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UN-Ernährungsgipfel Benedikt XVI.: Den Hunger nicht akzeptieren

16.11.2009 ·  Mehr als eine Milliarde Menschen hungern auf der Welt, alle fünf Sekunden stirbt deshalb ein Kind - das sei nicht „nicht hinnehmbar“, sagt UN-Generalsekretär Ban Ki-moon auf dem Ernährungsgipfel der Vereinten Nationen in Rom. Papst Benedikt XVI. kritisiert Industrie und Spekulanten, die Ernährung als „bloße Ware“ betrachteten.

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Mit stärkeren Investitionen in Landwirtschaft und Ernährungssicherheit will die internationale Gemeinschaft den Hunger in der Welt bekämpfen. Zum Auftakt des Welternährungsgipfels am Montag in Rom bekräftigten Staatschefs aus rund 60 Ländern das Ziel, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Die Spitzen der führenden Industrienationen blieben dem Gipfel aber fern, Berlin schickte Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU).

Schon während der ersten Arbeitssitzung des dreitägigen Gipfels nahmen die Mitgliedsstaaten der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) eine Abschlusserklärung an, in der die „Beendigung des Hungers in der Welt“ als „strategisches Ziel“ formuliert wird. Einen konkreten Zeitrahmen nannten sie aber nicht, das Jahr 2025 als angedachte Zielmarke wurde aus der Erklärung gestrichen. Die Halbierung der Zahl der Hungernden, eines der so genannten Millenniumsziele der Vereinten Nationen, hatten FAO-Mitglieder zuletzt im Juni 2008 beschworen. Seitdem ist die Zahl der unter Hunger leidenden Menschen von 850 Millionen auf mehr als eine Milliarde gestiegen.

Eine globale Partnerschaft für Landwirtschaft und Ernährungssicherung soll nun die Trendwende schaffen. In der Abschlusserklärung forderten die FAO-Staaten, wieder mehr Geld in Ackerbau und Tierzucht in Entwicklungsländern zu investieren - ohne jedoch eine Summe zu nennen. FAO-Chef Jacques Diouf hatte im Vorfeld „konkrete Zusagen“ gefordert. Statt der derzeit acht Milliarden Dollar an Investitionen in die Landwirtschaft seien jährlich 44 Milliarden Dollar nötig.

Benedikt kritisiert Spekulantentum mit Nahrungsmitteln

Papst Benedikt XVI. rief auf dem Gipfeltreffen in Rom zur entschlossenen Bekämpfung des Hungers in der Welt auf. „Es ist nicht möglich, weiterhin Überfluss und Verschwendung zu akzeptieren, wenn das Drama des Hungers immer größere Dimensionen annimmt“, sagte der Papst.

Hunger sei ein grausames und konkretes Zeichen der Armut. Es bestehe die Gefahr, dass Hunger als unüberwindliches Merkmal von Entwicklungsländern akzeptiert werde, doch das dürfe nicht geschehen. Nötig seien eine Neudefinition des Verhältnisses zwischen den Staaten und mehr Investitionen in die Landwirtschaft, die nicht als minderwertig angesehen werden dürfe. „Die Erde kann ihre Bewohner ausreichend ernähren“, sagte der Papst, das gelte trotz des Klimawandels und des Bevölkerungswachstums.

Der Papst geißelte indirekt die Nahrungsmittelkonzerne, die Ernährung als „bloße Ware“ betrachteten. „Es ist notwendig, den Egoismus zu bekämpfen, der es ermöglicht hat, dass Spekulantentum sogar auf dem Getreidemarkt herrscht und Nahrungsmittel auf eine Ebene mit anderen Waren stellt“, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche. Globalisierungskritische Organisationen protestierten vor dem FAO-Sitz in Rom gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln auf den Weltmärkten.

„Ein Weckruf für morgen“

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hatte es zum Auftakt des Gipfeltreffens die Zahl von mehr als eine Milliarde Hungernden als inakzeptabel bezeichnet. Ban sagte, eine ausreichende Versorgung mit Nahrung sei die Grundlage für ein würdigen Lebens, vor Bildung und Gesundheit. Mangelnde Ernährungssicherheit habe während der jüngsten Lebensmittelkrise im vergangenen Jahr Ausschreitungen in rund 20 Ländern ausgelöst, sagte der UN-Generalsekretär. Das Welternährungsprogramm (WFP) habe derweil die Versorgung von 100 Millionen Hungernden gesichert. „Wenn wir nicht sofort handeln, werden wir solche Krisen immer wieder erleben“, warnte Ban. „Die Lebensmittelkrise von heute ist ein Weckruf für Morgen.“

Die internationale Gemeinschaft müsse bis 2020 die Lebensmittelproduktion um siebzig Prozent erhöhen, um die steigende Weltbevölkerung unter gewandelten Klimabedingungen zu versorgen. Ban forderte die internationale Gemeinschaft vor diesem Hintergrund eindringlich zu einer Einigung über ein Abkommen bei der Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen auf.

Angesichts der gestiegenen Zahl der Hungernden müssen nach den Worten des UN-Generalsekretärs verstärkt Sicherheitsnetze für diejenigen entwickelt werden, die sich nicht selbst ernähren können. In diesem Zusammenhang wies er auf die herausragende Bedeutung von Landwirtschaftsentwicklung und der Rolle von Kleinbauern hin, die rund siebzig Prozent der Unterernährten stellen. „Kleinbauern sind das Herz und die Seele der Armutsbekämpfung.“ Um das Recht auf Nahrung umzusetzen, müssten sie Zugang zu Wasser, Land und Märkten erhalten, deren Regeln nicht von Importzöllen und Subventionen verzerrt seien.

Barroso: „Moralische Schande“

Rund 60 Staats- und Regierungschefs reisten zu dem bis Mittwoch dauernden Gipfel nach Rom, darunter die Präsidenten von Brasilien und Venezuela, Luiz Inácio Lula da Silva und Hugo Chávez, sowie Robert Mugabe aus Zimbabwe und Muammar al-Gaddafi aus Libyen.

Die Europäische Union ist bei dem Treffen durch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vertreten. Am ersten Gipfeltag steht die Verabschiedung einer gemeinsame Erklärung auf dem Programm. Barroso nannte es in der Zeitung „Il sole 24 Ore“ eine „moralische Schande“, dass der Mensch einerseits auf dem Mond gelandet sei, es aber andererseits im 21. Jahrhundert nach wie vor nicht gelinge, die Menschheit ausreichend zu ernähren.

Notwendig seien zusätzliche Anstrengungen zur Steigerung der Agrarproduktion, zur Liberalisierung des Handels und zur Bekämpfung der schädlichen Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft. Die deutsche Agrarministerin Aigner wertete die Gipfelerklärung als Erfolg. Die globale Partnerschaft für Landwirtschaft sei „zukunftweisend“, teilte die Bundeslandwirtschaftsministerin mit. „Damit geben wir den Startschuss für eine neue Struktur der internationalen Zusammenarbeit in der Welternährung.“ Zudem stärke die „ausdrückliche Bezugnahme auf das Recht auf Nahrung“ die Position der einzelnen Menschen und nehme die Regierungen in die Pflicht.

(Siehe auch: Mehr als eine Milliarde Menschen hungern)

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