John D. Hanson aus Dublin in Ohio ist 36 Jahre alt, hat Frau und drei Kinder und braucht einen Job. Der Irak-Veteran ist seit seiner Rückkehr aus dem Zweistromland im Sommer auf Arbeitssuche. Seit Oktober erhält der Soldat der Nationalgarde des Heeres auch keinen Sold mehr. Noch reichen die Ersparnisse; die Raten für das Reihenhaus zahlen die Hansons regelmäßig. „Meine Frau und ich haben während meines Einsatzes im Irak gut gewirtschaftet“, erzählt Hanson. Obwohl das Polster dünner wird, ist Hansons Zuversicht unerschüttert: „Amerika ist noch immer das Land der Möglichkeiten. Vielleicht muss ich auf meine Chance noch ein wenig warten, aber sie kommt gewiss.“
Um die Zeit zu überbrücken, bildet er sich weiter. Er hat Lehrgänge in Logistik absolviert, den Führerschein für Gabelstapler gemacht. Er hat sich an einer Fernuniversität in Cincinnati eingeschrieben. Mit zwei weiteren Abschlüssen in Betriebswirtschaft und Geschichte will er seine Qualifikation verbessern. Außerdem macht ihm das Lernen Freude. Und das Lehren auch. Die zwei älteren Söhne - acht und sechs Jahre alt - unterrichten die Hansons daheim. Das ist in Amerika in allen 50 Bundesstaaten erlaubt, in Ohio müssen die Eltern formlos bestätigen, dass ihre Kinder pro Schuljahr mindestens 900 Stunden unterrichtet werden. Hansons Frau ist ohnedies Lehrerin. Doch seit der jetzt zwei Jahre alte jüngste Sohn geboren wurde, ist sie zu Hause, versorgt und unterrichtet die Kinder.
Vorsichtiger Optimismus bei Arbeitssuchenden und Arbeitsvermittlern
John Hanson trägt ein gestärktes Hemd und eine Krawatte. Er ist zur „Central Ohio Workforce Investment Corporation“ (Cowic) in der Hauptstadt Columbus gekommen, einer aus öffentlichen und privaten Mitteln finanzierten Initiative, die Arbeitgeber und Arbeitssuchende zusammenbringt. Zwar hat er bisher bei drei Jobs, für die er zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, kein Glück gehabt. Aber er glaubt zu spüren, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt allmählich bessert: „Ich bekomme auf meine Bewerbungsschreiben mehr Rückmeldungen als noch vor drei Monaten.“
Das sieht auch Suzanne Coleman-Tolbert so. Sie ist die Managerin von Cowic und überblickt die Tätigkeit der Jobcenter in Columbus und den umliegenden Landkreisen. So etwas wie eine Trendwende habe im September eingesetzt. „Damals haben wir uns das Ziel gesetzt, jeden Monat tausend Arbeitsplätze zu vermitteln. Im Dezember haben wir schon 1200 offene Stellen besetzen können“, sagt sie.
Die jüngste Statistik vom Arbeitsmarkt bestätigt den vorsichtigen Optimismus von Arbeitssuchenden wie Hanson und Arbeitsvermittlern wie Coleman-Tolbert. Im Januar sank die Arbeitslosenquote in Ohio von 7,9 Prozent im Vormonat auf 7,7 Prozent; das ist der niedrigste Wert seit November 2008. Damit steht der Staat im Mittleren Westen, der mit seinen gut 11,5 Millionen Einwohnern nach der Bevölkerungszahl an siebter Stelle unter den 50 Bundesstaaten steht, auch im nationalen Durchschnitt relativ gut da. Doch auch im ganzen Land ging die Arbeitslosenquote seit Dezember um weitere 0,2 Prozentpunkte auf 8,3 Prozent im Januar zurück; das ist der niedrigste Stand seit Februar 2009.
Eine Art Wunderheiler für den weiterhin siechen Arbeitsmarkt
Ohio gehört wie die benachbarten Bundesstaaten Pennsylvania und Michigan zum „Rust Belt“ (Rostgürtel), wo nach dem Zweiten Weltkrieg die dort seit Anfang des 20. Jahrhunderts verankerte Schwer- und Metallindustrie für einen anhaltenden Aufschwung, für Arbeitsplätze und Wohlstand für fast alle gesorgt hat. Doch der Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft hat zum Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen im verarbeitenden Gewerbe geführt. Nur im benachbarten Michigan, wo die drei großen amerikanischen Automobilkonzerne Ford, General Motors und Chrysler ihre Firmensitze haben, war der Einbruch auf dem Arbeitsmarkt noch dramatischer als in Ohio. Die Rezession von 2008 und 2009 hat Ohio besonders hart getroffen: Allein zwischen 2007 und 2010 gingen 400.000 Jobs verloren. Die Arbeitslosenquote erreichte im Januar 2010 mit 11,6 Prozent den höchsten Wert.
