23.08.2007 · Die Unifil-Mission ist eine der verlustreichsten der UN überhaupt: Es gab schon 256 Tote. Die wohl größte Gefahr geht vor allem von kleinen, zum Teil neuen Terrorgruppen aus. Die Hizbullah hält sich derzeit zurück - und rüstet auf. Von Hans-Christian Rößler.
Von Hans-Christian RößlerNur einmal schlugen drei Katjuscha-Raketen im Norden Israels ein. Es war bisher die einzige gravierende Verletzung der Waffenruhe zwischen der libanesischen Hizbullah und Israel, die seit einem Jahr die „United Nations Interim Force in Lebanon“ (Unifil) überwacht. Umgehend teilte die schiitische Miliz mit, dass sie mit diesem Angriff nichts zu tun habe. Mehr als 4000 Raketen hatten ihre Kämpfer in dem 34 Tage dauernden Krieg auf Israel abgefeuert. Seit dem 14. August 2006 tragen die derzeit 13.286 Soldaten der Unifil dazu bei, dass der Krieg zwischen Israel und der Hizbullah nicht wieder aufflammt.
Der unprofessionell ausgeführte Raketenangriff auf die nordisraelische Stadt Kirijat Schmona am 17. Juni bedeutete dabei keinen Wendepunkt: Der Attacke bezichtigten sich die „Jehaddi Badr-Brigaden - Lebanon“, eine bis dahin unbekannte Gruppe.
Unifil besonders verlustreich
Es sind derartige kleinere, zum Teil neu gegründete Terrorgruppen, von denen wohl die größte Gefahr für die Unifil-Soldaten ausgeht. Schon als der UN-Sicherheitsrat im Sommer 2006 das Mandat der bestehenden Unifil-Mission robuster gestaltete und die Truppenstärke von etwa 2000 (Juli 2006) auf 15.000 Mann erhöhte, war die Sorge um ihre Sicherheit groß. Denn die UN-Mission im Libanon ist seit ihrem Beginn im Jahr 1978 eine der verlustreichsten der Organisation: Insgesamt 256 Tote sind bis heute zu beklagen. Bis zum Sommer 2006 kamen viele Blauhelme um, weil sie zwischen die Fronten von Israel und der Hizbullah gerieten. Jetzt haben offenbar vor allem sunnitische Extremisten die Unifil ins Visier genommen.
Bei einem Terroranschlag kamen am 24. Juni sechs spanische und kolumbianische Unifil-Soldaten ums Leben. Des Anschlags auf die Soldaten des spanischen Kontingents bezichtigte Madrid mehrere dem Terrornetz Al Qaida nahestehende sunnitische Gruppen, darunter auch „Fatah al Islam“, die sich im libanesischen Flüchtlingslager Nahr al Barid blutige Gefechte mit den regulären Streitkräften liefert. Diplomaten in Beirut schließen dabei nicht aus, dass die Terroristen auch Unterstützung aus Syrien erhalten. Von der innenpolitischen Instabilität im Libanon, wo es auch in diesem Jahr zu einer Serie von politisch motivierten Morden kam und im September Wahlen anstehen, geht nach Ansicht der UN eine große Gefahr für die eigenen Truppen in dem Land aus.
„Unregulierter Fluss von Personen und Fahrzeugen“
Im Vergleich zu anderen Gruppen verhält sich die Hizbullah dabei ruhig und sieht von gewaltsamen Aktionen ab. Das hält sie jedoch nicht davon ab, mit Hilfe Syriens und wohl auch Irans ihre alte Kampfkraft wiederherzustellen. Am ersten Jahrestag des Kriegsendes sagte Hizbullah-Führer Nasrallah stolz, seine Miliz verfüge heute wieder über die gleiche militärische Stärke wie vor dem Krieg. „Wenn ihr denkt, ihr könnt Libanon ein weiteres Mal angreifen, dann verspreche ich euch eine große Überraschung, die das Schicksal des Krieges und der ganzen Region verändern wird“, drohte Nasrallah Israel. Den Waffennachschub für die Hizbullah konnte die Unifil offenbar nicht wesentlich einschränken.
In seinem jüngsten Libanon-Bericht klagte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon Ende Juni darüber, dass „auf regulärer Basis“ Waffen aus dem Ausland in den Libanon gelangten. Zuvor hatte er schon kritisiert, dass die Hizbullah „Hunderte derartige Lieferungen“ erhalten habe, „darunter Kurz- sowie Langstreckenwaffen, Antipanzer- und Flugabwehrsysteme“. UN-Fachleute kamen in diesem Sommer zu dem Ergebnis, dass die Grenzkontrollen unzureichend seien und es an Personal dafür mangele. Es gebe einen „unregulierten Fluss von Personen, Fahrzeugen und Material“.
Israel und Amerika wollen verschärftes Mandat
Es gibt Berichte, wonach Raketenwerfer auf Tiefladern geliefert wurden und leichtere Waffen durch Tunnel oder über Gebirgspfade in den Libanon gelangten. Zudem verlagere die Hizbullah ihre militärischen Stützpunkte aus dem Einsatzgebiet der Unifil im Südlibanon in Gegenden nördlich des Litani-Flusses und in die Bekaa-Ebene, wo die libanesischen Streitkräfte sie offenbar unbehelligt lassen.
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon erhebt aber in seinem jüngsten Bericht auch Vorwürfe gegen Israel. Laut Unifil sei eine „deutliche Zunahme“ bei der Verletzung des libanesischen Luftraums durch israelische Militärflugzeuge zu beobachten gewesen. Das geschehe fast täglich bis zu mehr als dreißigmal. Israel will sich diese Aktionen nicht untersagen lassen und verweist auf den Waffenschmuggel und die beiden israelischen Soldaten, die seit mehr als einem Jahr immer noch in der Gewalt der Hizbullah sind.
Israel und Amerika bemühten sich deshalb darum, das Unifil-Mandat zu verschärfen und auch auf die Sicherung der Landgrenzen auszudehnen. Damit konnten sie sich jedoch offenbar im Sicherheitsrat nicht durchsetzen, der in den nächsten Tagen eine Verlängerung des Unifil-Mandats um ein weiteres Jahr beraten wird. Die Resolution wird wohl nur mit dem Appell versehen sein, alle Beteiligten sollten sich noch stärker anstrengen als bisher.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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