15.09.2006 · Der Giftmüllskandal in der Elfenbeinküste hat schon sieben Menschenleben gekostet. Zehntausende haben sich mit Verdacht auf Vergiftungen untersuchen lassen. Eine französische Spezialfirma soll am Sonntag mit der Entsorgung der giftigen Stoffe beginnen.
Von Thomas ScheenEine französische Spezialfirma soll am Sonntag mit der Entsorgung des Giftmülls in der ivorischen Hauptstadt Abidjan beginnen. In der Nähe der Lagerstätten sei zudem die Fischerei untersagt worden, erklärte Premierminister Charles Konan Banny am Freitag nach Angaben staatlicher Medien. Früchte, die dort angebaut worden seien, würden vernichtet.
Bis zum Freitag hatten sich mehr als 26.000 Bewohner der Millionenstadt mit Verdacht auf Vergiftungen untersuchen lassen. 16.000 hatten nach Angaben der Behörden Vergiftungserscheinungen. Die Patienten klagen nach Angaben der Krankenhäuser über Kopfschmerzen, Brechreiz, Durchfall und Atembeschwerden. Sieben Menschen, darunter vier Kinder, starben inzwischen an den Folgen giftiger Dämpfe, nachdem eine ivorische Entsorgungsfirma mehr als 500 Tonnen hochgiftiger und schlackenförmiger Reinigungsrückstände eines griechischen Tankers auf einem Dutzend offener Müllkippen im Stadtgebiet abgekippt hatte.
Trinkwasser nicht kontaminiert
Nach wie vor hängt über den vom Giftmüllskandal betroffenen Stadtteilen der Geruch von faulen Eiern. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums der Elfenbeinküste sagte indes, die hohe Zahl an Patienten sei der allgemeinen Psychose in Abidjan geschuldet und die Zahl der tatsächlich Vergifteten sehr viel geringer. Zur Zeit werden 23 Personen stationär behandelt.
Befürchtungen, das Trinkwasser der Stadt könnte kontaminiert sein, bewahrheiteten sich indes nicht. Nach Angaben der unter französischem Management stehenden Wasserwerke Abidjans sind keine erhöhten Schadstoffwerte festgestellt worden. Trotzdem kann noch nicht von Entwarnung gesprochen werden, da ein Teil der Giftladung in die Lagune der Stadt gekippt worden sein soll und somit Vergiftungsgefahr bei Fischprodukten besteht.
Experten empfehlen Rücktransport
Das französische Expertenteam, das die giftigen Rückstände vergangene Woche analysiert hatte, empfahl inzwischen, die Schlacke nach Europa zurückzutransportieren, wo sie ordnungsgemäß entsorgt werden kann. Die unmittelbare Gefahr durch austretende Dämpfe sei mittlerweile vorüber, da die Schlacke „ausgedünstet“ sei.
Die griechische Reederei des Tankers „Probo Koala“ bezeichnete die Abfälle als Rückstände aus der regelmäßigen Spülung der Schiffstanks, wobei die zur Reinigung verwendeten Chemikalien in einem dafür vorgesehenen Ballasttank mit den Benzin- und Rohölresten eine toxische Verbindung eingegangen seien.
Generaldirektor des Hafens beurlaubt
Unterdessen nahm die ivorische Justiz sieben Personen im Zusammenhang mit dem Giftmüllskandal fest, darunter drei Vertreter von Firmen im Hafen von Abidjan, die mit dem Löschen der giftigen Ladung zu tun hatten. Der Generaldirektor des Hafens wurde beurlaubt; er ist nach Spanien gereist und hat sich so dem Zugriff der Staatsanwälte vorerst entzogen.
Eines der beschuldigten Unternehmen ist eine Firma namens „Puma Energy“, eine Tochter der Schweizer Schiffsmakler- und Rohölagentur mit niederländischem Sitz Trafigura Beheer BV, in deren Auftrag die „Probo Koala“ unterwegs ist. Zudem war der Geschäftsführer der ivorischen Firma „Tommy“ festgenommen worden, die die halbflüssige Schlacke gelöscht und illegal entsorgt hat.
„Beachtung aller Regeln“
Nach Angaben der ivorischen Staatsanwaltschaft hatte der Kapitän der unter panamaischer Flagge fahrenden „Probo Koala“ „Puma Energy“ informiert, im Hafen von Abidjan „Schmutzwasser“ löschen zu wollen, nachdem das Schiff zuvor eine Ladung Benzin aus Estland in Nigeria gelöscht hatte und auf dem Rückweg ins Baltikum war.
