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Abschied des Ministerpräsidenten Peter Harry geht

 ·  Peter Harry Carstensen war vermutlich der beliebteste Ministerpräsident, den Schleswig-Holstein je hatte. Eine ungewöhnliche Karriere und ein beeindruckender Abschied in Kiel.

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Sein letzter Arbeitstag soll der 8. Juni sein, wenn ein neuer Ministerpräsident vom Landtag gewählt wird. Am Sonntag wird bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein ein knappes Ergebnis erwartet, weshalb es sein könnte - wie vor Jahren in Hessen -, dass alles komplizierter wird und der Ministerpräsident geschäftsführend im Amt bleiben muss. Peter Harry Carstensen (CDU) wünscht das nicht. Er ist jetzt 65 Jahre alt. Ein Schwächeanfall vor ein paar Wochen im Landtag zeigte, dass seine Gesundheit angegriffen ist.

Viel wichtiger aber ist: Er hat noch einmal die Liebe gefunden und will das Leben genießen. Er hatte rechtzeitig angekündigt, für die nächste Landtagswahl nicht mehr anzutreten. Die freilich wäre normalerweise erst in zwei Jahren gewesen. Aber dann kürzte das Landesverfassungsgericht die Legislaturperiode um die Hälfte und forderte eine vorgezogene Neuwahl mit einem neuen Wahlgesetz. Carstensen blieb damit nur die Möglichkeit, mit Anstand die Restzeit auszufüllen und wie alle in der CDU zu hoffen, dass die Partei auch ohne ihn gute Wahlergebnisse erzielt - denn mit ihm hätte sie die Wahl wohl gewonnen.

Ralf Stegner blieb sitzen

In der vergangenen Woche hat Carstensen seine letzte Landtagsrede gehalten. Er konnte sie nur unter Tränen beenden. Es war ein emotionaler Moment in der Landesgeschichte. Umso unanständiger war es vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Ralf Stegner, sich nicht wie alle anderen im Landtag zu erheben, um Carstensen zu ehren. Der SPD-Spitzenkandidat, der Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig, musste später Stegners Verhalten, immerhin das Verhalten seines Parteivorsitzenden, öffentlich kritisieren.

Carstensen und Stegner stehen sich nicht nur politisch fern, sie können einander auch nicht ausstehen. Diese persönliche Beziehung hat die Landespolitik jahrelang mitbestimmt. Sie war es auch, die erst zum Rauswurf Stegners aus dem ersten Kabinett Carstensen in der Zeit der großen Koalition führte (er war dort Innenminister und wurde Fraktionsvorsitzender, was er heute noch ist) und dann zum Bruch des ungeliebten Bündnisses. Carstensens Abschied von der politischen Bühne wäre Gelegenheit gewesen, den Zwist zu beerdigen, aber Stegner konnte wohl nicht.

Fairerweise muss man sagen, dass es auch in der CDU genug Leute gab, die wenig oder nichts von Carstensen hielten. Noch im Wahlkampf 2005, als Carstensen erstmals Spitzenkandidat war, dachte die Partei an ein Auswechseln. Parteivorsitzender war Carstensen 2002 ja auch nur geworden, weil sich kein anderer fand.

Der gelernte Landwirt, geboren auf einem Bauernhof an der Westküste auf Nordstrand, saß seit Anfang der achtziger Jahre im Bundestag, wegen seiner launigen Art gemocht und mit allen Finessen des parlamentarischen Betriebes bestens vertraut. In Schleswig-Holstein tobte derweil die innerparteiliche Fehde. Am Ende lief alles auf Carstensen zu, denn er hatte sich aus den Konflikten um die Kieler Ämter herausgehalten. Einmal Vorsitzender geworden, war er dann auch der natürliche Spitzenkandidat.

Voller Lob für Heide Simonis

Der Wahlkampf rumpelte ein wenig. Auch hatte ein Gespräch mit der „Bild“-Zeitung seine Autorität untergraben. Als Witwer suche er eine neue Frau, hatte er über die Zeitung wissen lassen. Die Partei befürchtete eine Niederlage. Aber Carstensen sagte, er habe ein gutes Gefühl. Er sollte recht behalten, wenn auch anders als gedacht. Die CDU kam auf mehr als 40 Prozent. Aber Rot-Grün versuchte, als Minderheitsregierung mit Duldung des Südschleswigschen Wählerverbandes (SSW) - die „Dänen-Ampel“, von der auch jetzt wieder viel die Rede ist - an der Macht zu bleiben.

