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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Maisanbau in Amerika Im Tank statt auf dem Teller

 ·  In Amerika wurde in diesem Jahr so viel Mais angebaut wie seit 75 Jahren nicht mehr. Die Hoffnung war groß, doch eine Dürre minderte die Ernte und obwohl die Nahrung knapp wird, soll nun aus den Kolben Sprit werden.

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© DAMON WINTER/The New York Times/ Grün war mal die Hoffnung: Eine Rekordernte hatten sich die Amerikaner versprochen, stattdessen ist der Mais verdorrt. Präsident Obama besuchte in dieser Woche Bauern in Iowa

Die Angriffe kommen von allen Seiten. Von Republikanern und von Demokraten. Aus dem Kongress in Washington, aus den Bundesstaaten und sogar aus dem Ausland. Sie werden über Gerichte, über Lobbyisten und über die Medien vorgetragen. Aber bisher hat die amerikanische Umweltschutzbehörde „Environmental Protection Agency“ (EPA) in diesem Krieg noch jede Schlacht gewonnen. Alles spricht dafür, dass das so bleiben wird. Ihr Sieg wäre eine Niederlage für die Umwelt. Und für den Kampf gegen den Hunger in der Welt.

Es geht um „King Corn“, die Maispflanze. Sie dominiert in vielen amerikanischen Bundesstaaten, vor allem im Mittleren Westen, die Landwirtschaft. Die Vereinigten Staaten sind weltweit der mit Abstand größte Produzent von Mais, und sie exportieren auch so viel Mais wie kein anderes Land. Fast die Hälfte der weltweiten Maisexporte kommt von dort. Wenn der Ertrag der amerikanischen Farmer sinkt, schlägt sich das sofort in höheren Maispreisen nieder. Seit Wochen herrscht im Mittleren Westen große Trockenheit. Die Dürre ist die schlimmste seit fast sechs Jahrzehnten. Prompt sind die Maispreise im Terminhandel seit Juni um 60 Prozent gestiegen.

Am 10. August erreichten sie einen Höchststand: An jenem Tag hatte das Landwirtschaftsministerium in Washington mitgeteilt, dass der Mais-Ertrag in diesem Jahr um 13 Prozent unter dem des Vorjahres liegen werde. Im Frühjahr war der Optimismus noch groß gewesen. Auf 39 Millionen Hektar hatten die Bauern Mais ausgesät, so groß war die Anbaufläche seit 75 Jahren nicht. Doch statt der Rekordernte wird nun so wenig Mais wie zuletzt 2006 eingefahren.

42 Prozent der Ernte kommen in den Tank

Das wäre noch immer mehr als genug, um den weltweit steigenden Bedarf am Mais als Nahrung zu decken. Doch von der erwarteten Maisernte in den Vereinigten Staaten gehen in diesem Jahr allein 4,5 Milliarden Scheffel für die Erzeugung von Ethanol ab. Das bedeutet, dass 42 Prozent des amerikanischen Mais nicht auf den Teller kommen, sondern als „grüner“ Zusatz zum Benzin in den Tank der Autos gehen.

Das ist der Grund für die Angriffe von allen Seiten auf die Umweltschutzbehörde EPA. Viele hielten es für vernünftig, wenigstens für eine Übergangszeit weniger amerikanischen Mais zu verbrennen und ihn stattdessen zu Lebensmitteln zu verarbeiten oder als Grundstoff für die Nahrungsmittelherstellung auszuführen. Doch die EPA bewegt sich nicht.

Stattdessen will sie noch mehr Mais zu Ethanol destillieren lassen. Das vom Kongress 2007 verabschiedete Gesetz zum Standard für erneuerbare Treibstoffe schreibt nämlich vor, dass in diesem Jahr 13,2 Milliarden Gallonen (knapp 50 Milliarden Liter) Ethanol erzeugt und dem aus Erdöl hergestellten herkömmlichen Benzin zugefügt werden müssen. Für das Jahr 2013 beträgt der Pflichtanteil an Ethanol schon 13,6 Milliarden Gallonen (knapp 51,5 Milliarden Liter).

Industrieverbände klagten gegen EPA

In zehn der 50 Bundesstaaten ist ein Anteil von zehn Prozent Ethanol Pflicht. Im nationalen Durchschnitt liegt der Anteil von Ethanol am Kraftstoff bei gut acht Prozent. An manchen Tankstellen - vor allem im Mittleren Westen, wo sich die meisten der insgesamt rund 220 Ethanol-Destillen des Landes befinden - wird auch der preisgünstigere E85-Kraftstoff mit 85 Prozent Ethanol vertrieben.

