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Hillary Clinton Im Schatten Obamas

 ·  Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton genießt überall hohes Ansehen. Doch bewirken kann sie kaum etwas - trotz ihres unermüdlichen Einsatzes rund um den Globus. Nach einer vierjährigen Ochsentour will sie im Januar aufhören - und von einer Präsidentschaftskandidatur 2016 offiziell nichts wissen.

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© REUTERS Chefdiplomatin der Welt: die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton

Wieder ein Reisemarathon, wieder neue Rekorde. Seit dem 31. Juli ist Hillary Clinton in Afrika unterwegs. Elf Tage dauert die diplomatische Mission der amerikanischen Außenministerin. Acht Länder stehen auf dem Programm. In Juba, der Hauptstadt Südsudans, gab sie beispielsweise ein vorläufiges Abkommen zwischen Sudan und Südsudan über die Förderung und den Transport von Erdöl bekannt. Der Streit um das Öl, das in Südsudan gefördert wird, aber nur über Pipelines durch Sudan an den Markt gelangen kann, hatte die verfeindeten Nachbarstaaten mehrfach an den Rand eines Krieges gebracht. Nebenbei baute Hillary Clinton einen Rekord aus, auf jetzt 104: Kein Chef des State Departments hat so viele Länder besucht wie sie. Madeleine Albright, die von 1997 bis 2001 unter Präsident Bill Clinton als erste Frau in dem diplomatischen Spitzenamt diente, brachte es auf 98 Länder. Platz zwei.

Und noch einen Rekord wird Clinton ausbauen: Bei ihrer Rückkehr am Montag nach Washington wird sie seit ihrem Amtsantritt 363 Tage auf Reisen verbracht haben. Wobei sie am Samstag noch einen Zwischenstopp in Istanbul einlegte. Wegen Syrien. Die bisherige Rekordhalterin Condoleezza Rice hatte es unter George W. Bush auf 326 Tage gebracht. Rice liegt aber mit gut einer Million Flugmeilen als Außenministerin immer noch vor Clinton, deren Vielfliegerkonto im Auftrag der amerikanischen Außenpolitik mit jetzt rund 870.000 Meilen gefüllt ist. Vielleicht bricht Frau Clinton bis zum Ende ihrer ersten Amtszeit im Januar auch noch diese Marke.

Von einer Präsidentschaftskandidatur will sie nichts wissen

Alle Welt zollt Hillary Clinton Respekt: diese Arbeitswut, diese Ausdauer, diese Kompetenz. In Meinungsumfragen äußern zwei Drittel der Amerikaner die Ansicht, die frühere First Lady und einstige Senatorin mache als Außenministerin einen guten Job. Sie kennt ihre komplizierten und vielfältigen Portfolios. Sie rackert sich durch Akten und steigt noch nach der strapaziösesten Reise strahlend aus ihrem Dienstflugzeug. Sie hat dem Amt und seinen Mitarbeitern neues Selbstbewusstsein eingeflößt, sogar den Glauben an die globale Mission Amerikas wiedergegeben. In den Medien wird sie meist mit höchstem Wohlwollen geschildert. Die „New York Times“ hat ihr jüngst sogar Qualitäten eines Rockstars zugeschrieben.

Trotzdem will Hillary Clinton aufhören. Nach der vierjährigen Ochsentour stehe sie nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung, sagt sie. Auch wenn Präsident Barack Obama am 6. November die Wiederwahl gelingen sollte, werde sie sich im Januar verabschieden. Dann werde sie sich zunächst Ruhe gönnen, lesen und spazieren gehen - und sich dann hoffentlich bald einem Enkelchen widmen können, das sie sich von Tochter Chelsea ersehnt. Von einer Präsidentschaftskandidatur in vier Jahren will sie offiziell nichts wissen; am Wahltag 2016 wäre sie 69 Jahre alt.

Hat Hillary Clinton als 67. Außenministerin der Vereinigten Staaten etwas Bleibendes geleistet? Wird sie ein historisches Vermächtnis hinterlassen - außer dass sie wie kaum ein Vorgänger gearbeitet und dabei nie die Lust am Lachen verloren hat? Hat sie eine neue Epoche mitgeprägt wie George Marshall, Dean Acheson und John Foster Dulles nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Beginn des Kalten Krieges mit Marshallplan, Nato und nuklearer Abschreckung? Hat sie einen großen diplomatischen Durchbruch erzielt wie Henry Kissinger in Vietnam und in China, wie George Shultz bei den Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion oder wie James Baker bei der deutschen Wiedervereinigung? Wird ihr Name mit einer Doktrin, einem Bündnis, einem Vertrag in Verbindung bleiben?

