Home
http://www.faz.net/-gq6-qta8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

60 Jahre UN Bitterkeit in New York

15.09.2005 ·  Etwa 60 Jahre nach Gründung der Vereinten Nationen sind Vertreter der Mitgliedstaaten zum größten UN-Gipfel überhaupt zusammen gekommen. Doch schon am ersten Tag war sogleich eine Schadensbilanz zu ziehen. FAZ.NET-Spezial.

Artikel Bilder (3) Video (2) Lesermeinungen (0)

Am Tag, an dem das Gipfeltreffen der Vereinten Nationen begann, war auch schon eine Schadensbilanz zu ziehen. Viel ist zusammengekommen, viele haben - mutwillig oder fahrlässig - daran mitgewirkt, daß aus der ambitionierten Reformagenda des UN-Generalsekretärs ein zerzaustes Dokument geworden ist, welches die Organisation allenfalls hier und da ein Stück weiterbringen wird.

Aber den großen Effizienz- und Glaubwürdigkeitsschub wird es den Vereinten Nationen nicht geben, sosehr sie ihn nach all den trüben Vorkommnissen, den Skandalen und den ans Mark der Legitimität gehenden Zerwürfnissen auch nötig hätten. Vielleicht werden auch diejenigen, die an der Verhinderung mitgewirkt haben, das eines Tages bedauern: daß der „große Deal“ zwischen Nord und Süd für Sicherheit, Fortschritt und Menschenrechte nicht zustande gekommen ist.

Keine Heldenrolle

Zu denen, die keine Heldenrolle gespielt haben, gehören die Vereinigten Staaten. Sie haben, kurz vor Redaktionsschluß, mit unzähligen Änderungswünschen eine Negativspirale immer kleiner werdender Erwartungen in Gang gesetzt. Unrühmlich war der Beitrag von Ländern wie Pakistan und Ägypten, die sich zum Beispiel gegen die Schaffung eines neuen Menschenrechtsrats sperrten, der an die Stelle der diskreditierten Menschenrechtskommission treten soll, die zu einer Unterversammlung verbecherischer Regime geworden war. Daß Länder, die sich auf den Weg der Reform gemacht haben, zu deren Verteidigern würden, war Ausdruck falscher Solidarität.

Kein Zweifel: Kofi Annan ist der Verlierer dieser Tage. Erst ist seine Managementfähigkeit auf fast vernichtende Weise kritisiert, dann seine Reformagenda entkernt worden. Es klingt bitter, ja verbittert und resigniert, wenn er die Wirklichkeit der Vereinten Nationen auf den Punkt bringt: Staaten, reiche und arme, mächtige und schwache, verfolgen dort ihre Interessen und nicht ein imaginäres Allgemeinwohl. Gespalten sind diese Vereinten Nationen.

Und dann wurden noch jene enttäuscht, die sich schon in der ersten Reihe des Sicherheitsrates sahen und Reklame damit machten. Der Rat wird nicht erweitert, der Widerstand war zu groß. Groß war der Erweiterungsehrgeiz der rot-grünen Bundesregierung, der zeitweise Fanatismus mit Blindheit verband. Das Scheitern ist krachend.

Quelle: K.F./Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel