07.07.2010 · Das Ende der Lions bedeutet für Spieler, Trainer und Fans einen Neuanfang. Viele fragen sich: Welche Zukunft hat Eishockey in Frankfurt? Antworten von Marc Heinrich und Volker Stumpe.
Der Tag danach – Geht Trainer Chernomaz nach Schwenningen?
Die Zeit drängt. Wer weiterhin sein Geld in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) verdienen möchte, muss rasch einen neuen Klub finden. Ende Juli beginnt allgemein die Saisonvorbereitung, die ersten Punktspiele finden in knapp sieben Wochen statt – ohne Beteiligung der Lions, aber vermutlich mit einigen Lions-Profis. Interessenten für die arbeitslos gewordenen hessischen Cracks gibt es: Sean Blanchard wird mit dem EHC München in Verbindung gebracht, Ian Gordon soll sich mit Ingolstadt so gut wie einig sein, die beiden Youngster Thomas Oppenheimer und Simon Danner stehen auf dem Wunschzettel ihres Entdeckers Karl-Heinz Fliegauf, der einst Manager der Löwen war und nun beim EHC Wolfsburg arbeitet. Auch Rich Chernomaz ist ein begehrter Trainer, der sich mit seinen Erfolgen in Frankfurt einen erstklassigen Ruf erworben hat. An einer Verpflichtung des Kanadiers ist der ERC Schwenningen interessiert – der Schwarzwälder Traditionsverein spielt in der zweiten Liga, was wie ein Abstieg anmutet, doch durchaus Sinn machen könnte, weil Chernomaz mit dem Ort und Klub gute Erinnerungen verbindet – es waren seine ersten Stationen in Deutschland nach dem Umzug aus Kanada 1995.
Mitarbeiter der Geschäftsstelle, zuletzt waren es nach der Trennung von Geschäftsführer Stephan Werner nur noch fünf Angestellte, begannen am Dienstag mit der Kündigung der Spielerwohnungen und der Organisation der Rückgabe der Autos, die Sponsoren dem Team zur Verfügung gestellt hatten. Außerdem fing der vorläufige Insolvenzverwalter Fabio Algari damit an, die Lions-GmbH nach juristischen Vorschriften und Regeln aufzulösen. „Ich werde auf der Basis der bestehenden Fakten ein Gutachten erstellen. Ich rechne mit einer Eröffnung des Insolvenzverfahrens beim Amtsgericht in vier bis fünf Wochen“, sagte Algari. Sein Rettungsversuch war auch an einem akuten Fehlbetrag „nahe an der Ein-Millionen-Grenze“ – wie Algari betonte – gescheitert.
Young Lions – Der Weg zurück beginnt in der vierten Liga
Wer sich in Frankfurt für Eishockey interessiert, kommt künftig an den Young Lions nicht vorbei. In dem Verein, der 500 Mitglieder zählt, waren bislang der Nachwuchs und die Amateure organisiert, die fernab des Scheinwerferlichts, das auf das Profiteam der Lions fiel, ihren Sport betrieben. Die erste Mannschaft der Young Lions, die sich aus 24 Akteuren rekrutiert, die aus dem Rhein-Main-Gebiet stammen, spielte zuletzt unter Anleitung der Trainer Jaufmann und Valenti in der NRW-Liga – der vierten Klasse. Auf die Möglichkeit, von Herbst an in der drittklassigen Oberliga anzutreten, verzichteten die Young Lions vor fünf Tagen – aus finanziellen Gründen.
Seit der Übernahme der Lions durch Siggi Schneider wurden die Young Lions pro Saison mit 100.000 Euro unterstützt. Geld, das ab sofort nicht mehr fließen wird. „Trotzdem überwiegen die Chancen die Risiken“, sagt Vereinsvorsitzender Stephan Welp: „Wenn wir es jetzt richtig machen, können wir das Frankfurter Eishockey seriös von unten neu aufbauen.“ Weiteres Ziel: Die Etablierung eines Teams in der Deutschen Nachwuchs Liga, der obersten Klasse für Teenager, das kontinuierlich Talente hervorbringt und den Verein nach oben bringt. „Wir müssen jetzt so seriös wie möglich wirtschaften, um nicht wie die Lions in den Strudel gezogen zu werden“, sagt Young-Lions-Verwaltungsrat Axel Erk.
