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Obamas Wahlkampf Schuh- und Mundwerk

 ·  Die Fixierung auf die angesagteste Kommunikationstechnologie verstellte den Blick auf die wahrscheinlich wichtigere Seite der Kampagne: Obama hat nicht per Twitter gewonnen. Sein Team wusste exakt, mit wem es zu tun hatte.

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© dapd Obamas Helfer: Zwei ehrenamtliche Wahlkampfhelfer freuen sich über die Wiederwahl des Präsidenten

Rich Beeson hat sich getäuscht. „Schaufenster in obskuren Städten werden nicht mehr Wählerstimmen einbringen“, pflegte der politische Direktor von Mitt Romneys Wahlkampfteam zu sagen. Er hatte natürlich gewusst, dass Obamas Leute in den besonders umkämpften „Schlachtfeldstaaten“ mit wechselnden Mehrheiten schon vor mehr als einem Jahr über eine stolze Anzahl von Wahlkampfbüros verfügten. Oft waren es doppelt oder gar dreimal so viele wie die der Republikaner. Doch Beeson und seine Kollegen hatten aus Obamas Wahlkampf von 2008 nicht die richtigen Lehren gezogen.

Der wurde landläufig zwar als der erste Wahlkampf bestaunt, der gleichsam im Internet ausgefochten und gewonnen wurde: mit Millionen E-Mails, die gerade Jungwähler mobilisiert hätten. In ähnlicher Weise wurde dem Wahlkampf dieses Jahres schon früh das Etikett der „ersten Twitter-Kampagne“ angeheftet, weil der Kurznachrichtendienst zur bevorzugten Informationsquelle von Millionen jungen Menschen geworden sei - die Bedeutung eines Ereignisses, die Leistung eines Kandidaten in einer Debatte wurde mancherorts mit der Zahl der „Tweets“ gleichgesetzt. Doch die Fixierung auf die Nutzung der jeweils angesagtesten Kommunikationstechnologie verstellte 2008 wie 2012 den Blick auf die andere, wahrscheinlich wichtigere Seite der Obama-Kampagne: Es ist der traditionelle, fast altmodische Wahlkampf mit ungezählten Büros, mit Scharen bezahlter und ehrenamtlicher Mitarbeiter, die an Telefonen hängen, an Türen klopfen, Plakate kleben und Aufkleber verteilen. Es ist das „Ground Game“, der Einsatz der „Infanterie“ zum sogenannten „Canvassing“, der persönlichen Kommunikation mit potentiellen Wählern. Auf gutes Schuh- und Mundwerk kommt es dabei ebenso an wie auf die Beherrschung des technologischen Werkzeugs.

Riesige Datenbasis von tatsächlichen und potentiellen Wählern

Unmittelbar nach der schweren Niederlage der Demokraten bei den Kongresswahlen im November 2010 begannen die erfahrenen Wegbegleiter von Präsident Barack Obama die Vorbereitungen für die Wahlkampagne des Wahljahres 2012. Im Januar 2011 gaben David Axelrod, Chefberater von Präsident Obama, und der stellvertretende Stabschef im Weißen Haus, Jim Messina, ihre Posten in Washington auf und kehrten nach Chicago zurück. Schon fast zwei Jahre vor dem Wahltermin - und ein Jahr bevor die Republikaner überhaupt mit dem quälenden Vorwahlverfahren zur Bestimmung des Herausforderers begannen - bezogen sie das Wahlkampf-Hauptquartier an der Prudential Plaza in der Heimatstadt des Präsidenten.

Dort hielten sie das Hauptstadt Presse-Korps auf Abstand und machten sich konzentriert an die Arbeit. Jim Messina übernahm von David Axelrod das Management des Tagesgeschäfts. Axelrod, der die Wahlkampagne von 2008 geleitet hatte, kümmerte sich um Taktik und Strategie. Axelrod, Messina und ihr Team konnten auf eine solide Basis aufbauen: das umfassende Netz von Freiwilligen, Unterstützern und Aktivisten, das schon 2008 das „Ground Game“ gewonnen hatte. Dazu kam die riesige Datenbasis von tatsächlichen und potentiellen Wählern, zu denen vor den Wahlen vom November 2012 der Kontakt wiederaufgenommen werden musste. Was die Strategen über die Wähler noch nicht wussten, kauften sie für hohe Millionenbeträge von Datenhändlern.

