Herr Grube, der Protest gegen den geplanten Tiefbahnhof in Stuttgart ist leiser geworden. Wird die Deutsche Bahn „Stuttgart 21“ in Ruhe bauen können?
Wir sehen, dass die Zustimmung in der Bevölkerung deutlich wächst. In Stuttgart sind jetzt 60 Prozent für das Projekt, in Baden-Württemberg 51 Prozent. Die Schlichtung und der Stresstest haben viele Skeptiker überzeugt. In allen Umfragen sind die Gegner mittlerweile klar in der Minderheit.
Also haben große Infrastrukturprojekte in Deutschland noch eine Chance?
„Stuttgart 21“ ist eine Art Lackmustest. Die stabile wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ist kein Selbstläufer. Unternehmen machen ihre Standortentscheidungen vielfach abhängig von der Qualität der Energie- und Verkehrsinfrastruktur. Deshalb müssen wir hier weiter investieren. Diese Botschaft muss in der Bevölkerung ankommen. Allein schon die Debatte um „Stuttgart 21“ hat ausländische Investoren nachdenklich gemacht - und manche sogar von einem Engagement hierzulande abgeschreckt. Wir dürfen keine Angst haben vor moderner Infrastruktur. Sonst katapultieren wir uns selbst aus der ersten Liga der erfolgreichen Wirtschaftsnationen heraus.
Heißt „keine Angst“, dass die Bagger in Stuttgart bald rollen?
Ich will nicht provozieren, sondern deeskalieren. Aber die Bahn muss auch vertraglich vereinbarte Termine und Qualitätsversprechen einhalten. Wir können den Abriss des Südflügels des alten Bahnhofs noch um ein Vierteljahr verschieben, ohne ganz aus dem Zeitplan zu fallen. Das heißt aber auch klar: Wenn die Volksbefragung bis dahin nicht kommen sollte, müssen wir mit dem Abriss beginnen. Wir können dann das Gesamtprojekt nicht weiter verzögern.
Die Grünen mauern weiter gegen „Stuttgart 21“, mit Verkehrsminister Winfried Hermann an der Spitze. Können Sie das Milliardenprojekt ohne Unterstützung der grün-roten Landesregierung bauen?
Ich erwarte vom Land, dass es seiner Projektförderpflicht nachkommt, und das fordern wir in aller Konsequenz auch ein. Solch ein großes Projekt kann man nicht realisieren, wenn der wichtigste Partner nicht mitzieht. Denn wir müssen jeden Tag mit den Landesministerien und Fachbehörden zusammenarbeiten. Im Verkehrsministerium sitzen aber jetzt Leute aus dem Aktionsbündnis und Parkschützer, die nichts anderes tun, als uns Steine in den Weg zu legen und durch taktische Verzögerungen den Bau zu blockieren.
Können Sie die Aussage halten, dass die Kosten unter der Schallmauer von 4,526 Milliarden Euro bleiben werden?
Heute sind wir unter dieser Schallmauer. Aber ich habe immer deutlich gesagt: Man kann so ein Vorhaben nicht auf zehn Jahre im Voraus auf Heller und Pfennig kalkulieren, zumal es Preis-Gleitklauseln gibt, zum Beispiel für Stahl. Die Kalkulationen werden ständig aktualisiert, das nächste Mal zur Sitzung des Lenkungskreises am kommenden Freitag. Das Land kann übrigens auch nicht einfach aussteigen, wenn es teurer wird. In einem solchen Fall müssen sich die Partner zusammensetzen und beraten. Das steht so im Vertrag. Wenn es neue Risiko- oder Kostenschätzungen geben sollte, wird die Bahn das nicht verschweigen, schon gar nicht vor der Volksabstimmung. Wir werden die Fakten auf den Tisch legen, denn wir werden glaubwürdig bleiben.
Vom pünktlichen Bauen zum pünktlichen Betrieb: Sie wollen die Pünktlichkeit Ihrer Fern- und Nahverkehrszüge im Internet veröffentlichen. Kann das nicht ein Eigentor werden, wenn sich das Winterchaos der vergangenen Jahre wiederholt?
Wenn wir davon ausgehen würden, dass das ein Eigentor wird, hätten wir uns den Ball dort nicht hingelegt. Wir haben nichts zu verbergen, schon gar nicht vor unseren Kunden, deshalb machen wir die Pünktlichkeit unserer Züge öffentlich. Transparenz ist Teil unserer Kundenoffensive. Die Zahlen daher werden künftig immer zur Mitte eines Monats im Internet stehen.
Wollen Sie 100 Prozent Pünktlichkeit?
In einem hochkomplexen System wie der Eisenbahn gibt es keine hundertprozentige Pünktlichkeit, auch nicht bei Flugzeug und Auto. Unser Anspruch ist es, dass im gesamten Personenverkehr - also S-Bahnen, Regional- und Fernzüge zusammen - eine Pünktlichkeitsquote von über 90 Prozent erreicht wird.