Die Wende auf dem Arbeitsmarkt in Ohio wird vor allem vom Bildungs- und vom Gesundheitswesen, auch vom Fremdenverkehr und der Bauindustrie vorangetrieben. Wahrscheinlich ist die Feier einer angeblichen Wiedergeburt des verarbeitenden und herstellenden Gewerbes in den Vereinigten Staaten und zumal in Ohio übertrieben. Aber sie macht sich gut in einem Wahljahr, in dem sich die Kandidaten beider Parteien vor allem als eine Art Wunderheiler für den weiterhin siechen Arbeitsmarkt darstellen.
Präsident Obama sagt seit Monaten: „We need to build stuff“ (Wir müssen Zeug herstellen), und er preist die Rettung der faktisch zahlungsunfähigen Automobilkonzerne General Motors und Chrysler in Detroit in Michigan von 2009 mit Milliarden Steuergeldern als eine Art Initialzündung für die Wiederbelebung des amerikanischen Industriegewerbes. Der Republikaner Mitt Romney konzentriert sich darauf, die Chinesen für deren fortgesetzte Währungsmanipulation zu schelten und die Abwanderung von Arbeitsplätzen nach Asien als Folge eines organisierten Wechselkursbetrugs hinzustellen; auch seine Botschaft lautet, dass die Industrie in Amerika wieder blühen kann, wenn der globale Wettbewerb fair ausgetragen wird.
„Wir haben diversifiziert, das hat uns sehr geholfen“
Gewiss, im verarbeitenden und herstellenden Gewerbe Ohios sind im Januar 1400 neue Jobs geschaffen worden; doch im Gesundheits- und Bildungswesen, im Gastgewerbe und auf dem Bau waren es jeweils viermal so viele. Auch Bronson Jones wird vorerst keine großen Sprünge machen, obwohl er mit der Geschäftsentwicklung zuletzt sehr zufrieden sein kann. Jones ist Manager von Banner Metals Group in Columbus.
Das Unternehmen wurde 1921 von einem irischen Einwanderer als Press- und Prägewerk für Metallwerkzeuge gegründet. Im Lauf der Jahrzehnte entwickelte sich das mittelständische Unternehmen zum Zulieferer für die Automobilindustrie, das Baugewerbe und vor allem die Luftfahrt. Im Herbst 2000 erreichte die Zahl der Angestellten mit 105 den historischen Höchststand. Einen schweren Einbruch erlitt „Banner“ dann wegen der Krise in der Luftfahrtindustrie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Es gab viele Entlassungen, die Belegschaft schrumpfte auf 75 Mitarbeiter.
Die schwere Rezession seit 2008 aber hat das Unternehmen gut überstanden. „Wir haben diversifiziert, das hat uns sehr geholfen“, sagt Jones. Vor 15 Jahren machten Bremsscheiben für Passagierflugzeuge gut vier Fünftel des Umsatzes aus. Heute beträgt der Anteil der Luftfahrt nur noch die Hälfte. Der japanische Autohersteller Honda, der im nahegelegenen Marysville das Modell Accord montiert, sichert den Eisenbiegern von Banner fast 40 Prozent des Umsatzes. Acht Prozent macht der Verkauf von Bremsscheiben an Baumaschinenhersteller wie Caterpillar aus.
„Schlachtfeldstaaten“ mit wechselnden Mehrheiten
Inzwischen beschäftigt Banner wieder 87 Arbeiter. Der Durchschnittslohn liegt bei 16 Dollar die Stunde, das ist deutlich mehr als der industrieübliche Verdienst. Zudem bezahlt Banner 80 Prozent der Versicherungsprämie für die Krankenversicherung. Eine Gewerkschaftsvertretung in dem Betrieb hat die Belegschaft abgelehnt. Es gibt Mitarbeiter, die seit mehr als vier Jahrzehnten an den Eisenpressen von Banner stehen.
„Die Auftragslage ist gut“, sagt Jones, „wir werden in den kommenden Wochen ein gutes Dutzend neuer Arbeiter einstellen.“ Die Billigkonkurrenz aus China macht ihm keine Sorgen. „Die Mehrzahl unserer Zulieferer und unserer Kunden sind weniger als hundert Meilen von Columbus entfernt“, sagt Jones: „Wenn unsere Kunden ein Problem haben, sind wir in wenigen Minuten dort. Das können die Chinesen nicht leisten.“
Wie sich die Entwicklung der Wirtschaft auf die republikanischen Vorwahlen in Ohio an diesem Dienstag und dann am 6. November auf die Präsidentenwahlen auswirken wird, ist nur schwer abzusehen. Ohio ist einer der wichtigsten „Schlachtfeldstaaten“ mit wechselnden Mehrheiten, weil er regional so vielfältig und verschieden, weil er politisch unberechenbar ist. Im ländlichen Südosten an den Ausläufern der Appalachen wird auf großen Werbetafeln Abtreibung als Mord gegeißelt; dort kann Rick Santorum mit den Stimmen der evangelikalen Christen rechnen. In Toledo im Nordwesten, wo Chrysler seine Jeeps herstellt, sind die Arbeiter in den Autofabriken vor allem an ihren Lohnzetteln und kaum an moralpolitischen Streitfragen interessiert. Das dürfte bei den Vorwahlen Mitt Romney im Kampf gegen Santorum helfen.
