14.03.2006 · Offiziell gilt die Todesursache von Slobodan Milosevic als geklärt. Dennoch fordert Rußlands Außenminister Lawrow, russische Ärzte an den Untersuchungen zu beteiligen. Milosevic soll Medikamente genommen haben, die die Wirkung der ihm verschriebenen Herzmittel aufhoben.
Obwohl die Ursache des Todes von Slobodan Milosevic nach einer Autopsie in den Niederlanden offiziell als geklärt gilt, hat Rußlands Außenminister Lawrow am Montag gefordert, russische Ärzte an den Untersuchungen zu beteiligen. Die Obduktion, die auf Wunsch Belgrads von zwei serbischen Medizinern verfolgt wurde, hatte nach Mitteilung des UN-Kriegsverbrechertribunals ergeben, daß der ehemalige Präsident Jugoslawiens einen Herzinfarkt erlitt. Milosevic war am Samstag leblos in seiner Zelle des UN-Gefängnisses gefunden worden.
Vuk Draskovic, Außenminister von Serbien und Montenegro, forderte die EU und die Vereinigten Staaten am Montag auf, in diesem „schwierigen“ Augenblick für Serbien den Druck wegen der unzureichenden Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal zu beenden. Er warnte indirekt vor einer Rückkehr von Milosevics sozialistischer Partei und der Serbischen Radikalen Partei des ebenfalls in Den Haag inhaftierten ehemaligen Freischärlerführers Vojislav Seselj an die Macht. Unterdessen dauerte die Ungewißheit über den Ort des Begräbnisses von Milosevic an.
„Für seine Gesundheit verhängnisvoll“
Um möglichen Verschwörungstheorien zuvorzukommen, hatte das UN-Gericht die gesamte Autopsie mit Kameras aufzeichnen lassen. (Siehe auch: ) Dennoch sagte Lawrow in Moskau, eine Gruppe russischer Ärzte sei zum Abflug in die Niederlande bereit. „Erst hat man uns nicht getraut. Jetzt haben wir das Recht, denen nicht zu trauen, die diese Expertisen erstellen“, kommentierte er den Autopsiebericht aus den Niederlanden.
Lawrow spielte damit auf die Weigerung des Haager Tribunals im Februar an, Milosevic zu einer Behandlung seiner Herzprobleme nach Moskau ausreisen zu lassen. In Den Haag war die Weigerung damit begründet worden, Milosevic habe nicht nachweisen können, daß die medizinischen Eingriffe allein in Moskau und nicht auch in einer Klinik in den Niederlanden geschehen könnten. Es bestand anscheinend trotz einer Garantieerklärung der russischen Regierung die Befürchtung, Milosevic werde aus Moskau nicht zum Prozeß zurückkehren.
Lawrow teilte laut einem Bericht der russischen Agentur Interfax zudem mit, seinem Ministerium liege ein auf den 8. März datierter Brief Milosevics vor, in dem dieser abermals um eine Behandlung in Moskau gebeten und den Verdacht geäußert habe, einige der ihm von den Ärzten des Tribunals verordneten Medikamente seien „für seine Gesundheit verhängnisvoll“. Passagen aus diesem angeblichen Brief Milosevics an Lawrow hatte zuvor auch dessen Belgrader Anwalt verlesen.
Spuren „eines extrem starken Medikaments“
Laut serbischen Medienberichten schreibt Milosevic in dem Brief, ihm sei eine Behandlung in Moskau verweigert worden, weil eine professionelle Analyse russischer Fachleute ergeben hätte, daß seine Gesundheit im UN-Gefängnis systematisch beeinträchtigt worden sei. Milosevic wird mit der Behauptung zitiert, im Januar seien in seinem Blut Spuren „eines extrem starken Medikaments“ gefunden worden, das üblicherweise zur Behandlung von Lepra und Tuberkulose verschrieben werde.