Die Entsorgung von „Schmutzwasser“ ist durch die „Konvention Marpol“ von 1978 geregelt, die das Verklappen solcher Abfälle auf hoher See unter Strafe stellt und gleichzeitig alle Hafenbehörden verpflichtet, entsprechende Installationen vorzuhalten. Der ivorische Transportminister bestätigte inzwischen, daß die „Probo Koala“ unter „Beachtung aller Regeln“ in den Hafen eingelaufen sei.
„Puma Energy“ hatte nach Vermittlung einer Firma namens „Waibs“ schließlich „Tommy“ mit der Entsorgung der giftigen Abfälle beauftragt, wobei „Tommy“ erst seit dem 12. Juli eine Betriebsgenehmigung besitzt und nach Auskunft anerkannter Entsorgungsunternehmen in Abidjan lediglich „über ein Büro und schönes Briefpapier“ verfügt. In ivorischen Medien wird nun spekuliert, wer hinter „Tommy“ steckt und vor allem wie dieses Unternehmen an die entsprechenden Genehmigungen kam.
„Maritime Abfälle“
Laut niederländischen Medienberichten hatte die Besatzung der „Probo Koala“ zuvor versucht, die Spülrückstände im Hafen von Amsterdam zu löschen. Die niederländische Entsorgungsfirma hatte indes einen Aufschlag auf den zuvor vereinbarten Preis gefordert, weil die Rückstände „bestialisch gestunken“ hätten, sagte ein Sprecher des Amsterdamer Hafens. Zudem hätte die „Probo Koala“ nach Rotterdam fahren müssen, weil die Einrichtungen in Amsterdam nicht geeignet seien.
Der Maklerfirma Trafigura sei diese Prozedur nach eigenen Angaben aber zu aufwendig gewesen, weil die unplanmäßige Liegezeit des Schiffes in Rotterdam bis zu 250.000 Dollar an „Verspätungskosten“ nach sich gezogen hätte. Die niederländischen Behörden hätten keinen Grund gesehen, die „Probo Koala“ am Verlassen des Hafens von Amsterdam zu hindern, weil die Reinigungsrückstände in den Tanks technisch gesehen kein Giftmüll, sondern „maritime Abfälle“ darstellen, für die keine Exportlizenz erforderlich ist. Das europäische Verbot der Ausfuhr von Giftmüll, die „Konvention von Basel“, schließt toxische Rückstände „aus dem Betrieb von Schiffen“ ausdrücklich aus.
Teure Entsorgung
Die ivorische Regierung kündigte an, sie wolle alle „nationalen und internationalen“ Rechtswege ausschöpfen, um die Verantwortlichen für den Skandal vor Gericht zu stellen. Gleichwohl scheint es nach derzeitigem Stand der Ermittlungen so zu sein, daß weder die griechische Reederei noch die Makler in den Niederlanden zur Verantwortung gezogen werden können, sollte es sich bei den giftigen Schlacken tatsächlich um Reinigungsrückstände handeln und nicht um Raffinerieabfälle, wie Greenpeace behauptet.
Die Beteuerungen aus Holland aber, man sei sich keiner Schuld bewußt, weil „Tommy“ über die erforderlichen Genehmigungen zur Entsorgung von Schmutzwasser verfügt habe, sind indes wenig glaubwürdig. Eine sichere Entsorgung des Abfalls hätte in den Niederlanden bis zu 3000 Euro pro Tonne gekostet. In Abidjan waren es dem Vernehmen nach nicht einmal 300 Euro pro Tonne. Warum das so ist, erklärt sich von selbst.
Friedensinitiative laut Gbagbo gescheitert
In der durch den Giftmüllskandal ausgelösten Regierungskrise zeichnete sich unterdessen keine Lösung ab. Präsident Laurent Gbagbo lehnte am Freitag einen Vorstoß der Vereinten Nationen zu Verhandlungen mit den Rebellen aus dem Norden des Landes ab. „Der Versuch der internationalen Gemeinschaft, Frieden in der Elfenbeinküste zu schaffen, ist fehlgeschlagen“, sagte Gbagbo vor der Presse in Abidjan. An einem für den 20. September in New York geplanten Treffen werde er nicht teilnehmen.
Die Rebellen, die seit vier Jahren den Norden des Landes kontrollieren, weigern sich, einer neuen Regierung beizutreten. Premierminister Konan Banny hatte sein Kabinett am vergangenen Mittwoch aufgelöst und den Giftmüllskandal als Grund genannt. Das Kabinett, das nur unter internationalem Druck zu Stande gekommen war, sollte nationale Wahlen vorbereiten. Der Prozeß war jedoch in den vergangenen Wochen zunehmend ins Stocken geraten.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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