Alleine aus Elternbeiträgen und Spenden sei der Neubeginn nicht zu finanzieren, für ein DNL-Team werden rund 120.000 Euro jährlich veranschlagt, die Suche nach Sponsoren läuft. „Vor allem die Fehler der Vergangenheit dürfen wir nicht wiederholen und irgendwann auf ein unseren Weg die Nerven verlieren und statt einheimischen Nachwuchsleuten Söldner aus Nordamerika aufbieten“, mahnt Erk. Es gibt den Plan, die beiden ehemaligen Frankfurter Publikumslieblinge Ilja Worobjew und Michael Bresagk bis zum Ende des Sommers zum Mitmachen zu animieren. Auch eine Umbenennung, um den Namen Lions zu verlieren, der in der Region nun nachweislich nicht den besten Ruf besitzt, ist im Gespräch.
Die Regionalliga-Saison, an der sich auch noch Troisdorf, Herford, Neuwied, Darmstadt und Iserlohn beteiligen, beginnt für die Young Lions am 1. Oktober mit einem Gastspiel im sauerländischen Ort Netphen. Sie kalkulieren bei ihren Heimpartien mit einem Zuschauerschnitt von 600. Das erste Heimspiel am 10. Oktober gegen Iserlohn aber könnte zu einem Happening werden. Derzeit planen die enttäuschten Löwen-Fans eine Aktion namens „Pro Eishockey in Frankfurt“. Das Ziel: Sie wollen die Eissporthalle mit 7000 Zuschauern füllen und damit zeigen, dass diese Sportart nicht sterben darf.
Die Fans leiden – und planen eine Gedenkveranstaltung
Trauer, Entsetzen, Wut – und jede Menge Pathos. Die Fans der Lions leiden, im Internetforum herrscht seit Montag Hochbetrieb. Viele fragen sich schon heute: Was machen zwischen September und März? „Tja, das wird wohl ein langer Winter werden, wenn die Spiele der Lions wegfallen. Ich habe all die Jahre ab September meinen Schichtplan immer so gebastelt, dass ich zu jedem Heimspiel gehen konnte“, schreibt einer namens „Hercules“. „Gooni“ bedankt sich „bei den Frankfurt Lions für viele schöne Jahre, für Wunderkerzen, Popcorngeruch, brutale Abstürze und tief empfundene Emotionen. Für Tränen, Tore und Momente. Für das tollste Hobby, welches ich mir jemals hätte wünschen können.“
Die Fans kramen in den Erinnerungen an die gute alte Zeit, die im Jahr 1991 mit der Gründung der „Löwen“ begann und mit dem Durchmarsch bis hinauf in die DEL endete. „Tina“ schwärmt noch heute vom legendären Zweitliga-Aufstiegsspiel gegen den EV Landsberg 1993 in Kaufbeuren: „An jedem Bahnhof, wo der Sonderzug hielt, mussten die Schaffner tanzen, der ganze Zug ist gehüpft, und ganz Kaufbeuren war Pink/Türkis, der Marktplatz, jedes Café und jede Kneipe, die man betrat: Die Löwen waren schon da.“ Und immer wieder fallen Namen einstiger Helden. Robert Reichel, der beste Eishockeyspieler, der jemals in Frankfurt gespielt hat. Len Barrie, der schlitzohrige und zupackende Stürmerstar aus Kanada. Bernie Johnston, mal Trainer, mal Manager, manchmal beides, der die Lions zu seinen „Bernie-Boys“ machte – oft mit durchschlagendem Erfolg. Oder Pat Lebeau, der unwiderstehliche Stürmer des Meisterteams 2004, der als „König der Löwen“ galt.
Es geht dieser Tage nicht immer sachlich zu, wenn die Frage nach dem Schuldigen gestellt wird. Für viele Anhänger ist Lions-Chef Siggi Schneider der Buhmann, der Mann, der den Laden dicht gemacht hat, der also angeblich schuld ist am Untergang des Traditionsklubs. Natürlich machen es sich die Fans zu einfach. Aber man kann es fast verstehen; sie sind emotional aufgeladen. Einmal wollen sie sich noch treffen, am 25. Juli an der Eissporthalle. Eine Art Gedenkveranstaltung. Die ursprüngliche Idee, einen Kranz niederlegen zu wollen, wurde verworfen. Nun wollen die Anhänger eine Tafel anbringen. Aus Granit oder Aluminium oder rostfreiem Stahl. Auch über die Gravur wird noch diskutiert. Ein Vorschlag lautet: „Oben die Daten (1991 – 2010), in der Mitte der Löwenkopf. Und unten: Danke für alles, Eure Fans!“