Fühe Offensive

Obamas Wahlkampfteam nutzte das Jahr 2011, um Büros in den wichtigsten „Schlachtfeldstaaten“ zu mieten, Mitarbeiter einzustellen, das bestehende Netz von 2008 wiederzubeleben und auszubauen. Die strategische Entscheidung, sich auf die Erweiterung der eigenen Stammwähler-Basis zu konzentrieren, legte die Richtung des Wahlkampfes fest: Es ging um Zuspitzung, nicht um Ausgleich. Bis tief in die erste Hälfte des Jahres 2012 hatten Obamas Wahlkämpfer das Feld für sich allein. In ihren turbulenten Vorwahlen lieferten die Republikaner ihnen reichlich Munition für den Hauptwahlkampf. Der spätere Kandidat Mitt Romney rückte weit nach rechts, um sich seiner innerparteilichen Konkurrenten zu erwehren, und tat sich hernach schwer, ohne Glaubwürdigkeitsverlust zurück in die politische Mitte zu rücken.

In dieser Zeit baute Obamas Wahlkampagne beharrlich jene Koalition von Wählergruppen auf, die letztlich den Sieg vom Dienstag garantierte: schwarze, Latinos, junge Wähler und Frauen (vor allem mit Hochschulabschluss). Es wurden an Ort und Stelle mehr Freiwillige als 2008 rekrutiert, die den Kontakt zu den Gruppen der „Obama-Koalition“ herstellten - über örtliche Medien, Gewerkschaften, Interessengruppen. Parallel wurde Romney als Kandidat hingestellt, der für die Sorgen und Nöte dieser Wählergruppen gar kein Verständnis habe: als reicher „Heuschrecken“-Kapitalist, der Jobs nach Übersee verlagert habe, als Abtreibungsgegner, als Verfechter einer herzlosen Einwanderungspolitik. Die erste Welle von Wahlwerbung gegen Romney fand die ausgewählten Wählergruppen schon zu einem Augenblick, da Romney die Vorwahlen noch gar nicht gewonnen hatte, geschweige denn, offiziell nominiert war. Viele Amerikaner hatten noch kein klares Bild von ihm - die Demokraten lieferten eines. Nach der Niederlage gestanden Mitarbeiter aus Romneys Wahlkampfstab am Mittwoch ein, dass es ein Fehler war, dieser frühen Offensive der Demokraten nichts entgegengesetzt zu haben.

Die Demokraten hatten vorgebaut

Dabei dürfte die Einschätzung nicht falsch sein, dass sich viele Wähler erst vom Spätsommer des Wahljahres an für die Präsidentenwahlen zu interessieren begannen. Doch Romney vermochte den Beliebtheitsrückstand nicht mehr aufzuholen. Aus seinem Wahlkampfstab heißt es jetzt, vor allem Romneys Ehefrau Ann habe ihren Mann dazu gedrängt, sich früher gegen das vom politischen Gegner geschaffene Image zu wehren und sich selbst in ein günstigeres Licht zu setzen. Doch die Führung des Stabs habe die Forderung zurückgewiesen, weil während und nach dem Nominierungsparteitag Ende August noch reichlich Zeit dafür sei. Ann Romney selbst oblag es dann, den Amerikanern das Bild des mitfühlenden und engagierten Familienvaters Mitt Romney aufzumalen, um das des herzlosen Kapitalisten zu übertünchen.

Wählerbefragungen haben gezeigt, dass Obama im besonders umkämpften Bundesstaat Ohio in diesem Jahr sogar noch mehr schwarze Wähler mobilisieren konnte als 2008: Ihr Anteil stieg von elf Prozent an der Wählerschaft vor vier Jahren auf 15 Prozent in diesem Jahr; 96 Prozent der Schwarzen in Ohio stimmten für Obama. In dem ebenfalls hartumkämpften Bundesstaat Florida stieg der Anteil der Latinos an der Gesamtzahl der Wähler von 14 Prozent 2008 auf jetzt 17 Prozent - Obama erhöhte seinen Stimmenanteil bei dieser Wählergruppe von 57 auf 60 Prozent. Selbst unter den kubanischstämmigen Latinos, die als Stammwähler der Republikaner galten, kam Obama auf 47 Prozent. Auch der Anteil der Jungwähler im Alter von 18 bis 29 Jahren war in diesem Jahr im ganzen Land mit 19 Prozent der Wählerschaft um einen Prozentpunkt höher als vor vier Jahren. Im Landesdurchschnitt verlor Obama an Zustimmung bei Jungwählern: Er erhielt 60 Prozent der Stimmen, sechs Prozentpunkte weniger als vor vier Jahren. Doch in Florida, wo die Auszählung der Stimmen am Donnerstag fortdauerte, konnte Obama seinen Stimmenanteil bei dieser Wählergruppe von 61 Prozent vor vier Jahren auf jetzt 66 Prozent ausbauen. Landesweit stellten Frauen 54 Prozent der Wähler, und auf Obama entfielen 55 Prozent der Stimmen. Die Republikaner hatten kommen sehen, dass statt 44 nur noch 39 Prozent der Weißen Obama wählen würden. Doch die Demokraten hatten vorgebaut.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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