23.09.2009 · Wie Prediger redeten Barack Obama und Muammar al Gaddafi vor der UN-Vollversammlung. Der amerikanische Präsident verkündete seine Botschaft der Hoffnung und des Wandels. Der libysche Revolutionsführer hingegen hielt eine Aufrechnungs- und Vergeltungspredigt - und sprach acht Mal so lange wie ihm zugestanden war.
Von Matthias Rüb, New YorkWas ist eine Charmeoffensive Barack Obamas gegen die Wortkaskaden Muammar al Gaddafis? Was ist schon die halbstündige Rede des amerikanischen Präsidenten, geschliffen formuliert, gekonnt vorgetragen, mit freundlichem Beifall bedacht von den Staats- und Regierungschefs und Delegationsleitern der 192 im Plenarsaal der Vereinten Nationen zusammengekommenen Staaten, gegen die fast zweistündige Suada eines alternden Rebellen, der sich in seinen Papieren, Sätzen und Gedanken verheddert, der den UN-Sicherheitsrat einen „Terrorrat“ schimpft, 777 Billionen Dollar Schadenersatzzahlungen der Alten Welt des Nordens an die unterjochten Völker im Süden fordert und schließlich noch eine Abstimmung zur Verlegung des Sitzes der Vereinten Nationen an einen „gerechteren“ Platz fordert, vielleicht irgendwo in der arabischen Welt?
Gaddafi und Obama hielten am Mittwoch am wuchtigen grünen Rednerpult im holzgetäfelten Saal der UN-Vollversammlung ihre Jungfernrede: Obama nach neun Monaten Amtszeit, Gaddafi nach gut 40 Jahren Herrschaft. Der eine ist ein junger Schwarzer, der als demokratisch gewählter Präsident eines mächtigen und reichen Landes die Hoffnung der globalisierten Welt auf den Anbruch eines Zeitalters der Gemeinsamkeit von Süden und Norden, Osten und Westen, Schwarz und Weiß, Arm und Reich verkörpern will.
Der andere ist ein alter weißer Maghrebiner, ein Tyrann, der seit Jahr und Tag den zornigen Rächer der Entrechteten gibt und dabei sein Volk kujoniert, der sich für nichts so sehr wie für den eigenen Machterhalt interessiert und sich dennoch zum Sprecher jener aufschwingt, denen nach Jahrhunderten der Unterdrückung durch die Reichen aus dem Norden endlich Revanche zusteht.
Gaddafi redete acht Mal so lange wie ihm zugestanden war
Recht besehen waren es zwei Predigten, welche die besondere Dramaturgie des Auftakts der Generaldebatte der diesjährigen UN-Vollversammlung einander unmittelbar folgen ließ und hart gegeneinanderstellte. Obama hielt eine Versöhnungs- und Erlösungspredigt, seit dem langen amerikanischen Wahlkampf von 2008 wohlbekannt.
Obama verkündete seine Botschaft der Hoffnung und des Wandels, er beschwor den historischen Moment, der die Überwindung des Trennenden ermöglicht und den Weg in eine Zukunft des Gemeinsamen weist. Gaddafi hielt eine Aufrechnungs- und Vergeltungspredigt. Darin wurden in verschlungenen Arabesken die seit Menschengedenken von den Armen durch die Reichen erlittenen Untaten beklagt. Gaddafi verlangte die Wiedergutmachung und den Umsturz der bestehenden Machtverhältnisse und öffnete keine Aussicht auf Versöhnung. In einer Umkehr der üblichen Rolle zwischen jugendlichem Kriegsrebell und altersweisem Friedensprophet war der junge Obama der Sanfte und der alternde Gaddafi der Zornige.
Gemessen an seinem Nachredner, hatte Obama sich noch an die Regeln gehalten. Die allen Rednern zugestandene Redezeit von 15 Minuten überzog er nur in einem Maße, wie es den Vertretern der Großmächte zusteht. Gaddafi machte sich gerade den Bruch der Regeln und der Konventionen zum Prinzip: Er redete achtmal so lange, wie ihm zugestanden war, er extemporierte, dass einem die bald verschlissenen Übersetzer aus dem Arabischen nur leidtun konnten, und er ließ keine Verschwörungstheorie aus.
Viele Delegierte verließen den Saal aus Protest
Zum sicht- und hörbaren Zorn Gaddafis mochte auch beigetragen haben, dass er trotz hartnäckigen Suchens keinen Platz gefunden hatte, wo er sein Beduinenzelt aufstellen konnte, das ihm gewöhnlich auf seinen Auslandsreisen als Behausung dient. Zuletzt hatte er es auf einem Gelände in dem beschaulich-hübschen Städtchen Bedford knapp 70 Kilometer nördlich von Manhattan versucht. Das Grundstück soll die libysche UN-Mission kurzfristig vom Immobilienmagnaten Donald Trump gemietet haben, der auch direkt gegenüber vom UN-Hauptquartier in Manhattan über ansehnliche Liegenschaften verfügt.
Doch auch dort, wie zuvor in Englewood in New Jersey, erreichten es die Nachbarn, dass das Zelt doch nicht aufgeschlagen werden durfte. Am Ende nächtigte der Revolutionsführer in der libyschen UN-Mission in Manhattan. Dass er nicht gut geschlafen habe und übernächtigt sei wie viele seiner Brüder aus der unterdrückten Welt, die man Jahr um Jahr nach New York zum UN-Sitz zwinge, statt sie an einen für sie weniger weit entfernten Ort zu bitten, erwähnte Gaddafi mehrfach in seiner Rede.
Da hatten viele Delegierte längst aus Protest den Saal verlassen. Schon tags zuvor hatte Gaddafi bei seinem ersten Besuch in den Vereinigten Staaten seit seiner Machtergreifung im Jahr 1969 den Vollversammlungssaal besucht und sich seinen Platz angesehen. Dann zog er einen Stift aus der Tasche und schrieb, auf Arabisch und auf Englisch, drei Wörter auf das Holz: „Wir sind hier!“
Herr Gaddafi
Gustav Mahler (GustavMahler)
- 23.09.2009, 22:08 Uhr
Landstreicher & Graffiti
Franz Wildner (Feluske)
- 23.09.2009, 22:23 Uhr
Was hat Gaddafi denn nun gesagt?
Gerd Bungartz (gerdbungartz)
- 23.09.2009, 23:10 Uhr
Eigentlich ist das alles nur die Fortsetzung von Monty Python...
Alexej Schmidt (AlexejSchmidt)
- 23.09.2009, 23:14 Uhr
Besser geht's nicht
Regine Metes (nightinggale)
- 24.09.2009, 00:00 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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