Für den Geschmack mancher seiner Anhänger hat Mitt Romney viel zu lange gezögert. Erst am Dienstag ließ der republikanische Präsidentschaftskandidat einen Videoclip veröffentlichen, in dem er sich wütend zur Wehr setzt. „Was sagt es über den Charakter eines Präsidenten aus, wenn sein Wahlkampfstab aus dem tragischen Tod einer Frau politisches Kapital zu schlagen versucht?“, heißt es darin. Und: „Verdient Amerika nicht etwas Besseres als einen Präsidenten, der alles sagen oder tun wird, nur um an der Macht zu bleiben?“
Am Sonntag hatte Romney bei einer Wahlkampfveranstaltung mit seinem tags zuvor ernannten Vizepräsidentschaftskandidaten Paul Ryan in dessen Heimatstaat Wisconsin Präsident Obama erstmals öffentlich aufgefordert, seinen „Wahlkampf aus der Gosse zu holen“. Romney wiederholte seinen Appell am Montag bei einem weiteren Wahlkampfauftritt in Florida, wo er vor allem um die Stimmen von Senioren warb, während „running mate“ Ryan in Iowa schon auf eigener Wahlkampftour unterwegs war.
Recherchen verschiedener Zeitungen und Organisationen
Romneys Zorn richtete sich gegen einen kurzen Werbefilm, den das sogenannte „Super Action Committee“ (Super-PAC) „Priorities USA Action“ produziert hat und vor allem in den besonders hart umkämpften Bundesstaaten Florida, Iowa, Ohio, Pennsylvania und Virginia im Fernsehen ausstrahlen lässt. In dem 60-Sekunden-Clip kommt der ehemalige Stahlarbeiter Joe Soptic zu Wort, der sichtbar mit den Tränen ringt. Soptic war einst Stahlkocher in einem Werk von „GST Steel“ in Kansas City im Bundesstaat Missouri, das 1993 von einer Investorengruppe gekauft wurde. Zu den Investoren gehörte auch die von Mitt Romney gegründete Bostoner Fondsgesellschaft „Bain Capital“ - mit einem Anteil von acht Millionen Dollar an der Gesamtinvestitionssumme von 75 Millionen Dollar.
Soptic erzählt: „Als Mitt Romney und Bain das Werk schlossen, verlor ich meine Krankenversicherung, und auch meine Familie verlor ihre Krankenversicherung. Kurz darauf wurde meine Frau krank. Ich weiß nicht, wie lange sie sich schon schlecht fühlte, vielleicht hat sie nichts gesagt, weil sie wusste, dass wir uns die Krankenversicherung nicht leisten konnten. Doch eines Tages wurde sie sehr krank, und ich brachte sie ins Krankenhaus, wo man sie wegen einer Lungenentzündung behandelte und später Krebs im Stadium vier feststellte. Sie konnten nichts mehr für sie tun. Nach 22 Tagen ist sie gestorben. Ich glaube nicht, dass Mitt Romney versteht, was er anderen Leuten antut, und ich glaube nicht, dass es Mitt Romney kümmert.“
Während Soptic spricht, werden in dem Clip Bilder von dem mit Stacheldrahtzaun umgebenen Stahlwerk sowie von Romney gezeigt, wie er lächelnd an einem Tisch in einem Besprechungsraum sitzt.
Nach Recherchen verschiedener Zeitungen und Organisationen hielt „Bain Capital“ seinen Anteil an „GST Steel“ von Oktober 1993 bis 2001. Dann fusionierte „GST Steel“ mit einem Stahlunternehmen in South Carolina, woraufhin das Werk in Kansas City geschlossen wurde. Soptics Frau Ilyona starb 2006. Frau Soptic behielt nach der Entlassung ihres Mannes ihre eigene Versicherung; sie war erst dann nicht mehr gegen den Krankheitsfall versichert, als auch sie ihren Job verlor. Romney hatte „Bain Capital“ 1999 verlassen, um den Planungsstab für die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City von 2002 zu leiten.
