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Balkan Kosovarische Seifenblasen

08.08.2006 ·  Die Auflösung der UN-Mission wird das Kosovo in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen. Nur Optimisten glauben, die Lignitvorkommen bei Mitrovica könnten die von Hilfe abhängige Provinz in ein „Bahrein Europas“ verwandeln.

Von Michael Martens, Wien
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Wie genau die politische Zukunft des Kosovos aussehen wird, über die Serben und Albaner seit Jahresbeginn in Wien verhandeln, ist trotz der grundlegenden Weichenstellung Richtung Unabhängigkeit noch nicht entschieden. Längst deutlich ist aber, daß weder Serben noch Kosovo-Albaner diese Zukunft allein werden finanzieren können, denn die zu erwartende wirtschaftliche Entwicklung des Gebietes gibt zu Zuversicht kaum Anlaß.

Einer der wenigen Lichtblicke, behaupten die Optimisten, sei unterirdisch zu finden: Die großen und vergleichsweise leicht abbaubaren Lignitvorkommen sind von einigen ausländischen Wirtschaftsfachleuten als potentielle Einnahmequelle für die vor ihrer Aufwertung zum Staat stehende serbische Provinz gewertet worden. Diese Bodenschätze liegen zum Teil im von Serben kontrollierten Nordteil des Kosovos, was auch die Hartnäckigkeit erklärt, mit der sich die Politiker der albanischen Mehrheit gegen eine Teilung ihrer Heimat wehren. In den Minen bei Mitrovica fand vor der Aufhebung der Autonomie des Kosovos durch Slobodan Milosevic 1989 ein folgenreicher Bergarbeiterstreik statt.

Das Kosovo als „Bahrein Europas“

In einer Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau wird prognostiziert, durch den Bau eines modernen Kraftwerks könne das Kosovo fast ein Fünftel seines derzeitigen Bruttoinlandsprodukts durch den Export von Strom erwirtschaften. In einigen albanischen Medien auf dem Amselfeld wurde schon gejubelt, dem Kosovo stehe eine Zukunft als Bahrein Europas bevor.

Vladimir Gligorov vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsstudien winkt spöttisch ab, wenn er darauf angesprochen wird. „Im Kosovo glauben tatsächlich manche, sie säßen auf einem riesigen Energiepotential und lebten in einem potentiellen Bahrein. Aber das sind Mythen.“ Die Vorkommen im Kosovo seien „von sehr geringer Qualität“, und der Abbau lohne nur, wenn ein Wärmekraftwerk direkt bei den Förderungsstellen entstünde. „Wenn man die Kohle noch transportieren muß, lohnt es sich schon nicht mehr“, sagt Gligorov, einer der führenden Spezialisten für Wirtschaftsfragen Südosteuropas.

Zukunftsbranche „Menschen-Export“

Deshalb habe er allzu optimistische Kosovaren und Ausländer stets vor übertriebenen Erwartungen gewarnt. Die wahrscheinlichste Zukunft für das Kosovo sei es wohl, „Menschen zu exportieren und von deren Überweisungen zu leben“. Aus der großen Diaspora des Kosovos fließe schon jetzt viel Geld zurück, sagt der Sohn des ersten mazedonischen Präsidenten Kiro Gligorov.

Als weitere Notwendigkeit gilt Fachleuten zudem, das Kosovo zu einem Standort für arbeitsintensive Industrien zu entwickeln, denn die Lohnkosten sind gering. „Wenn man viele junge Leute und kein Kapital hat, liegt der relative Vorteil offensichtlich in der billigen Arbeitskraft“, sagt Gligorov. Im Kosovo spielt zwar auch die Landwirtschaft eine große Rolle, doch dominiert die Subsistenzwirtschaft, die nicht einmal gegen Importe aus Bulgarien bestehen kann.

Auch die Infrastruktur und die Lage des Binnenlandes Kosovo bleiben eine Hürde. Der wichtigste Hafen für das Kosovo ist Thessaloniki, eine angemessene Verkehrsverbindung in die albanische Hafenstadt Durrës hingegen existiert nicht und wird in absehbarer Zeit auch nicht zu finanzieren sein. „Auch die Demographie ist ein Problem. Es ist eine sehr junge Bevölkerung, aber das Niveau der Ausbildung ist nicht hoch. Man müßte viel Geld in die Bildung investieren“, so Gligorov.