Der amerikanische E10-„Biosprit“ soll nach dem Willen der EPA bald noch „grüner“, nämlich mit 15 Prozent Ethanol versetzt werden. Dagegen haben sich 25 Senatoren und 156 Abgeordnete beider Parteien in einem Brief gewehrt. Sie fordern von der EPA-Chefin, die Pflicht zur Mindestbeimischung von 10 oder gar 15 Prozent Ethanol für dieses und das nächste Jahr auszusetzen. Dieser Forderung schlossen sich die Gouverneure von Arkansas, Delaware, Maryland und North Carolina an - alle vier Demokraten. Auch der Direktor der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation hat von Washington eine Aussetzung der Quote gefordert, damit mehr amerikanischer Mais für die Lebensmittelproduktion genutzt werden kann.

Eine Gruppe von Industrieverbänden hatte schon im November 2010 Klage gegen die EPA angestrengt, weil deren Ethanol-Quote zu höheren Lebensmittel- und Treibstoffpreisen führt und E15-Kraftstoffe außerdem viele Motoren beschädigen könnten. Die Klage wurde in der vergangenen Woche von einem Washingtoner Bezirksgericht abgewiesen.

Obama „glaubt sehr fest an Ethanol“

Das Landwirtschaftsministerium in Washington erwartet, dass die Lebensmittelpreise in diesem Jahr zwischen 3 und 3,5 Prozent steigen werden. Für amerikanische Konsumenten mag das schmerzhaft sein. Für Menschen in den ärmsten Ländern, die auf Lebensmitteleinfuhren aus Amerika angewiesen sind, geht es um Leben und Tod.

Und was sagt Obama? Er „glaubt sehr fest an Ethanol“, hieß es aus dem Weißen Haus, als der Präsident zum Wahlkampf in Iowa war: „Er ist überzeugt, dass Ethanol die Wirtschaft vorantreibt und ein Schlüsselelement für erneuerbare Energiequellen ist.“ Schließlich hat sich Obama den ökologischen Umbau der amerikanischen Volkswirtschaft auf die Fahnen geschrieben. Der Sprecher des Präsidenten teilte mit: „Die EPA hat deutlich gemacht, dass sie sehr eng mit dem Landwirtschaftsministerium zusammenarbeiten wird, um die Ernteerträge im Blick zu behalten. Sie werden alle relevanten Informationen berücksichtigen, um die Lage zu beurteilen.“

Es wird also vermutlich alles beim Alten bleiben. Die EPA wird mehr Ethanol im Benzin verlangen, Dürre und Ernteausfall hin oder her. Die Vereinigten Staaten werden ihre Position als weltweit größter Ethanolproduzent festigen und ausbauen. Und das, obwohl längst bekannt ist, dass die Herstellung von Ethanol aus Mais mit Umweltschutz und Biosprit wenig, mit Milliardensubventionen für amerikanische Farmer aber sehr viel zu tun hat.

Saldo für Mais-Ethanol mehrfach negativ

Die Produktion von Ethanol aus Mais ist wesentlich energieintensiver als beim Zuckerrohr, das in Brasilien zur Ethanolproduktion verwendet wird. Es werden große Mengen Dünger und Pestizide benötigt, um den Mais heranzuziehen und vor Schädlingen zu schützen; landwirtschaftliche Maschinen, Lastwagen und Tanklastzüge verbrennen Diesel und blasen Abgase in die Luft. Der Saldo für Ethanol aus Mais ist gleich mehrfach negativ: bei der Umweltbelastung, den Treibhausgasen und auch bei den Kosten. Mais-Ethanol kostet rund 50 Prozent mehr als Benzin aus Erdöl. Amerikanische Farmer haben gut 20 Milliarden Dollar Subventionen aus Washington erhalten, um aus Mais Ethanol zu destillieren. Dazu kamen Steuererleichterungen, die den Ethanol-Farmern mehr als 30 Jahre lang gewährt wurden, ehe sie Ende 2011 ausliefen. In jede Gallone Ethanol aus Mais fließen 1,78 Dollar Steuergeld.

Allein ein Viertel des amerikanischen Ethanols kommt aus Iowa. 49000 Arbeitsplätze in dem Staat mit rund drei Millionen Einwohnern hängen an der Ethanolindustrie. Viele Farmer sind über Kooperativen an den Ethanol-Destillen beteiligt. Die gesetzlich festgelegte Steigerung des Ethanol-Anteils im Kraftstoff garantiert ihnen die Abnahme ihrer Maiserträge und den Gewinn aus der Destillation der Maispflanzen.

Bei den Präsidentenwahlen 2008 hat Barack Obama seinen republikanischen Herausforderer John McCain mit 54 zu 44 Prozent der Stimmen geschlagen. Wenn Obama bei den Präsidentenwahlen vom 6. November die sieben Wahlmännerstimmen aus Iowa für sich gewinnen will, muss er sich zum Ethanol aus Mais bekennen. Dieses Bekenntnis hat übrigens auch Obamas republikanischer Herausforderer Mitt Romney abgelegt; denn auch er braucht die Unterstützung Iowas, wenn er ins Weiße Haus einziehen will.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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