Home
http://www.faz.net/-hbi-73jv4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fernsehduell der Vizekandidaten Der verflixte Bildschirm

 ·  Der Druck auf Joe Biden war groß, im Fernsehduell gegen Mitt Romneys Stellvertreter Paul Ryan zu punkten. Was Obama hatte vermissen lassen, lieferte denn auch sein Vizepräsident: Er gab sich angriffslustig und entschlossen. Hätte er nur nicht so viel gegrinst.

Artikel Bilder (3) Video (1) Lesermeinungen (24)
© AFP Deutlich angriffslustiger als Barack Obama: Vizepräsident Joe Biden (r.) im Fernsehduell mit Mitt Romneys Vize Paul Ryan

Es ist das uralte Problem, seit es Fernsehdebatten gibt: Sie werden im Fernsehen übertragen. Als sich Richard Nixon und John F. Kennedy 1960 beim allerersten Fernsehduell gegenüberstanden, glaubten Zuhörer, die die Debatte im Rundfunk verfolgt hatten, Nixon habe gewonnen. Auch wer nur die Abschrift des Streitgesprächs las, erkannte Nixon als den Mann mit den besseren Argumenten. Doch die Fernsehbilder machten den Demokraten John F. Kennedy zum klaren Sieger. Der viel jüngere Kandidat war frisch rasiert und gut gebräunt. Über Nixons Morgenrasur hatte sich dagegen schon wieder der Schatten neuen Bartwuchses vom Nachmittag gelegt. Der Republikaner sah irgendwie sinister aus, dazu glänzte seine Stirn unvorteilhaft.

Barack Obamas Vizepräsident Joseph Biden, der in der Nacht zum Freitag gegen Mitt Romneys Stellvertreter Paul Ryan zum Duell antrat, grinste zu viel. Vieles spricht dafür, dass sich sein viel zu häufiges Grinsen als bleibendes Bild der ersten und einzigen Debatte der beiden Stellvertreter einprägen wird. Und zwar zum Nachteil Bidens, weil es als Ausdruck der Herablassung und der Überheblichkeit gelesen werden dürfte.

Biden holte nach, was Obama vermissen ließ

Dabei machte der 69 Jahre alte Vizepräsident gegenüber dem 42 Jahre jungen Kongressabgeordneten gar keine schlechte Figur. Was Obama in seiner eigenen Debatte mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney an Aggressivität und Entschlossenheit hatte vermissen lassen, holte Biden wunschgemäß nach: Er unterbrach Ryan häufig, ging unmittelbar auf die Argumente seines Herausforderers ein und zerlegte ein ums andere Mal genüsslich Romneys verbale Ausrutscher.

Biden und Ryan streiten in Fernsehduell über Außenpolitik

Den ersten Abschnitt des Gesprächs verlor Biden freilich dennoch, und das ausgerechnet auf einem Gebiet, das er als sein Lieblingsfach betrachtet: in der Außen- und Sicherheitspolitik. Die Moderatorin Martha Raddatz vom Sender ABC eröffnete die Debatte mit Fragen nach dem Anschlag auf das amerikanische Konsulat in der ostlibyschen Stadt Benghasi, bei dem am 11. September Botschafter Christopher Stevens und drei weitere Amerikaner getötet wurden. Ryan wiederholte, was tags zuvor bei Anhörungen im Kongress festgestellt worden war: Botschafter Stevens und die für Sicherheit zuständigen Offiziere und Beamte in Libyen hatten Wochen vor dem Angriff um bessere Sicherheitsvorkehrungen und mehr bewaffnetes Schutzpersonal gebeten, doch das Außenministerium hatte den Antrag zurückgewiesen.

Auch wusste Biden wenig gegen den Vorwurf zu sagen, das Weiße Haus und das State Department hätten viel zu lange die falsche Erklärung verbreitet, der tödliche Übergriff sei eine spontane Reaktion der Empörung auf das islamfeindliche Schmähvideo gewesen sei. Biden erwiderte zwar, Ryans Vorwürfe seien nichts als „ein Haufen Quark“ und ließ wissen: „Nicht ein einziges Wort ist wahr.“ Dennoch wirkte Bidens Versicherung, der Tod von Stevens und der drei weiteren Amerikaner in Benghasi sei eine Tragödie gewesen und man werde die Täter zur Rechenschaft ziehen, wie eine Entschuldigung.

Offener Schlagabtausch um Wirtschaftspolitik

Beim Streit um das iranische Atomprogramm verteidigte Biden die Position der Regierung von Präsident Barack Obama kraftvoll und verwies auf die härtesten Sanktionen, die unter Obama je gegen Iran verhängt worden seien. Biden schalt Romney und Ryan faktisch als Kriegstreiber und mahnte zur Besonnenheit. Auch beim Streit um die Wirtschafts- und Innenpolitik, die sich dem außenpolitischen Auftakt anschloss, gab es einen offenen Schlagabtausch zwischen Biden und Ryan. Anders als Obama ging Biden mehrfach auf den Fehltritt Romneys ein, der 47 Prozent der Amerikaner faktisch als arbeitsunwillige Bezieher von Sozialleistungen verunglimpft hatte. Biden und Ryan fochten sogar einen Wettbewerb aus, wer aus ärmlicheren Verhältnissen stammt. Biden vertrat die Position des katholischen Herz-Jesu-Schutzheiligen für die Mittelklasse überzeugend und warf Ryan und Romney ein ums andere Mal vor, sie bevorzugten die Superreichen zu Lasten der Mittelklasse und der Armen. Ryan hielt dem Romneys Plan für Steuersenkungen und Wachstumspolitik entgegen.

Eine Blitzumfrage des Nachrichtensenders CNN ergab, dass 48 Prozent der Befragten Ryan als „Sieger“ der Debatte sahen, 44 Prozent sahen Biden vorne. Das mag nicht viel sagen. Doch gerade bei den nicht an eine Partei gebundenen Wechselwählern kommen Kandidaten, die auf ihr Gegenüber herunterzuschauen scheinen, nicht gut an. Die Sender pflegen bei Debatten die beiden Duellanten auf dem „split screen“ nebeneinander zu zeigen. Wenn ein Kandidat konzentriert redet, während der andere nebenan halb entsetzt, halb belustigt grinst oder fortgesetzt den Kopf schüttelt, wirkt der ungeduldige Zuhörer für viele Zuschauer unhöflich oder sogar herablassend. Es ist der verflixte halbierte Bildschirm, der bei Fernsehduellen den ganzen Unterschied ausmachen kann.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

Jüngste Beiträge