Tatsächlich bestätigte dies ein niederländischer Toxikologe, der Milosevics Blut zwei Wochen vor dessen Tod untersucht hatte. Er äußerte aber die Vermutung, Milosevic habe eigenmächtig das Antibiotikum Rifampicin eingenommen, das die Wirkung der ihm verschriebenen Mittel gegen Bluthochdruck aufhob. Der Wissenschaftler mutmaßte, Milosevic könne das Medikament bewußt eingenommen haben, um seinen ohnehin zu hohen Blutdruck weiter zu erhöhen und so doch noch die Erlaubnis zu einer Operation in Moskau zu erhalten.
Der zitierte Wissenschaftler hatte Milosevics Blut auf Bitten von dessen Gefängnisarzt untersucht, der herausfinden wollte, warum der Blutdruck seines Patienten trotz Behandlung unvermindert hoch blieb. Wie Milosevic in den Besitz des Medikaments gelangen konnte, wurde nicht berichtet.
Wo wird er begraben?
Nach Angaben seines serbischen Anwalts soll Milosevic in Belgrad begraben werden. Zuvor waren auch Rußland und Montenegro genannt worden. In Rußland lebt Milosevics Witwe Mira Markovic, gegen die Haftbefehl in Serbien vorliegt. Frau Markovic war nach der Ermordung von Zoran Djindjic im März 2003 aus Serbien geflohen. Sie wird verdächtigt, in die Ermordung des ehemaligen serbischen Präsidenten Ivan Stambolic, eines anderen Widersachers ihres Mannes, verwickelt zu sein. Aus Montenegro stammen Milosevics Eltern, dort lebt auch seine Tochter.
Laut dem Rechtsanwalt der Milosevics soll das Begräbnis jedoch in Belgrad abgehalten werden, und zwar mit allen staatlichen Ehren, wie es gesetzlich vorgesehen sei und dem Verstorbenen als ehemaligem Präsidenten Serbiens und Jugoslawiens gebühre. Ein Staatsbegräbnis wurde von Serbiens Präsident Tadic und anderen führenden Politikern des Landes aber abgelehnt. Tadic sagte, ein Staatsbegräbnis wäre „völlig unangebracht“ gemessen an der Rolle, die Milosevic in Serbiens jüngster Geschichte gespielt habe.
Stürzt jetzt die Regierung?
Der Bürgermeister Belgrads, Nenad Bogdanovic, sagte, daß Milosevic nicht in der sogenannten „Allee verdienter Bürger“ des Belgrader Zentralfriedhofs seine letzte Ruhestätte finden werde, denn die sei Persönlichkeiten vorbehalten, die „eine positive, edle und humane Spur“ hinterlassen hätten. Auch aus der regierenden Demokratischen Partei Serbiens von Ministerpräsident Vojislav Kostunica hieß es am Montag, Milosevic könne zwar in Belgrad begraben werden, aber ohne staatliche Ehren.
Von Kostunica selbst lag zunächst keine Äußerung vor. Befürchtungen, daß diese Haltung zu einem Sturz seiner Regierung führen könnten, gibt es in Belgrad kaum, obschon es theoretisch dazu kommen könnte: Kostunica steht an der Spitze einer Minderheitsregierung, die formal von der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS) geduldet wird, deren langjähriger Chef und zuletzt Ehrenvorsitzender Milosevic war. Einzelne Funktionäre sollen laut serbischen Medienberichten gedroht haben, der Regierung die Unterstützung zu entziehen, wenn Milosevic kein Staatsbegräbnis erhalte und der Haftbefehl gegen seine Frau nicht aufgehoben werde.
Zeitspanne
Phillip E. (felipo)
- 13.03.2006, 02:39 Uhr
Kein Heldentum für Milosevic
A. Ro-Nori (Steuerzahler)
- 14.03.2006, 00:05 Uhr
Causa Milosevic
Marco Jovic (marco_polo)
- 14.03.2006, 00:46 Uhr