Aber bei den eigentlichen Präsidentenwahlen vom November wird sich Obama im Norden Ohios als Retter der amerikanischen Autoindustrie präsentieren, was ihm in dieser Region deutliche Mehrheiten sichern dürfte. Und Romney, sollte er tatsächlich nominiert werden, wird den Wählern von Ohio abermals zu erklären versuchen, warum er zugleich gegen das Rettungspaket Washingtons für Detroit und für den Erhalt der einheimischen Autoindustrie war. Das wird manche argumentative Virtuosität erfordern: Keinem Republikaner ist je der Einzug ins Weiße Haus ohne Sieg in Ohio gelungen.
Der „Super-Dienstag“ bei den innerparteilichen Vorwahlen an diesem Dienstag findet im Vergleich zum Wahljahr 2008 vier Wochen später statt und ist auch weniger gewichtig als der seinerzeit „Mega Dienstag“ genannte Wahltag vom 5. Februar 2008 mit Vorwahlen in gleich zwei Dutzend Bundesstaaten. Doch die Abstimmungen der Republikaner in immerhin zehn Bundesstaaten dürften den Wettlauf zur Nominierung des Präsidentschaftskandidaten auch heuer wesentlich prägen.
Es geht am Dienstag um zusammen 410 Delegierte für den republikanischen Nominierungsparteitag Ende August in Tampa in Florida; weitere 27 Delegierte aus Alaska werden am Ende eines zweiwöchigen „Caucus“-Urwahlverfahrens bestimmt, das am Dienstag beginnt. Das entspricht einem Anteil von zusammen knapp einem Fünftel aller Delegierten. Insgesamt nehmen 2286 stimmberechtigte Delegierte an der „Republican National Convention“ in Tampa teil, zum Wahlsieg bei der Kandidatenkür sind 1444 Delegiertenstimmen erforderlich. Derzeit führt Mitt Romney mit 185 Delegierten vor Rick Santorum (90), Newt Gingrich (33) und Ron Paul (23). In der letzten landesweiten Umfrage der Meinungsforscher des Gallup-Instituts konnte Romney mit 35 Prozent Zustimmung seinen Vorsprung auf Santorum mit jetzt noch 24 Prozent ausbauen. Auch im besonders hart umkämpften Bundesstaat Ohio konnte Romney nach seinen Siegen in Arizona, Michigan und Washington seinen noch vor zwei Wochen klaren Rückstand auf Santorum so weit verkürzen, dass er nun eine reale Gewinnchance im „Buckeye State“ (von Buckeye Tree, der OhioRosskastanie) hat. Die meisten Delegierten werden am Dienstag in Georgia vergeben (76 Delegierte); dort gilt der frühere „Sprecher“ des Repräsentantenhauses Gingrich als klarer Favorit, denn in dem Südstaat hat er 1979 seine politische Laufbahn begonnen. Auch in dem Nachbarstaat Tennessee (58) sowie in Oklahoma (43) liegt Gingrich in jüngsten Umfragen in Führung. In Virginia (49) stehen weder Gingrich noch der frühere Senator aus Pennsylvania Santorum auf den Stimmzetteln, weil sie nicht die ausreichende Zahl von Unterschriften beibringen konnten.
Romney gilt deshalb in Virginia sowie auch in Vermont (17), Idaho (32) und zumal in Massachusetts (41) als wahrscheinlicher Sieger, weil er in dem liberalen Neuenglandstaat von 2003 bis 2007 Gouverneur war. Santorum setzt praktisch alle seine Hoffnung auf einen Sieg im ultimativen „Schlachtfeldstaat“ Ohio (66): Er stammt aus dem Nachbarstaat Pennsylvania und wendet sich mit seiner rechtskonservativen Botschaft vor allem an die Industriearbeiter der unteren Mittelschicht. Aber auch in den Südstaaten Tennessee und Oklahoma hat Santorum jüngst seinen Rückstand auf Gingrich verkürzt. Der libertäre texanische Abgeordnete Ron Paul hat seine begrenzten Ressourcen ganz auf die „Caucus“-Staaten Alaska (27) und North Dakota (28) konzentriert, wo ihm freilich Romney dank dessen gutgefüllter Wahlkampfkasse und mit seiner professionell organisierten Kampagnenorganisation auf den Fersen bleibt. Wie immer der „Super-Dienstag“ für den Spitzenreiter Mitt Romney ausgehen mag, im Vergleich zu 2008 wird es ein überragender Sieg sein: Damals gab Romney zwei Tage nach dem „Mega-Dienstag“ vom 5. Februar seine Kandidatur auf und räumte für den späteren Präsidentschaftskandidaten John McCain aus Arizona das Feld. In diesem Jahr dürfte Romney die Wettlaufstrecke bis zum Nominierungsparteitag zurücklegen.