt
Cristiano Ronaldo mag zwar auf dem Platz die Kapitänsbinde tragen. In entscheidenden Momenten lebt die Seleção jedoch von der Motivationskraft eines Mannes, der 1983 in der nordöstlichen brasilianischen Großstadt Maceió geboren und nach einem deutschen Astronomen benannt wurde: Képler Laveran Lima Ferreira oder kurz Pepe genannt.
Der Innenverteidiger von Real Madrid, der vor dem Turnier zum ersten Mal zum Kreis der fünf Nationalmannschaftskapitäne gewählt worden war, ist nach einhelliger Meinung portugiesischer Sportkommentatoren bisher Portugals bester Turnierspieler. In entscheidenden Momenten treibt Pepe eine Mannschaft an, die in der Vergangenheit große Probleme gezeigt hatte, Gegentore wegzustecken. Auch nach dem späten 2:2-Ausgleich der Dänen im zweiten Gruppenspiel drohte das portugiesische Team auf Abwege zu geraten, zumal sich Ronaldo in desolater Form präsentiert hatte.
„Einer der besten Abwehrspieler der Welt“
Doch Pepe trieb die Seleção mit seinem energisch-athletischen Stil nach vorne und motivierte die Kollegen zum Nachsetzen. Dass er später zum „Mann des Spiels“ gekürt wurde, lag auch daran, dass er gegen Dänemark zum 1:0 getroffen und damit wie vier Jahre zuvor den ersten EM-Treffer Portugals erzielt hatte. Vor allem sei Pepe „einer der besten Abwehrspieler der Welt“, sagt der Deutsche Mesut Özil über seinen Madrider Mannschaftskollegen.
Wie viele andere Nationalmannschaften weltweit hat auch Portugal in jüngster Zeit brasilianische Fußballspieler eingebürgert. Deco war jahrelang das Herzstück des portugiesischen Mittelfeldes; und der Stürmer Liedson sorgte mit seinen Toren für die Qualifikation zur WM 2010. Trotzdem stieß auch die Einbürgerung von Pepe im Herbst 2007 zunächst auf Widerstand. Dahinter steckt der Reflex einer kleinen Fußballnation wie Portugal, das aufgrund seiner sprachlichen und kulturellen Nähe zu Brasilien zum natürlichen Anlaufpunkt unzähliger Fußballer aus Südamerika geworden ist.
Ein Drittel aller Erstligaspieler in Portugal sind Brasilianer. Die Beziehungen zwischen den Europäern und Südamerikanern sind vielschichtig und teilweise von Vorurteilen überlagert. Mittlerweile stellen die Brasilianer die größte Migrantengruppe in Portugal und werden in der Boulevardpresse häufig mit steigender Kriminalität und Prostitution in Verbindung gebracht.
Kein eingebürgerter Brasilianer hat jedoch so schnell die Herzen der Portugiesen gewonnen wie Pepe. Der 29-Jährige, der mit einer Portugiesin verheiratet ist, zeigt auf und neben dem Platz große Sensibilität gegenüber seiner neuen Wahlheimat. Pepe singt lautstark die Nationalhymne mit, klopft sich nach dem Torerfolg energisch auf das Wappen auf dem Trikot und bemüht sich, in Interviews europäisches Portugiesisch zu sprechen und seinen brasilianischen Akzent zu vertuschen. „Ich habe immer gesagt, dass ich bereitstehe, Portugal zu helfen“, sagte Pepe vor EM-Beginn, „auf welcher Position, muss der Trainer entscheiden. Wenn Paulo Bento mich ins Mittelfeld schickt, werde ich dort mein Bestes geben.“
Für 30 Millionen nach Madrid
Als 18-Jähriger kam Pepe nach Madeira und spielte bis 2004 für den Inselklub Marítimo, bevor ihn José Mourinho zum FC Porto lockte. Da der portugiesische Erfolgstrainer jedoch im gleichen Sommer zum FC Chelsea ging, trafen sich die beiden erst vor zwei Jahren bei Real Madrid wieder, das den Innenverteidiger 2007 für 30 Millionen Euro verpflichtet hatte. In Spanien hat Pepe nicht nur Erfolgsgeschichte geschrieben. Nach einer Reihe von Tätlichkeiten im Trikot von Real Madrid wurde Pepe bereits der zweifelhafte Titel als größter Bösewicht des Fußballs zugeschrieben. Die Bilder von seinem brutalen Foul an einem Gegenspieler im Mai 2009 haben die Portugiesen tief schockiert.
Denn in der Öffentlichkeit tritt Pepe als bescheidener, gelassener und sehr sympathischer Spieler auf, der selbst nach Niederlagen einen klaren Kopf behält. Auf dem Platz ist der Abwehrchef jedoch zum Teil übermotiviert, auch wenn er in der Seleção sich bisher keinen einzigen Aussetzer geleistet hat. Es scheint, als ob der Respekt vor der neuen Wahlheimat seinen ungezügelten Kampfeswillen so weit ausbremst, dass Pepe grobe Unsportlichkeiten im Trikot der portugiesischen Nationalmannschaft nicht begeht.