15.11.2011 · Aufgesetzte Geselligkeit ist ein Grauen. Was entlädt sich alles an Karneval und anderswo?
Von Reinhard MüllerEs geschah in Speyer. Dort steht die Deutsche Hochschule für Verwaltungswissenschaften, eine Art post-graduate school für Rechtsreferendare. Speyer (nicht der Ort) gilt als ganz große Klassenfahrt. Man gibt noch einmal richtig Gas, wer oder was auch immer zu Hause wartet. Als ich seinerzeit unserer dortigen Jahrgangssprecherin beiläufig sagte, dass ich diese aufgesetzte Ungezwungenheit recht peinlich fände, fragte sie erstaunt zurück: „Hast Du etwa bisher in Deinem Referendariat Spaß gehabt?“ „Durchaus“, gab ich ebenso erstaunt zurück. „Und ich werde auch nach Speyer Spaß haben“.
Daran musste ich denken, als ich eine Woche vor Karnevalsbeginn in Köln weilte. In einer Alstadtkneipe wurden wir erst von der Bedienung angepöbelt, wir sollten uns in den Thresenbereich setzen, dann kam deutlich vor Mitternacht ungefragt die Rechnung und immer noch vor Mitternacht warf man uns - nach ein paar Kölsch noch vollkommen nüchtern - sowie alle anderen hinaus. Auch sonst war die Altstadt dunkel. Kein Wunder, dass man bei dieser Grundstimmung wenigstens einmal im Jahr richtig aus sich heraus gehen muss. Am 11.11. zufällig wieder in Köln gewesen. Ein Einheimischer führt uns mit viel gutem Willen in eine Kneipe, die so ähnlich wie Alcatraz heißt. Lauter häßliche Menschen, die in Hasen- und Polizistenkostümen auch nicht schöner werden. Nächster Versuch, anderes Lokal: etwas erfreulich er, aber dieselben leeren Blicke. Gewiss, man kann sich auch Karneval schön trinken. Aber Spaß haben sollte man eigentlich immer.
Über alles
Reinhard Müller Jahrgang 1968, Redakteur in der Politik, zuständig für „Staat und Recht“.
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