Home
http://www.faz.net/-he0-6ykyv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Heiko Maas Der Ausdauernde

 ·  Bei der Landtagswahl im Saarland läuft alles auf eine große Koalition hinaus. Der Wähler entscheidet nur noch, welche Partei den Ministerpräsidenten stellt. Heiko Maas, Spitzenkandidat der SPD, kann sich bei seinem dritten Anlauf auf dieses Amt über gute Umfrageergebnisse freuen.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)
© dapd Triathlet mit langem Atem: Heiko Maas, hier beim Politischen Aschermittwoch in Siersburg, winkt als Lohn nun wohl zumindest die Regierungsbeteiligung

Die roten Rosen stehen dem Kandidaten gut. Mit einem schüchternen Lächeln und im schmal geschnittenen, dunklen Anzug gibt Heiko Maas in der Fußgängerzone von Saarbrücken den Rosenkavalier. Nur Frauen will der saarländische SPD-Spitzenkandidat an diesem Nachmittag eine Blume überreichen, um ins Gespräch zu kommen.

Doch wie im Wahlkampf 2009 wirkt der 44 Jahre alte SPD-Spitzenkandidat trotz der charmanten Geste beim direkten Zugang auf die Menschen hölzern. Als ob er sich jedes Mal einen kleinen Ruck geben muss, steuert Maas auf junge Mütter mit Kinderwagen oder auf Rentnerinnen zu, denen er mit einer angedeuteten Verbeugung die Blume überreicht. Erst als ein Junge sich vor ihm aufbaut und Maas spontan die Hand schüttelt, ist das Eis gebrochen: „Hallo, ich hab’ sie gesehen, da bin ich hergerannt.“ Und als der Teenager nach einem kurzen Plausch frech „Tschüs, mein Heiko Maas“ ruft, strahlt und lacht der SPD-Vorsitzende endlich.

Dass er sich zumindest als Oppositionswahlkämpfer in diesem politischen Leben wohl nicht mehr zum Volkstribun verwandeln wird, scheint ihn nicht zu stören. Sein Porträtfoto auf den Wahlplakaten mit Dreitagebart und entschlossenem Blick kommt jedenfalls bei Wählerinnen an. „Ein ganz cooler Typ“, schwärmt eine junge Frau. Eine andere Passantin entdeckt bei Maas sogar Ähnlichkeiten mit der Fernsehfigur Barney Stinson, dem überdrehten Frauenhelden aus der Teenager-Kultserie „How I met your mother“. Ein Vergleich, der Maas amüsiert.

Ohne SPD - keine Regierung

Die Umfragen in diesem merkwürdigen Wahlkampf geben ihm bis jetzt recht. Erstmals in 13 Jahren Opposition und nach zwei Landtagswahlen mit historisch schlechten SPD-Ergebnissen liefern sich die Sozialdemokraten in Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der regierenden CDU von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Zwischen 33 und 34 Prozent lauten die letzten Prognosen für die SPD, gut zehn Punkte mehr als bei der Wahl 2009. Zum ersten Mal in der Geschichte bundesdeutscher Wahlkämpfe haben die Bürger diesmal auch die Chance, mit ihrer Stimmabgabe den neuen Ministerpräsidenten fast direkt zu bestimmen. Denn am kommenden Sonntag heißt es: er oder sie. Der Oppositionsführer Maas und die Regierungschefin Kramp-Karrenbauer haben sich nach dem Ende des Jamaika-Experimentes in Sondierungsgesprächen schon vor der Landtagswahl auf eine große Koalition festgelegt - auch das ein Novum.

Deshalb geht es aus Sicht von CDU und SPD am 25. März im Grunde nur darum, welcher der beiden Partner in spe die Nase vorn hat und damit den Ministerpräsidenten stellt. Ohne die SPD, auch das ist angesichts der Schwäche von Grünen und FDP ein neues, schönes Gefühl für Maas, wird diesmal keine Regierung im Saarland gebildet werden können.

“Wir nehmen es so, wie es kommt. Es läuft nicht schlecht“, kommentiert Maas mit gespieltem Understatement bei der Fahrt im Wahlkampfbus die sichere Machtoption. Die Zurückhaltung entspricht seinem vorsichtigen Naturell und der traumatischen Erfahrung aus dem Herbst 2009. Damals schien der Einzug in die Saarbrücker Staatskanzlei mit Hilfe von Linkspartei und Grünen zum Greifen nah. Doch der Grünen-Vorsitzende Hubert Ulrich nahm überraschend das Angebot des schon fast abgewählten CDU-Ministerpräsidenten Peter Müller an, mit ihm und der FDP eine Jamaika-Koalition zu bilden. Lafontaines Ankündigung, statt in Berlin wieder dauerhaft im Saarland mitzumischen, lieferte Ulrich den Anlass, die Seite zu wechseln.

Maas empfand das als Wortbruch. Dass er nach diesem Tiefschlag in der Politik blieb, nötigt selbst seiner Mitbewerberin Kramp-Karrenbauer Respekt ab. Vielleicht hat auch seine Leidenschaft für den Triathlon das Durchhaltevermögen des Juristen gestärkt: „Ich wollte 2009 nicht aufgeben. Ich fand es auch nicht verlockend, nach einer schwierigen Wahl für die SPD aus der Politik auszuscheiden. Das konnte es doch nicht gewesen sein.“ Maas hielt durch und sah mit Vergnügen, dass sich das „Jamaika“-Modell vor allem wegen der FDP zerlegte.