Wirtschaftliche Scheinblüte

Eine andere Schwierigkeit ist jetzt schon sichtbar, wird aber erst im kommenden Jahr ihren Höhepunkt erreichen, wenn die UN-Mission für das Kosovo (Unmik) die Pforten schließen soll: Seit das Kosovo im Juni 1999 unter die Verwaltung der Vereinten Nationen gestellt wurde, haben viele tausend zum Teil sehr gut bezahlte Ausländer im Kosovo gearbeitet und einen Teil ihres Gehalts dort ausgegeben. Vor allem die Hauptstadt Prishtina, wo die Unmik ihren Sitz hat, erlebte in den ersten Jahren nach dem Abzug der Serben eine wirtschaftliche Scheinblüte. Restaurants und Cafés entstanden, eine Heerschar von Fahrern, Übersetzern, Köchen, Reinigungskräften und anderen Dienstleistern fand ihr Auskommen bei den Vereinten Nationen oder anderen internationalen Organisationen.

Auch Kosovo-Albaner in Westeuropa, die zu Milosevics Herrschaftszeiten gezögert hatten, investierten nun in ihrer Heimat. Vor allem Immobilieneigentümer und Bauunternehmer profitierten davon. Es kam zu einem Bauboom, die Mieten in der überaus häßlichen Provinzkapitale wirkten zum Teil grotesk überzogen, wurden aber von den bei der Suche nach annehmbarem Wohnraum konkurrierenden Ausländern gezahlt.

In einer von der Unmik vor kurzem veröffentlichten Studie heißt es, die Mission habe bisher 2,6 Milliarden Euro für Personalkosten, Waren und Dienstleistungen ausgegeben. Daß in der Studie die wirtschaftlichen Nebenwirkungen der Präsenz anderer internationaler Strukturen, etwa der Kosovo-Schutztruppe Kfor oder der OSZE, nicht berücksichtigt sind, macht die Zahl nur beeindruckender und bedenklicher. Zwar blieb auch von dem Milliardenregen der Unmik nur etwa ein Viertel im Kosovo, doch für die Wirtschaft der zwei Millionen Einwohner zählenden Provinz ist selbst das noch eine wichtige Zahl.

Wirtschaftshilfe als Teil des Problems?

Derzeit sind laut Unmik-Angaben fast 3300 Einheimische bei der Mission beschäftigt, die, gemessen an den ortsüblichen Löhnen, überdurchschnittlich bezahlt werden. Die höheren Löhne sind oft kritisiert worden, weil sie der lokalen Wirtschaft Arbeitskräfte entziehen. In der Unmik-Studie wird diesem Vorwurf nicht widersprochen, doch heißt es zur Verteidigung, die Mission habe wohl auch dazu beigetragen, einige hochqualifizierte Kosovaren, die andernfalls ins Ausland gegangen wären, in der Provinz zu halten.

Der zu trockener Direktheit neigende Gligorov drückt das anders aus: „Im Kosovo wie auch in Bosnien-Hercegovina ist ausländische Wirtschaftshilfe ebenso Teil des Problems wie Teil der Lösung gewesen. In den ersten Jahren nach 1999 war das Kosovo Empfänger von riesiger Unterstützung, was die Einkommen und die Erwartungen der Leute womöglich auf ein höheres Niveau gehoben hat, als es verträglich ist. Es wurde eine Hilfeabhängigkeit geschaffen.“ Die Zukunft wird nun eine deutlich reduzierte ausländische Präsenz und damit auch weniger Unterstützung für die kosovarische Wirtschaft bringen.

Die Unmik soll im kommenden Jahr von einer wesentlich kleineren EU-Mission für das Kosovo abgelöst werden. „Das bedeutet, die Leute im Kosovo werden sich nach alternativen Einkommensquellen umsehen müssen“, so Gligorov. Bis dahin werden die meisten wirtschaftlichen Seifenblasen im Kosovo ohnehin längst geplatzt sein. Noch ist in Prishtina allerdings nicht zu erkennen, wie die einheimischen Politiker darauf reagieren wollen.

Quelle: F.A.Z., 08.08.2006, Nr. 182 / Seite 5
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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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