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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Paul Ryan Einer von Obamas Lieblingsfeinden

 ·  Der amerikanische Präsident hat Paul Ryan einmal vorgeworfen, er verfechte einen Sozialdarwinismus. Der junge Kongressabgeordnete, mit dem Mitt Romney ins Weiße Haus einziehen will, steht für einen strikten Sparkurs. Das begeistert die „Tea Party“.

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© AFP Noch kaum bekannt: Mit der Hilfe Paul Ryans (rechts) will Romney Amtsinhaber Obama schlagen.

Natürlich hat Paul Ryan die Familie mitgebracht. „Ich möchte, dass Sie meine Familie kennenlernen“, ruft er: „Meine Frau Janna, unsere Tochter Liza und unsere Söhne Charlie und Sam.“ Das kommt gut an. Die Kinder sind sieben, acht und zehn Jahre alt. Ehefrau Janna ist blond. Die Menge vor der „USS Wisconsin“ im Hafen von Norfolk jubelt und schwenkt energisch ihre amerikanischen Fähnchen. „Ich bin umgeben, von Menschen, die ich liebe“, fährt Ryan fort: „Und Mitt Romney hat mich gebeten, dem Land zu dienen, das ich liebe.“ Auch diese Sätze sitzen. Jemand vor der Rednertribüne ruft: „Wir lieben Dich auch!“ Ryan schaut ins Publikum: „Ich liebe Euch auch!“

Diese zusätzliche Liebesbezeugung ans begeisterte Publikum ist eine der gerade einmal zwei feststellbaren Abweichungen vom sorgsam verfassten Drehbuch im Verlauf des Samstags, den Mitt Romney später „großartig“ nennen wird. Die erste war ein Versprecher des Präsidentschaftskandidaten selbst: Zum Abschluss seiner eigenen Rede hatte Romney seinen „Running Mate“ Ryan im Eifer des Gefechts gleich als „den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten“ eingeführt. Der gleiche Versprecher war dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama vor vier Jahren bei der Vorstellung seines Vizepräsidentschaftskandidaten Joseph Biden unterlaufen. Romney korrigierte sich, ehe er das Wort an Ryan übergab: „Ich bin dafür bekannt, hin und wieder Fehler zu machen. Mit diesem Kerl hier habe ich gewiss keinen Fehler gemacht. Aber ich kann Euch sagen, dass er der nächste Vizepräsident der Vereinigten Staaten sein wird.“

Bis dahin ist es noch ein langer Weg, gewählt wird am 6. November. Umso mehr setzten die teils überraschten Republikaner am Wochenende darauf, den Schwung von der Küste in Virginia noch durch großes Lob zu vergrößern: Mit der Auswahl des 42 Jahre alten Paul Ryan aus Wisconsin habe Romney einen wichtigen und einen mutigen Schritt getan, tönte es auf allen Kanälen. Manche Republikaner sehen in Ryan ihren intellektuellen Kopf, sie trauen ihm zu, die weltanschauliche Ausrichtung der Partei für eine ganze Generation zu prägen. Ryan hat im April im Repräsentantenhaus den Budgetplan der Republikaner vorgelegt, der gegenüber dem Haushaltsplan von Präsident Barack Obama Ausgabenkürzungen in Hohe von 6,1 Billionen Dollar in den kommenden zehn Jahren vorsieht. Ryan ist als fiskalpolitischer „Falke“ ein Liebling der rechtskonservativen Graswurzelbewegung „Tea Party“, weil er nicht davor zurückschreckt, auch über notwendige Einsparungen bei der staatlichen Rentenversicherung „Social Security“ sowie bei der Senioren-Krankenversicherung „Medicare“ zu sprechen. In moralethischen Streitfragen gibt sich Ryan gemäßigt. Er ist zwar gegen Abtreibung und gegen die Homosexuellenehe, sieht die Zukunft Amerikas aber vor allem durch Schulden und Defizit bedroht.

Eine Blitzumfrage des Nachrichtensenders CNN ergab am Wochenende freilich, dass 54 Prozent der Amerikaner den Abgeordneten mit der schlanken Gestalt eines Mittelstreckenläufers und dem Jungengesicht gar nicht oder allenfalls den Namen nach kennen. Das wird sich nun gründlich ändern. Deshalb ging Ryans Vorstellung ein monatelanger „Durchleuchtungsprozess“ voraus, in dem ein knappes Dutzend möglicher Kandidaten auf etwaige Episoden im Lebenslauf hin überprüft wurde, die einen Schatten auf Romneys Kampagne werfen könnten.