Auf Tuchfühlung mit „AKK“

Als Maas kurz vor der Wahl von Peter Müllers Nachfolgerin Kramp-Karrenbauer im August 2011 Hinweise auf zwei oder mehr abtrünnige „Jamaikaner“ erhielt, bereitete er im Stillen seine Gegenkandidatur im Landtag vor. Fast wäre der Überraschungscoup geglückt. Im ersten Wahlgang fehlten Kramp-Karrenbauer zwei Stimmen zur Mehrheit, erst der zweite Versuch gelang knapp. Die fast gescheiterte Ministerpräsidentinnenwahl markierte schon den Anfang vom Ende Jamaikas. Und der scheinbar harmlose Herr Maas gewann auch in den Augen der überrumpelten CDU an Statur. Ohnehin träumten viele hier von einer großen Koalition.

In den Wochen danach nahm Maas Tuchfühlung mit „AKK“ auf, die zunehmend an der Verlässlichkeit der FDP zweifelte. Der früher weit links stehende Maas rückte im Spätherbst 2011 öffentlich von seinem Nein zur Schuldenbremse in der Verfassung ab. Damit räumte er das wichtigste inhaltliche Hindernis auf dem Weg zu einer großen Koalition ab. Vertrauensbildend war auch die Einigung der SPD mit der CDU über eine Polizeireform mit strukturellen Einsparungen. An Grünen und FDP vorbei bildete sich eine informelle schwarz-rote Koalition heraus.

“Das Land ist unter Wert regiert worden“

Dieses Bündnis hätte Maas auch gerne ohne das Risiko Neuwahl und mit der SPD als Juniorpartner auf „Augenhöhe“ herbeigeführt und bis zum regulären Wahltermin Mitte 2014 regiert. Doch aus der Partei schlug Maas Widerstand entgegen, sie hielten den Plan für Feigheit vor dem Feind. Als Kompromiss schlug Maas der CDU eine Kurzzeit-Koalition bis zur Bundestagswahl im Herbst 2013 vor. Angesichts der anstehenden Grausamkeiten beim Schuldenabbau verwarfen Maas und Kramp-Karrenbauer diesen Kompromiss, der Dauerwahlkampf und Blockade bedeutet hätte. Nur eine auf fünf Jahre bis 2017 mit stabiler Mehrheit ausgestattete Koalition könne die durch den Schuldenberg bedrohte Selbständigkeit des kleinen Saarlands bewahren, lautet die gemeinsame Begründung der beiden für die Neuwahl. Ein merkwürdiges Schaulaufen, weil die Chemie zwischen beiden trotz rituell anmutender Wahlkampfattacken (“Das Land ist unter Wert regiert worden“) stimmt. Gemeinsam ist beiden der sachliche Politikstil. Das verbale Holzen und die erdrückende Dominanz der Alpha-Tiere Müller und Lafontaine ist Maas genauso fremd wie seiner CDU-Rivalin. „Fair“ und „seriös“ lauten die Schlüsselwörter von Maas in diesem Wahlkampf, der damit größtmögliche Distanz zum „Jamaika-Chaos“ und unhaltbaren Versprechen der Linkspartei signalisiert.

Von Lafontaine droht Maas bei seinem Kurs auf eine große Koalition die einzige Gefahr. Zwar deuten die Umfragen nicht darauf hin, dass „de Oskar“ wie 2009 auf Kosten der SPD massiv Stimmen für die Linkspartei holt. Doch vor drei Jahren lag die Linke ebenfalls kurz vor der Wahl wie heute bei weit unter 20 Prozent, um dann mit mehr als 21 Prozent an die SPD heranzurücken. Ob die Lockangebote seines einstigen Mentors und späteren Plagegeistes an der SPD-Basis Wirkung zeigen, wird sich ebenfalls erst am Wahlabend erweisen. Falls Maas wie 2004 und 2009 nur als Zweiter durchs Ziel geht, will Lafontaine die Debatte in die SPD tragen, warum Maas freiwillig auf den Posten des Ministerpräsidenten einer rot-roten Koalition verzichtet, um lieber als Juniorpartner mit der CDU zu regieren. Eine Partei, so stichelt Lafontaine schon jetzt, die der SPD nie und nimmer ihre zentralen Forderungen nach Mindestlohn und Vermögensteuer erfüllen werde.

Wird Maas zwischen den Wahlkampfterminen von Journalisten nach Lafontaine und der rot-roten Machtoption gefragt, kann der kühle Analytiker richtig Gefühle zeigen: „Er lebt in der Vergangenheit. Ihm geht es nur darum, der SPD zu schaden. Wenn Lafontaine von Dankbarkeit in Richtung SPD spricht, kann man nur mit den Augen rollen.“ Auf die Frage, ob er sich am Wahlabend irgendeinen Umstand vorstellen könne, in der Rot-Rot doch eine Option sein könne, antwortet Maas mit Ärger in der Stimme: „Nein, das kann ich nicht.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

Jüngste Beiträge

Live-Ticker Wahl im Saarland
Um diesen Live-Ticker sehen zu können müssen Sie mindestens Flash 8 verwenden. Die aktuelle Flash Version finden Sie hier