27.07.2006 · UN-Generalsekretär Kofi Annan hat den Tod der vier UN-Beobachter im Libanon als Folge eines „offenbar absichtlichen Angriffs“ bezeichnet. Amerikanische Kommentatoren sehen darin einen Versuch, von der eigenen Verantwortung abzulenken.
Von Matthias Rüb, WashingtonWer einen eigenen Fehler ahnt, diesen zu bekennen aber noch nicht in der Lage ist, versucht das ihn beschleichende Schuldgefühl in einer ersten Überreaktion zurückzudrängen. Diesem Erklärungsmuster folgen die meisten Kommentare in amerikanischen Medien zur Reaktion von UN-Generalsekretär Kofi Annan auf die Bombardierung eines Postens der UN-Militärbeobachter der Untso-Mission nahe der Ortschaft Khiyam, bei der vier unbewaffnete Soldaten getötet wurden - je einer aus China, Finnland, Kanada und Österreich.
Daß Annan in einer schriftlichen Erklärung „einen offenbar absichtlichen Angriff der israelischen Truppen“ kritisierte, beschreiben die Kommentatoren als bewußtes oder unbewußtes Ablenkungsmanöver von der eigenen Verantwortung für den Tod der vier Untso-Beobachter.
„Sie benutzen uns als Schutzschilde“
In einem Beitrag für die kanadische Tageszeitung „Globe and Mail“ vom Donnerstag zitiert der pensionierte Generalmajor der kanadischen Streitkräfte Lewis McKenzie, der 1992 der erste Befehlshaber der UN-Schutztruppe (Unprofor) in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo war, aus einer E-Mail des bei der Detonation vom Dienstag getöteten kanadischen Majors Paeta Derek Hess-von Kruedener vom 18. Juli an ranghohe Offiziere der kanadischen Streitkräfte.
Darin beschreibt Hess-von Kruedener nach dem Zitat von McKenzie die Lage seit Beginn der israelischen Angriffe auf vermutete Stellungen der radikal-islamischen Hizbullah-Miliz im Dreiländereck Israel-Libanon-Syrien mit folgenden Worten: „Das Artilleriegeschoß, das uns am knappsten verpaßt hat, schlug in zwei Meter Entfernung von unserem Posten ein, die 500-Kilo-Bombe, die uns am nächsten kam, schlug in 100 Meter Entfernung ein. Das waren keine absichtlichen Angriffe, sondern sie schienen eher von taktischen Notwendigkeiten diktiert.“
McKenzie erlaubt sich dieses nach seiner Einschätzung „verkleidete Reden“ im Militärjargon wie folgt zu übersetzen: „Wir haben Hizbullah-Kämpfer überall um uns herum, und sie benutzen uns als Schutzschilde für Angriffe gegen die israelischen Streitkräfte. Sie werden vermutlich bleiben in der Hoffnung, die Israelis würden aus Sorge, uns zu treffen, sie nicht angreifen.“
„Tragischer operativer Irrtum“
Dieser Einschätzung steht die Aussage der für die Einsätze der UN-Friedenstruppen zuständigen Untergeneralsekretärin Jane Holl Lute im UN-Sicherheitsrat vom Mittwoch entgegen, wonach es in der Region keine Hizubullah-Stellungen gegeben habe. In den sechs Stunden vor der Zerstörung des Postens seien 21 Einschläge in einem Umkreis von 300 Metern gezählt worden. Zwölf davon seien „trotz wiederholter Bitten um Feuereinstellung bei den israelischen Streitkräften“ in einem Umkreis von 100 Metern eingeschlagen - vier schließlich hätten den Posten voll getroffen.
Ob Annan nach dem Gespräch mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert seine Einschätzung vom „offenbar absichtlichen Angriff“ auf den Posten zurückgenommen hat, ist vorerst unklar. Genauso bleibt offen, welche politischen oder militärischen Ziele Israel mit einem absichtlichen Angriff auf die UN-Beobachter hätte verfolgen sollen.
„Wir warten auf das Ende der Untersuchung, und ich bin dem Ministerpräsidenten für seine Worte dankbar, und wir akzeptieren seine Worte“, sagte Annan in der Nacht zum Donnerstag nach dem Telefonat mit Olmert, der seinerseits seine „tiefe Trauer“ und sein Bedauern über den Vorfall, aber auch sein Befremden über das rasche Urteil Kofi Annans bekundet hatte. Der israelische Brigadegeneral Udi Dekel sprach in einem Brief an die UN-Kommandeure von einem „tragischen operativen Irrtum“.
Muss sich das Opfer rechtfertigen?
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 27.07.2006, 20:31 Uhr
Wer Angst säht
Reiner Sanders (reiner1938)
- 28.07.2006, 02:03 Uhr
Ah! Wirklich!
SHPEND JUSUFI (IsmailKadare1)
- 28.07.2006, 03:09 Uhr
Annans Verantwortung?
Jens Friedland (Rodriges)
- 28.07.2006, 09:58 Uhr
Die UN im Südlibanon
Franz-Gerhard Zeus (fgzeus)
- 28.07.2006, 11:49 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
Jüngste Beiträge