Clinton ist die Trümmerfrau

Auf keine Frage kann man mit einem klaren Ja antworten. Hillary Clinton mag unerschütterlich strahlen, aber über ihrer Leistung liegt ein Schatten. Es ist der Schatten Barack Obamas. Vom Geniestreich, die große Rivalin im innerparteilichen Kampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur ins Regierungsteam einzubinden, hat allenfalls der Präsident profitiert. Als Verfechter der „Achsendrehung“ vom Atlantik zum Pazifik und der geostrategischen Neuausrichtung Amerikas von Europa nach Asien hin wird Obama in Erinnerung bleiben, nicht Hillary Clinton, obwohl sie wesentlich an der Ausarbeitung der neuen Doktrin beteiligt war. Zu der späten Entscheidung, in Libyen die Aufständischen zu unterstützen, hat Clinton den zögerlichen Präsidenten gedrängt; aber auch diesen vielleicht wichtigsten Erfolg beim „Führen aus der zweiten Reihe“ beansprucht Obama für sich.

Zwar sind an der Oberfläche keine Machtkämpfe zwischen dem State Department auf der einen, dem Verteidigungsministerium und dem Weißen Haus auf der anderen Seite zu erkennen. Doch diese scheinbare Harmonie ist nur der unbedingten Loyalität Clintons gegenüber ihrem Chef und Oberbefehlshaber Obama geschuldet.

In Pakistan etwa bestimmen das Pentagon, der Nationale Sicherheitsrat im Weißen Haus und der Auslandsgeheimdienst CIA mit ihrem Drohnenkrieg die Politik Washingtons. Und Clinton ist die Trümmerfrau: Sie musste sich grade offiziell für den irrtümlichen Luftangriff vom vergangenen November entschuldigen, bei dem 24 pakistanische Soldaten nahe der Grenze zu Afghanistan getötet worden waren. Washingtons Botschafter in Islamabad, Cameron Munter, erklärte im Mai seinen vorzeitigen Rücktritt, weil er nicht länger Ausputzer für eine Politik sein wollte, die „vor allem darin besteht, Leute umzubringen“.

Eiserner Pragmatismus und unerschütterliche Loyalität

Das Weiße Haus und Obamas Leute im Nationalen Sicherheitsrat stellen Clinton immer dann kalt, wenn es um wichtige Fragen mit möglichen Auswirkungen auf die nächsten Wahlen geht. In der Afrika-Politik hingegen redet Clinton niemand rein. Vor der Entscheidung Obamas etwa, bis Ende 2011 alle amerikanischen Soldaten aus dem Irak abzuziehen, fand Clintons Empfehlung kein Gehör, einige Truppen im Zweistromland zu lassen: Dem Präsidenten war die Einlösung seines Wahlkampfversprechens wichtiger als eine neue strategische Partnerschaft mit dem Irak.

Obamas außenpolitischen Blütenträume von einem „Neustart“ der Beziehungen zu Russland, von der Partnerschaft mit der muslimisch-arabischen Welt „auf Augenhöhe“, vom Frieden im Nahen Osten, vom diplomatischen Durchbruch im Atomstreit mit Iran und Nordkorea sind alle längst verwelkt. Im innerparteilichen Wahlkampf 2008 hatte Clinton den Kandidaten Obama deshalb der sicherheitspolitischen Naivität geziehen. Seit ihrer Ernennung zur Außenministerin hat sie mit eisernem Pragmatismus und unerschütterlicher Loyalität diese Politik Obamas vertreten.

Man mag hier ein Verhaltensmuster erkennen: Dem Präsidenten Bill Clinton hielt die „First Lady“ Clinton die Treue, obwohl der sie in der Lewinsky-Affäre betrogen, belogen und gedemütigt hat. Dafür ist sie bewundert worden. Präsident Obama hält die Außenministerin Clinton die Treue, obwohl der kaum je ihren Rat befolgt. Und wieder wird sie bewundert.

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