Nach der Wiederwahl Obamas können die Historiker kommen - zum Abendessen ins Weiße Haus. Sie sind vertraut mit dem Ritual. Schon drei Mal saßen sie in den Privaträumen der Präsidentenfamilie im Obergeschoss beisammen. Es sind Zusammenkünfte im kleinen Kreis, nicht mehr als ein Dutzend Teilnehmer sind dabei.
Das erste Treffen fand am 30. Juni 2009 statt. Obamas damaliger Stabschef Rahm Emanuel hatte die Einladungen persönlich übermittelt, verbunden mit dem Hinweis, dass es sich um eine vertrauliche Zusammenkunft handele, von der nichts an die Öffentlichkeit gelangen solle. Neun Historiker, die ihre wissenschaftliche Arbeit vor allem früheren Präsidenten gewidmet hatten, saßen beim Präsidenten am Tisch. Zu ihnen gehörte Doris Kearns Goodwin, die populäre Monographien über Franklin D. Roosevelt, Lyndon B. Johnson und Abraham Lincoln verfasst hat. Die bekannten Präsidentenhistoriker Michael Beschloss, Douglas Brinkley, Robert Caro und Robert Dallek waren ebenfalls dabei. Vervollständigt wurde die Runde durch die Publizisten und Historiker H. W. Brands, David M. Kennedy, Kenneth Mack und Garry Wills. Fast jeder der Gäste am ovalen Tisch hat mindestens einmal den Pulitzer-Preis erhalten - und jeder hatte im Wahljahr 2008 den Kandidaten Barack Obama unterstützt.
Die Gefahr überhöhter Ambitionen
Im Frühsommer 2009, fünf Monate nach der Amtseinführung des 44. Präsidenten, genoss Obama noch breite Zustimmung in der Bevölkerung. 63 Prozent äußerten gegenüber den Meinungsforschern von Gallup ihre Zufriedenheit mit der Amtsführung des neuen Präsidenten. Obama war erfüllt von Selbstbewusstsein und Zuversicht. Seinem Wahlkampfmanager und Berater David Axelrod hatte sich Obama kurz nach seiner triumphalen Amtseinführung vor gut eineinhalb Millionen Menschen vom 20. Januar 2009 mit folgenden Worten anvertraut: „Es ist komisch, aber ich weiß, dass ich diesen Job erledigen kann. Ich mag es, mit komplexen Problemen konfrontiert zu sein. Ich treffe gerne Entscheidungen. Ich glaube, es wird mir leichter fallen als der Wahlkampf, viel leichter.“
Wie alles Vertrauliche in Washington blieb schon das erste der drei Historiker-Dinner nicht vertraulich. Bald war zu erfahren, worum es bei Lammkotelett und Spargel ging. Obama wollte von jedem seiner Gäste wissen, wie er ein „tranformational president“, ein Präsident der umfassenden Umgestaltung der amerikanischen Innen- und Außenpolitik werden könne. Obschon alle Teilnehmer erklärte Unterstützer des Präsidenten waren, warnten einige vor der Gefahr überhöhter Ambitionen: Lyndon B. Johnson etwa habe sich schwer getan, zugleich den vertrackten Krieg in Vietnam zu führen und die von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung erkämpften Gesetze zur Gleichberechtigung durchzusetzen.
Obama, so berichtete ein Teilnehmer, wollte von den Warnungen nichts wissen. Er werde in der Lage sein, durch die Kraft seiner Persönlichkeit zugleich die schlimmste Finanzkrise seit der Großen Depression zu überwinden, Millionen Menschen neue Arbeitsplätze zu verschaffen, eine gerechtere Verteilung des Wohlstands zu erreichen, den Rückzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak zu vollenden und die Vereinigten Staaten mit einer Rolle des geschrumpften Einflusses in der Welt zu versöhnen. Auf der Suche nach einem Wahlspruch für seine ehrgeizigen Vorhaben und seine gesamte Präsidentschaft unterbreitete Obama sich selbst und der Runde folgenden Vorschlag: „A New Foundation“.
