Wenn Amerika von einer Katastrophe heimgesucht wird, sei sie durch Naturgewalt oder von Menschenhand verursacht, rückt das Volk zusammen. Politiker streifen sich Windjacken über, betrachten die Verwüstungen, umarmen die Verzagten. Und dann spricht alle Welt von der strahlenden Zukunft für Land und Leute, wenn der Schutt bald beseitigt und danach alles nur noch besser und schöner wiederaufgebaut sein werde.
Die zur Schau gestellte Zuversicht im Angesicht der Verzweiflung ist mehr als Nationalfolklore. Amerika ist tatsächlich noch aus jeder Katastrophe gestärkt hervorgegangen. Der gleichsam angeborene Optimismus ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. So könnten die vom „Monstersturm“ Sandy hart getroffene Metropole New York und der zerstörte Küstenstreifen von New Jersey bald besser dastehen als jemals zuvor. In New Orleans wurden nach den katastrophalen Überschwemmungen durch den Hurrikan Katrina 2005 die Deiche und Flutmauern deutlich verstärkt. Das 15 Milliarden Dollar teure System bestand beim Hurrikan Isaac in diesem August den Wirklichkeitstest. Zugleich aber versagten die neuen Deichanlagen und Fluttore, weil die außerhalb der Schutzzone liegenden Gemeinden so hoch überschwemmt wurden wie noch nie zuvor. Mehr als die Hälfte der 315 Millionen Einwohner der Vereinigten Staaten lebt in Küstennähe, und der Drang ans Meer ist ungebrochen. Hochwasserschutz bleibt Stückwerk, wenn immer mehr Schwemmland zu Bauland wird.
Der Sturm Sandy hat weitere Unzulänglichkeiten aufgezeigt. Die Infrastruktur zumal an der Ostküste ist veraltet und verwundbar: Auch ohne Überschwemmungen werden bei Unwettern regelmäßig Millionen Haushalte und Betriebe von der Stromversorgung abgeschnitten, weil umstürzende Bäume die oberirdischen Stromleitungen herabreißen. Ein überwiegend unterirdisch verlegtes Stromnetz wäre volkswirtschaftlich günstiger, doch für diese Investition fehlt den Energieversorgern und der öffentlichen Hand das Geld. Und es fehlt angesichts einer Staatsschuld in Höhe von 16 Billionen Dollar, die inzwischen die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes übersteigt, der politische Wille, deutlich höhere Staatsausgaben für die Infrastruktur durchzusetzen. Denn die könnten nur durch weitere Kreditaufnahme oder höhere Steuern finanziert werden - und davon dürfte die Mehrheit der Amerikaner nichts wissen wollen. Eine vom Kongress eingesetzte Kommission schätzt, dass jährlich gut eine Viertelbillion Dollar erforderlich wäre, um die Infrastruktur der größten Volkswirtschaft der Welt in den kommenden fünfzig Jahren zu erhalten und auszubauen. Wer immer die Präsidentenwahlen am 6. November gewinnt, muss sich dieser Herkulesaufgabe stellen. Sie anzugehen wird angesichts eines Haushaltsdefizits von jährlich einer Billion Dollar seit 2009 nur noch schwieriger.
Der Gummistiefel-Moment blieb aus
Präsident Barack Obama und sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney haben wegen des Sturms ihren Wahlkampf für mehrere Tage ausgesetzt. Doch der politische Streit über die Ausrichtung des Landes war deshalb nicht suspendiert. Obama hatte vor vier Jahren seinen Sieg in den innerparteilichen Vorwahlen als jenen Augenblick gepriesen, „da der Anstieg der Ozeane sich verlangsamte und die Heilung unseres Planeten begann“. Der messianische Impuls zur Weltenrettung ist nach dem Einzug ins Weiße Haus zu einer Klimapolitik zusammengeschrumpft, die sich in der halbherzigen Förderung erneuerbarer Energiequellen und in ein paar Umweltauflagen für Kohlekraftwerke erschöpfte. Von international verbindlichen Zielen zur Reduktion von Treibhausgasen ist Amerika unter Obama so weit entfernt wie eh und je. Das soll nach dem Willen Romneys auch so bleiben. „Ich will dem amerikanischen Volk helfen und nicht den Planeten heilen“, sagt er. Der Republikaner hat sich zum obersten Fürsprecher der „klassischen“ Energiequellen Kohle, Öl und Gas aus heimischer Förderung gemacht. Dem Präsidenten wirft Romney schädlichen Öko-Aktivismus vor. Gerade wenn das Land wirtschaftlich schwächelt, werden sich viele Amerikaner für niedrige Energiepreise und gegen die hohen Ziele des Umweltschutzes entscheiden.
Inwieweit der Jahrhundertsturm Auswirkungen auf die Wahlen haben wird, steht dahin. Einen „Gummistiefel-Moment“ wie beim Hochwasser in Deutschland 2002 für Gerhard Schröder, der damals vom Elbdeich direkt ins Kanzleramt marschierte, dürfte es für Obama nicht geben. Auch der Weltanschauungskampf dieses Wahljahres bleibt nach Sandy offen: Braucht es „mehr Staat“, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen und gleiche Chancen für alle zu gewährleisten? Oder lähmt staatliche Bevormundung längst die schöpferischen Energien des Einzelnen? Mit Blick auf Sandy würden die Republikaner sagen, kein noch so starker „Vater Staat“ vermag etwas gegen die übelsten Launen von „Mutter Natur“ auszurichten. Dem würden die Demokraten entgegenhalten, dass sich die Bedeutung von „Vater Staat“ gerade dann zeigt, wenn „Mutter Natur“ besonders wütet. Bei den Wahlen am 6. November geht es um weit mehr um als die Ursachen und Folgen eines Sturms.
VERSAGER
ROI OHMERT (GERMANEE)
- 03.11.2012, 12:38 Uhr
Die Fakten sind klar und werden ignoriert.
Andreas Debus (Nyarlat)
- 02.11.2012, 22:28 Uhr
Wie soll man es nennen..
otto sundt (drto)
- 02.11.2012, 09:37 Uhr
Interessanter Hinweis
Thomas Mank (tgamank)
- 02.11.2012, 07:28 Uhr
"Mutter Natur" wäre eher ein Fall für die Green
Party, die aber in den USA keine Rolle spielt.
Nadine Hoffmann (Raffz)
- 01.11.2012, 18:14 Uhr