Dass Paul Ryan sich in Norfolk zuerst als junger Vater von drei Kindern präsentiert, ist natürlich auch kein Zufall. Schon werden Vergleiche mit John F. Kennedy gezogen, zumal Ryan – geboren am 29. Januar 1970 in Janesville im Bundesstaat Wisconsin – ebenfalls der Spross einer irischstämmigen katholischen Familie ist. Von Kennedys „schöner Familie“ war das amerikanische Volk Anfang der sechziger Jahre vollständig hingerissen. Auch Barack Obama wucherte vor vier Jahren im Wahlkampf kräftig mit seinen jungen Töchtern Sasha und Malia.

© reuters Romney tritt mit Ryan gegen Obama an

Gleich nach Vorstellung seiner Familie sagt Ryan in Norfolk: „Janesville in Wisconsin ist der Ort, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Eigentlich habe ich den Ort nie verlassen. Dort leben wir auch heute.“ Als Paul Ryan 16 Jahre alt war und noch nicht einmal die Schule abgeschlossen hatte, starb sein Vater an Herzversagen. Auch der Großvater war jung einem Herzinfarkt erlegen. Daraus zog Paul Ryan die Konsequenz, so gesund wie nur möglich zu leben. In der Schule glänzte er nicht nur durch akademische Leistung, er machte auch bei jeder verfügbaren Sportart mit. Seit Jahrzehnten geht er jeden Morgen laufen. Im Repräsentantenhaus in Washington gilt er heute als einer der besten Ausdauersportler. Seine Freizeit verbringt er am liebsten in der Natur: Ryan ist leidenschaftlicher Jäger und Angler.

Nach dem Studium der Wirtschafts- und Politikwissenschaften in Ohio machte Ryan ein Praktikum im Büro des damaligen Senators Robert Kasten. Dort stieg der fleißige junge Mann rasch zum Berater für Wirtschaftspolitik auf. 1996 wurde Ryan bereits Redenschreiber des damaligen Vizepräsidentschaftskandidaten Jack Kemp. Er arbeitete zudem im Senat als Rechtsberater von Sam Brownback aus Kansas. 1998 gelang Ryan im Alter von nur 28 Jahren der Sprung ins Repräsentantenhaus. Sein Wahlkreis im Südosten von Wisconsin ist alles andere als eine sichere Bank für einen Republikaner. Bei Präsidentenwahlen stimmt die Mehrheit dort wie im ganzen Bundesstaat in der Regel für den demokratischen Kandidaten. Doch Ryan ist die Wiederwahl alle zwei Jahre mit jeweils rund zwei Dritteln der Wählerstimmen gelungen. Zuletzt wurde er 2010 mit 68 Prozent der Stimmen für eine siebte Amtsperiode von zwei Jahren gewählt.

2011 stieg Ryan, der stark vom Werk der russisch-jüdischen Emigrantin und konservativen Schriftstellerin Ayn Rand (1905 bis 1982) sowie vor allem von deren 1957 veröffentlichtem Hauptwerk „Atlas Shrugged“ beeinflusst war, zum Vorsitzenden des mächtigen Haushaltsausschusses auf. Dort festigte er seinen Ruf als eiserner Sparpolitiker, der das Steuersystem vereinfachen, die Steuerlast für alle Einkommensschichten verringern und die Sozialkassen für die Zukunft einer alternden amerikanischen Gesellschaft reformieren und zum Teil privatisieren will. Das hat Ryan den Kommentar von Präsident Obama eingetragen, er predige eine Art „Sozialdarwinismus“.

„Nation von Schulden, ZWeifeln und Verzweifelung“

In Norfolk schlägt Ryan zurück. Nach vier Jahren „gescheiterter Führung“ und „verblassender Hoffnungen“ unter Obama sei es an der Zeit, „die Träume und die Größe unseres Landes wiederherzustellen“, sagt er. Die Erinnerung an seinen früh verstorbenen Vater sei vor allem mit Kernsätzen wie dem verbunden, wonach „jede Generation von Amerikanern ihren Kindern ein besseres Auskommen sichert – das ist das Vermächtnis Amerikas“. Doch zum ersten Mal in der Geschichte Amerikas befinde sich das Land „auf dem Pfad, dieses Vermächtnis zu verlieren“. Niemand bestreite, dass Obama sein Amt in einer schwierigen Lage angetreten habe, konzediert Ryan. Doch in den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit, als Obamas Demokraten „Washington vollständig kontrollierten“, habe der Präsident fast seine gesamte politische Agenda durchsetzen können. „Doch das hat die Lage nicht verbessert: Heute sind wir eine Nation von Schulden, Zweifeln und Verzweiflung“, ruft Ryan.