Filialen der offiziellen Wahlkampfstäbe
Angesichts der Aufregung gaben das Weiße Haus und Obamas Wahlkampfstab nun vor, den Fall der Eheleute Soptic gar nicht zu kennen. Dabei ist Joe Soptic ein alter Bekannter der Obama-Leute: Er fand mit seiner tragischen Geschichte schon Mitte Mai in einem Video mit dem Titel „Steel“ Verwendung, das von Obamas eigenen Wahlkämpfern der Organisation „Obama For America“ produziert wurde. Außerdem erzählte Soptic bei einer von Obamas Wahlkampfmanagerin Stephanie Cutter - ebenfalls Mitte Mai - organisierten Telefonkonferenz für Journalisten vom Krebstod seiner Frau. Für das mit haltlosen Unterstellungen gesättigte Tragik-Recycling des Joe Soptic zur Bloßstellung Romneys als herzloser Finanz-Heuschrecke werden der Präsident und seine Wahlkämpfer inzwischen auch von den linken Medien gescholten.
Vor dieser Kritik konnte den Präsidenten erst recht nicht die Beteuerung seiner Leute bewahren, mit dem Super-PAC „Priorities USA Action“ habe Obama nichts zu tun. Das muss der Kandidat nämlich schon deshalb sagen, weil nach einem Urteil des Obersten Gerichts die den beiden Parteien jeweils nahestehenden Super-PACs ohnehin nur dann unbegrenzt Spenden sammeln und für ihre politischen Belange einsetzen dürfen, wenn sie von den Wahlkampforganisationen der Parteien und der Kandidaten unabhängig sind.
In Wahrheit aber sind die Super-PACs zweifellos Filialen der offiziellen Wahlkampfstäbe. Die Chefs von „Priorities USA Action“ etwa sind Bill Burton, einst stellvertretender Pressesprecher Obamas im Weißen Haus, und Sean Sweeny, der früher das Büro von Obamas einstigem Stabschef Rahm Emanuel im „West Wing“ leitete und wegen seines ruppigen Polit-Stils als „Rahmbo“ bekannt ist. Der konservative Super-PAC „Restore Our Future“ wiederum wurde 2010 von ehemaligen Mitarbeitern Mitt Romneys aus dessen Wahlkampfstab von 2008 zu dem einzigen Zweck gegründet, dem früheren Gouverneur von Massachusetts bei dessen zweitem Anlauf aufs Weiße Haus zu unterstützen. Im innerparteilichen Vorwahlkampf der Republikaner Anfang dieses Jahres sparten auch die von „Restore Our Future“ produzierten Videoclips nicht mit heftigen persönlichen Angriffen, über die sich Romneys Konkurrenten Newt Gingrich, Rick Perry und Rick Santorum beschwerten.
Mord an der Oma
Die konservative Kommentatorin Peggy Noonan hat Romney aufgefordert, endlich einmal aus der Haut zu fahren und seinem politischen Instinkt zu folgen, anstatt immer nur seinen Zorn zu mäßigen und seine Gefühle zu kontrollieren. „Wenn dich jemand öffentlich einen Killer nennt, dann ist eine wuchtige Antwort angezeigt. Wache auf, werde wütend, sei menschlich, schließlich kämpfen wir hier für unser Land!“, schrieb sie im „Wall Street Journal“. Sollten Romney und Ryan den Ratschlag der einstigen Redenschreiberin von Ronald Reagan befolgen, dürfte es bald noch giftiger im amerikanischen Wahlkampf zugehen.
Denn soeben veröffentlichte die linke Organisation „The Agenda Project“ die neueste Version ihres berüchtigten Videoclips „Granny Over the Cliff“. Darin ist zu sehen, wie ein Mann im dunklen Anzug, der Paul Ryan sein soll, ein im Rollstuhl sitzendes Großmütterchen auf eine Klippe zurollt. Mit kräftigem Schwung wird „Granny“ - beziehungsweise eine Oma-Puppe - von Ryan über die Klippe gekippt. Der Mord an der Oma soll die angeblichen Folgen der von Ryan vorgeschlagenen Reform der Senioren-Krankenversicherung „Medicare“ symbolisieren.
Aber Hallo, das können wir Deutschen doch wirklich besser...!
Robert Bendix (1.Senator)
- 20.08.2012, 22:22 Uhr
Wunderbare Spiegel der US-Gesellschaft: Verlust der Krankenversicherung
& Schlammschlachten bei Wahl
Markus Misselwitz (OneWorld123)
- 20.08.2012, 17:01 Uhr
Ausgerechnet amerikanische "Konservative" beschweren sich
über Unfairness?
Thorsten Haupts (ThorHa)
- 15.08.2012, 12:31 Uhr
Geschmacklos! Aber so sind eben "Sozialdemokraten", wenn es um
die macht geht.
Closed via SSO (shoppe57)
- 15.08.2012, 08:48 Uhr