Die Historiker waren skeptisch: Wer buchstäblich eine Neugründung des gesamten amerikanischen Gemeinwesens in Aussicht stelle, schrecke auf der einen Seite diejenigen ab, die mit dem bisherigen Verlauf der amerikanischen Geschichte im Ganzen zufrieden gewesen seien; auf der anderen Seite würden bei jenen unrealistische Erwartungen geweckt, die seit langem auf ihre Chance warteten oder in der jüngsten Rezession schlimme Rückschläge erlitten hätten. „Es war, als wollte er sein eigenes Geschichtsbuch über sich schreiben“ - so fasste der Stanford-Professor David M. Kennedy seinen Eindruck von Barack Obama nach dem ersten Abendessen zusammen.
Wohin geht die Entwicklung?
Zum zweiten Historiker-Treffen im Dinner Room in den Privatquartieren des Weißen Hauses kam es kurz nach der Wahlschlappe der Demokraten bei den Kongresswahlen vom November 2010. Dabei hatten die Republikaner einen klaren Sieg im Repräsentantenhaus errungen und die Mehrheit der Demokraten im Senat reduziert. Der Präsident war in bedrückter Stimmung. Die Diskussion am Tisch kreiste um die Frage der „Wiederherstellung der Verbindung zum Volk“. Beim dritten und vorerst letzten Dinner im Juli 2011 ging es schließlich um die „Herausforderung der Wiederwahl“. Kurz zuvor waren die Verhandlungen Obamas mit der republikanischen Opposition unter dem „Sprecher“ des Repräsentantenhauses John Boehner über Schuldenabbau und Haushaltssanierung gescheitert; zudem war erstmals in der Geschichte die Bonität der amerikanischen Regierung herabgestuft worden.
Obamas Programm für seine Präsidentschaft schrumpfte also von der Neugründung Amerikas über die Wiederherstellung der Verbindung zum Volk zur Herausforderung der Wiederwahl zusammen. Und wohin geht die Entwicklung, nachdem der Präsident die Herausforderung der Wiederwahl mit Bravur bestanden hat?
Obama hat sich seit je als historischer Gestalter einer umfassenden Transformation der amerikanischen Gesellschaft gesehen. Mit Reformen in kleinen Schritten will er sich nach wie vor nicht zufrieden geben. Und tatsächlich ist das wichtigste innenpolitische Projekt Obamas, die im März 2010 vom Kongress mit der Mehrheit der Demokraten in beiden Häusern verabschiedete Gesundheitsreform, ein Meilenstein in der Gesellschaftsentwicklung der Vereinigten Staaten. Der Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak Ende 2011 markiert einen weiteren Epocheneinschnitt, auch wenn kritisiert wird, dass keine Einigung mit Bagdad über den Verbleib von amerikanischen Ausbildern und Beratern im Irak erzielt werden konnte. Epochal sind aber auch die Probleme, die sich sogar verschärft haben: die Staatsschuld von 16 Billionen Dollar etwa, die inzwischen die Wirtschaftskraft des Landes übersteigt, oder das Budgetdefizit von jährlich einer Billion Dollar.
Eher Zuschauer statt aktiver Teilnehmer
Es ist oft beklagt worden, wie groß der Abstand war zwischen jener Gestalt, die vor vier Jahren mit der Botschaft von „Hoffnung und Wandel“ die Nation zu einen versprach, und dem grimmigen, ja verbissenen Wahlkämpfer Obama des Wahljahres 2012. Wählerbefragungen zeigen, dass die Polarisierung der Wählerschaft stärker statt schwächer geworden. Und in Washington ist der Parteienzwist so bitter wie eh und je.
Es gibt verschiedene und dazu widersprüchliche Erklärungen, warum Obama in seiner ersten Amtszeit das Versprechen nicht einlösen konnte, Einiger der Nation zu werden. Die Radikalopposition der rechtskonservativen „Tea Party“ wird ebenso als Grund genannt wie die Unnachgiebigkeit jener Randgruppen, die Obama von Beginn an jegliche Legitimität absprachen und gegen alle Beweise behaupteten, er sei nicht einmal auf amerikanischem Boden geboren worden.