So wäre es auch gekommen, wäre die Ministerpräsidentenwahl von Heide Simonis nicht spektakulär an einer Stimme aus dem eigenen Lager gescheitert. Die SPD wurde zu Verhandlungen mit der CDU gezwungen. Carstensen wurde Ministerpräsident. Spricht man ihn heute auf seine damalige Gegnerin Simonis an, ist er voller Lob: Sie habe, obwohl doch von spitzer Zunge, später niemals unerbetenen Rat erteilt oder sich irgendwie in seine Arbeit eingemischt. So will natürlich auch er es halten.

Carstensen liebt die Geradlinigkeit

Seine Stärke bestand von Anfang an darin, von der Politik nicht leben zu müssen. Er hat beim Aufbau von Windkraftanlagen ein Vermögen gemacht. Ein-, zweimal hat er auch gedroht, einfach alles hinzuwerfen. Das hat die Partei augenblicklich diszipliniert. Die große Koalition im ersten Kabinett Carstensen war eine Noteinrichtung. Die CDU wollte sie so schnell wie möglich aufgeben. Es gelang ein strategisches Meisterwerk: Carstensen kündigte die Koalition zu einem Zeitpunkt auf, bei dem die Neuwahl mit der Bundestagswahl 2009 ermöglicht wurde. Carstensen bekam den Wunschpartner, die FDP, freilich mit einem schlechteren Ergebnis als gedacht - mit nur einem Mandat mehr im Landtag. Das hatte allerdings eine disziplinierende Wirkung. Carstensen liebt die Geradlinigkeit, auch wenn sie manchmal stürmisch daherkommt. Peter Harry wird er allgemein genannt, auch seine Internetseite heißt so. Taktieren ist nicht die Art des Zwei-Meter-Mannes mit den breiten Schultern und den gewaltigen Händen. Unter anderem deshalb mochte er Stegner nicht.

Wenn Carstensen aber von einer Sache überzeugt ist, dann setzt er sie durch. Er setzte sich an die Spitze der Bewegung gegen die Monokultur Maisanbau in der Landwirtschaft: „Lebensmittel gehören auf den Teller und nicht in den Tank.“ Um das zu demonstrieren, hatte er eine Zeitlang sogar eine Versuchsanordnung bei sich, um den Unsinn der Spritgewinnung zu demonstrieren. So ähnlich war es, als er gemeinsam mit Finanzminister Wiegard (CDU) und der FDP eine neue Haushaltspolitik durchsetzte. Er reiste mit Diagrammen durch das Land, die zeigten, wo die Verschuldungspolitik hinführen muss - in griechische Verhältnisse.

Merkel bat ihn, noch einmal anzutreten

Dass viele im Land wegen der Kürzungen lautstark protestierten und den Ministerpräsidenten schmähten, hat den sonst so fröhlichen und lebenslustigen Peter Harry getroffen und wahrscheinlich auch seinen Abschied aus der Politik erleichtert. Eine ganz andere Enttäuschung für ihn wurde der Mann, den er gern als Nachfolger gesehen hätte: Christian von Boetticher Carstensen machte Boetticher erst zum Partei-, dann zum Fraktionsvorsitzenden. Als er zum ersten Mal von Boettichers Beziehung zu einem sechzehn Jahre alten Mädchen hörte, musste er feststellen, als einer der Letzten davon zu erfahren. Auch da blieb er sich treu: Er machte Boetticher sogleich klar, dass er zurückzutreten habe.

Seinen eigenen Abschied aus der Politik hat Peter Harry Carstensen beeindruckend hinbekommen. Vermutlich war er der beliebteste Ministerpräsident, den das Land je hatte. Die CDU-Vorsitzende, Kanzlerin Merkel, bat ihn, doch noch einmal für die Wahl anzutreten. Für Carstensen kam das nicht mehr in Frage. Für ihn gibt es ein Leben nach der Politik. Vermutlich dann sogar wieder in der Politik. Er will sich weiter mit dem Thema Welternährung beschäftigen.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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