Seit 70 Jahren, analysiert Romneys „running mate“ sodann, habe es keine schleppendere wirtschaftliche Erholung gegeben; die Arbeitslosenquote liege seit mehr als drei Jahren bei mehr als acht Prozent; fast jeder sechste Amerikaner lebe unterhalb der Armutsgrenze; die durchschnittlichen Familieneinkommen seien in den vergangenen vier Jahren um mehr als 4000 Dollar zurückgegangen; das Land habe „das tiefste Defizit und die größte Regierungsbürokratie seit dem Zweiten Weltkrieg“. Dann sagt Ryan: „Wie immer man das erklären oder entschuldigen mag, dies ist ein Zeugnis des Scheiterns.“ Was er von seinen Eltern erfahren habe, gebe er auch seinen Kindern weiter: „Wenn du hart arbeitest und dich an die Regeln hältst, dann kommst du voran.“

Es laufe der Wesensart der Amerikaner zuwider, wie Obama und die Demokraten die Fehler immer bei anderen suchten und Zwietracht säten, sagt Ryan: „Wir sehen den Erfolg der anderen mit Stolz, nicht mit Missgunst. Denn wir wissen, wenn mehr Amerikaner hart arbeiten, Risiken eingehen und Erfolg haben, dann werden mehr Menschen zu Wohlstand kommen, unsere Gemeinden und Städte werden davon profitieren, das Leben jedes Einzelnen wird verbessert.“ Amerika sei die einzige Nation, die auf einer Idee gegründet sei, und zwar auf den „Prinzipien von Freiheit, freiem Unternehmertum und Selbstbestimmung“. Doch die Vorstellung, „dass unsere Rechte von der Natur und von Gott gegeben sind und nicht von der Regierung“, werde heute nicht mehr von allen geteilt. „Deshalb müssen wir als Nation eine kritische Entscheidung treffen“, ruft Ryan, und wieder jubelt die Menge. Gemeinsam mit Romney lege er folgende Versprechen ab: „Wir werden den harten Entscheidungen nicht ausweichen – wir werden führen! Wir werden die Schuld nicht bei anderen suchen – wir werden Verantwortung übernehmen! Wir werden unsere Gründungsideen nicht ersetzen – wir werden sie wieder anwenden!“

Nach diesem Auftritt bestand kein Zweifel: Dieses Wochenende gehörte den Republikanern und ihrem Führungsduo. Es nennt sich „America’s Comeback Team“ und machte sich sogleich auf eine viertägige Bustour durch Virginia, North Carolina, Florida und Ohio. Diese vier „Schlachtfeldstaaten“ sind zwischen Demokraten und Republikanern besonders hart umkämpft. Auch Präsident Obama reist ständig in diese und andere „Battleground States“. Manches spricht dafür, dass sich die Medien noch bis zum Nominierungsparteitag der Republikaner in Tampa in Florida in zwei Wochen intensiv mit dem Gespann Romney–Ryan beschäftigen werden.

Der Paukenschlag, den Romney brauchte

Inzwischen weiß man, dass sich Romney am 1. August für Ryan entschieden hat. An jenem Tag teilte er seiner langjährigen Vertrauten Beth Myers, die mit der gründlichen „Durchleuchtung“ der möglichen Kandidaten beauftragt worden war, seine Wahl mit. Alle möglichen Kandidaten hatten 80 Fragen beantworten müssen. Es ging um mögliche Steuerdelikte und nicht bezahlte Strafzettel – und natürlich um etwaige sexuelle Fehltritte. Romney rief Ryan noch an jenem 1. August an und bat um ein persönliches Treffen. Zu der Begegnung kam es am 5. August. Ryan nahm das Angebot an. Aus Romneys Wahlkampfstab sickerte wie üblich nichts durch. Allgemein wurde damit gerechnet, Romney werde seinen Kandidaten für das Vizepräsidentenamt kurz vor dem Parteitag vorstellen.

Die Vorstellung Paul Ryans vor dem Hintergrund des Museumsschiffs „USS Wisconsin“ war der Paukenschlag, den Romney gerade jetzt brauchte. Zuletzt war es dem Weißen Haus – unterstützt durch eine Titelgeschichte der Wochenzeitschrift „Newsweek“ über den „Schwächling Romney“ – gelungen, die Debatte über den republikanischen Herausforderer des Präsidenten zu bestimmen. Von Romneys angeblicher Zaghaftigkeit, ja Feigheit war mehr die Rede als von der jüngst wieder gestiegenen Arbeitslosenquote, vom Schuldenberg und von der anhaltenden Wirtschaftskrise. Die Vorstellung Paul Ryans vor dem mit Flaggen drapierten Kriegsschiff war nun so etwas wie der erste Kanonenschuss der heißen Phase des Wahlkampfes. Die „USS Wisconsin“, die 1943 in Dienst gestellt wurde, zuletzt beim Golfkrieg von 1991 zur Befreiung Kuweits von den Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein im Einsatz war und seit 2000 im Hafen von Norfolk besichtigt werden kann, hat einen offiziellen Schlachtruf: „Vorwärts für die Freiheit“.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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