Werden Sie schlechtere Ergebnisse mannhaft ertragen?
Die Frage ist dann, was die Ursachen sind. Hier müssen wir zwischen Fremd- und Selbstverschulden unterscheiden. Es gibt viele äußere Faktoren, die uns den Fahrplan durcheinanderbringen. Ich nenne nur die Kupferdiebstähle, die stark zunehmen. Im vorigen Jahr kamen 8000 Züge allein deshalb zu spät, rund 140.000 Verspätungsminuten haben sich nur deswegen summiert. Sorgen machen uns weiter auch die Suizide. Dagegen können wir fast nichts machen, genauso wenig wie gegen Folgen der jüngsten Wetterkapriolen.
Aber es gibt auch hausgemachte Gründe für Unpünktlichkeit . . .
Wir sind in der Vorbereitung auf den Winter auf gutem Weg. Schon heute sind 48.000 der 67.000 Weichen beheizt. Allein 700 haben wir seit dem letzten Winter nachgerüstet. Und: Wir haben zusätzliche Abtauanlagen angeschafft, um die Züge schneller durch die Werkstätten zu bringen. Wir werden zusätzliches Personal einstellen, um in Störfällen schneller reagieren zu können. Wir wollen die Reisenden besser über Betriebsstörungen informieren und sie dann besser betreuen. Gleichzeitig leiden wir aber weiter unter erheblichen Lieferverzögerungen der Bahnindustrie. Nur ein Beispiel: Noch letzte Woche hat uns Bombardier zugesagt, dass bis Dezember wenigstens 60 Regionalzüge „Talent 2“ bereitstehen sollen. Da können wir nur hoffen, dass dieses neue Versprechen auch endlich einmal eingehalten wird.
Im vergangenen Jahr haben Sie wegen des Winterchaos die Preise im Fernverkehr nicht heraufsetzen können. Gibt es dieses Jahr eine Preiserhöhung?
Das werden wir im Oktober entscheiden. Aber eins ist klar: Einen Verzicht auf Preiserhöhungen kann man sich nicht jedes Jahr leisten. Unsere Kosten sind stark gestiegen, zum Beispiel für Personal und Energie. Allein die Energiewende verteuert unsere Energierechnung von rund 2,5 Milliarden Euro in diesem Jahr um 100 Millionen Euro. Über die nächsten fünf Jahre erhöhen sich unsere Energiekosten im Vergleich zur Planung um 250 Millionen Euro. Weil das Kernkraftwerk Neckarwestheim I abgeschaltet ist, müssen wir woanders Strom kaufen. Der Atomanteil an unserem Strommix sinkt schon dieses Jahr von 22 auf 14 Prozent. Dafür steigt der Anteil erneuerbarer Energien bis 2014 von 20 auf 28 Prozent. Ich begrüße ausdrücklich die Energiewende, aber sie kostet uns viel Geld.
Einige Unternehmen fürchten in der derzeitigen Weltwirtschaftslage schon eine Rezession? Wie läuft Ihr Geschäft?
Die Wachstumsdynamik lässt nach, das merken wir auch. Aber die Geschäftsfelder entwickeln sich unterschiedlich. Im Personenverkehr ist alles stabil, hier hatten wir im ersten Halbjahr über 18 Millionen zusätzliche Kunden allein in Deutschland. Das ist gut. Das Umsatzwachstum von neun Prozent im Schienengüterverkehr in den ersten sieben Monaten ist auch in Ordnung. Sehr positiv bewerten wir das Wachstum von gut 20 Prozent in der Landfracht. Die Seefracht hat um fast fünf Prozent zugenommen. Aber in der Luftfracht, einem wichtigen Frühindikator für die Konjunktur, gab es ein kleines Minus von 0,6 Prozent. Das ist ein erster Hinweis auf Dämpfer. Wir müssen jetzt sehen, wie das Geschäft im Herbst - eine traditionell gute Zeit für die Logistik - weiterläuft. Wir sind insgesamt zurückhaltend optimistisch.
Haben Sie Ihre Investitionsplanung schon korrigiert?
Nein, da hat sich nichts geändert. In den nächsten fünf Jahren werden rund 46 Milliarden Euro investiert, rund ein Viertel davon in neue Fahrzeuge.
Sehr viel heiße Luft !
Robert Hamacher (harohama)
- 19.09.2011, 13:12 Uhr
Antwort an Herrn Rüdiger Grube
Kai Willner (Ramphastos)
- 18.09.2011, 16:56 Uhr
Wer soll das alles glauben?
Walter Kühn (agrus)
- 18.09.2011, 12:53 Uhr
Der Bund zahlt 850 Mio Euro, das Land zahlt 850 Mio Euro.
Anton Meier (empire2002)
- 17.09.2011, 20:05 Uhr
Grubes Umfragen, wer glaubt ihnen?
Fritz Garbor (Staffelberg2)
- 17.09.2011, 17:05 Uhr