In mehreren Büchern renommierter Reporter über Obama werden aber auch Charaktereigenschaften des Präsidenten aufgezeigt, die einen Dialog und einen Ausgleich mit den Republikanern erschwert haben. Bob Woodward, der gemeinsam mit seinem Kollegen Carl Bernstein in der „Washington Post“ vor fast 40 Jahren den Watergate-Skandal aufdecken half, beschreibt in seinem Buch „The Price of Politics“, wie sich Obama im politischen Prozess des Gebens und Nehmens bei der Suche nach einem Kompromiss wie ein Zuschauer verhalte statt wie ein aktiver Teilnehmer. Anders als etwa Bill Clinton suche Obama nicht das Gespräch und den Kontakt mit Abgeordneten und Senatoren der anderen Partei, sondern ziehe sich in den Kokon des Weißen Hauses zurück, in dem er vor allem von engen Beratern aus Chicago umgeben ist. Gegenüber ausländischen Besuchern habe sich Obama über die stundenlangen Gespräche mit „Abgeordneten aus Palookaville“ beklagt, die ihm Zeit und Kraft raubten, um Wichtigeres zu erledigen.
Höre nicht auf die Neinsager
Obamas Prioritäten zeigen sich auch an seinem Umgang mit den Clintons. Diese haben ungeachtet des erbitterten Kampfes zwischen Hillary Clinton und Barack Obama in den innerparteilichen Vorwahlen der Demokraten Anfang 2008 nach dem Wahlsieg Obamas dem neuen Präsidenten loyal und mit ganzer Kraft gedient. Bill Clintons Rede auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Charlotte Anfang September gab Präsident Obama mehr Auftrieb als dessen eigene Rede. Hillary Clinton ist Obamas unermüdlich um die Welt fliegende Außenministerin. Zu einem privaten Abendessen ins Weiße Haus wurden die Clintons während der gesamten ersten Amtszeit Obamas nicht eingeladen.
Ganz zu Beginn von Obamas Amtszeit gab es noch Einladungen ins Weiße Haus an führende Republikaner und Demokraten, etwa zum „Super Bowl“, dem Endspiel der Meisterschaft im American Football. Doch zu den 104 Golfpartien, die Obama in seiner ersten Amtszeit spielte, lud er nur ein einziges Mal John Boehner, seinen Gegenspieler im Repräsentantenhaus, ein.
Jodi Kantor beschreibt in ihrem Buch „The Obamas“ einen Präsidenten, der sich durch sein ausgeprägtes Selbstvertrauen, ohne welches er nie ins Weiße Haus gewählt worden wäre, bei der Ausübung seines Amtes zunehmend selbst im Weg stand. Aus seinem erfolgreichen Wahlkampf im Jahr 2008 habe Obama die Maxime übernommen: Höre nicht auf die Neinsager und halte an deinem Kurs fest. Umso tiefer seien Obamas Traurigkeit und Ärger geworden, wenn er immer öfter auf politischen Widerstand stieß und sich missverstanden fühlte. Schließlich komme Obamas Lust am Wettkampf hinzu: Vom Basketballspiel über das Kegeln bis zum politischen Kampf lasse er nur den Sieg gelten.
Nach dem Sieg vom Dienstag steht Obama vor seiner zweiten Amtszeit und vor einem Neuanfang. Die Machtverhältnisse im Kongress sind unverändert. Eine nachhaltige Veränderung, womöglich sogar die angestrebte Umgestaltung der Gesellschaft wird daher paradoxerweise nur zu erreichen sein, wenn Obama gemeinsam mit der Opposition kleine Schritte geht, statt alleine zum großen Sprung anzusetzen - und wenn er John Boehner und andere Republikaner zum Abendessen ins Weiße Haus einlädt. Für die Historiker ist nach dem Ende der zweiten Amtsperiode im Januar 2017 noch immer genug Zeit.
Antwort an Frau Ziessler
Martin Danielsson (MartinSchwede)
- 11.11.2012, 18:22 Uhr
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chantalle ezer (ezer)
- 11.11.2012, 16:04 Uhr
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Arno Breitbach (capisci)
- 11.11.2012, 13:51 Uhr
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Richard Löwe (RichardL)
- 11.11.2012, 11:34 Uhr
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Horst Ziegler (pacificatore)
- 11.11.2012, 09:10 Uhr