Eigentlich schien alles klar zu sein im Leben von Ariane Maurer: Sie sollte in das Zweifamilienhaus ihrer verwitweten Mutter mit einziehen, einen reparaturfreudigen Handwerker heiraten und zwei Kinder gebären. Sie würde Freundinnen haben, die in Häusern mit Gärten leben würden, links die Küche, rechts das Gästeklo, in der Mitte das Wohnzimmer. Sie und ihre Freundinnen würden einen Golf fahren, die Männer Mercedes, samstags würden sie die Straße kehren und immer über alles im Ort Bescheid wissen.
„Eine Horrorvorstellung“, sagt die heute 41 Jahre alte Softwareentwicklerin, die aus der schwäbischen Kleinstadt Markgröningen stammt. Nach dem Abitur suchte sie das Weite, sie zog zum Studium ans andere Ende der Republik, wo sie inzwischen im Hamburger Stadtteil Eppendorf lebt. „Entkommen“, denkt sie, wenn sie an ihre alte Heimat denkt. Auch Christina Weber, Diplompädagogin aus Köln, hat der Eifel und den 45 Einwohnern des Dorfes ihrer Kindheit den Rücken gekehrt, als sie vor einem Jahr dreißig wurde.
Das gegenseitige Interesse ist gleich null
„Die Enge und die Blicke der Dorfbewohner, die mich nach der Scheidung meiner Eltern trafen“, hat sie gegen die Anonymität der Großstadt eingetauscht. Sie kennt ihre neuen Nachbarn in dem Zwölf-Parteien-Haus nicht, keine einzige Familie würde sie auf der Straße erkennen. In ihrem Fitnessstudio, das nur für Frauen ist, haben alle Kopfhörer in den Ohren. Das gegenseitige Interesse ist gleich null, ein Kennenlernen ausgeschlossen, und das ist gut so: „Im Dorf gibt es so viel Beobachtung, so viel Kontrollsucht.“ In Köln will sie sich frei entfalten und entwickeln, sich neu erfinden.
Der Nachteil: Wenn sie in den Urlaub fährt, hat sie niemanden, der die Blumen gießt. Ariane Maurer und Christina Weber haben das getan, was immer mehr junge Erwachsene tun: Sie sind in die Großstadt gezogen. Metropolen sind für junge Leute unter dreißig deutlich attraktiver als kleinere Städte und Dörfer, das haben Demographen herausgefunden. Und wenn sie dann eine Familie gründen, ziehen diese Menschen inzwischen nicht mehr quasi automatisch aus der Stadt in die Vorstadt, sondern bleiben da, wo sie sind, und mieten einen Schrebergarten an oder legen sich ein Wochenendhaus zu: „Man will naturnah leben, aber nicht auf das verzichten, was das urbane Leben bietet“, hat der Soziologe Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung beobachtet.
Das Gros der Renter lebt noch immer auf dem Land
Erst wenn die Menschen aus dem Berufsleben wieder ausscheiden, wollen sie dauerhaft ins Grüne; das Gros der Rentner lebt noch immer auf dem Land. Es ist ein Megatrend: Im Jahr 2008 lebten weltweit erstmals in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land; für 2030 rechnet der „Population Fund“ der Vereinten Nationen mit fünf Milliarden Städtern. Erich Hirschler, ein 46 Jahre alter Bauernsohn aus dem Spessart, ist einer der Menschen, die trotz Kindern in der Stadt leben.
Der Banker wohnt in Frankfurt und streitet jeden zweiten Abend mit seiner Frau, weil sie zurück ins Grüne will und er nicht. „Ich habe meine ganze Kindheit und Jugend als Bauernsohn auf dem Dorf verbracht“, sagt er und verzieht das Gesicht, als ekle er sich. Während der Vater ihn Steine vom Acker auflesen ließ und Hirschler das Gefühl hatte, das Leben zöge an ihm vorbei, träumte er von Berlin, München und Hamburg. Aus dem Fernsehen wusste er, dass es dort viele schöne Frauen und die unterschiedlichsten Verlockungen gab, und er schwor sich: Eines Tages wirst du in einer solchen Stadt leben, und deinen eigenen Kindern wirst du dieses schlimme Schicksal ersparen.
Internationalität am Kisok und im Café
Nun ist er dort angekommen und will um nichts in der Welt zurück aufs Land, das er mit Arbeit in Wald, Feld und Stall sowie mit „alten, dicken und doofen Dumpfbacken“ in Verbindung bringt. Übertrieben? „Es ist abhängig vom Bildungsstand, von kulturellen Präferenzen und von beruflichen Ambitionen, ob man vom Land in die Stadt zieht“, sagt Susanne Stedtfeld vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. Wenn die ländliche Bevölkerung dann in der Stadt aufschlägt, kann es schon mal zum Clash der Kulturen kommen: „Als meine Schwägerin uns das erste Mal in Frankfurt besucht hat, stand sie mit offenem Mund auf der Straße und staunte: ,Hier gibt es so viele schöne Menschen!’“, erzählt Hirschler.
Sich selbst sieht er als einen dieser happy few: Wenn sie abends keine Lust haben zu kochen, holen seine Frau und er sich das Essen auf Porzellantellern vom Edelitaliener an der Ecke. Wenn er auf dem Weg zur Arbeit am Zeitungskiosk vorbeigeht, liegen da „El País“ und „Corriere della Sera“ und nicht die „Main-Post“. Und wenn seine Frau sagt: „Die Luft ist hier so schlecht, und ich will ins Grüne gucken“, antwortet er: „Mir dagegen ist wichtig, meinen Kaffee in einem trendigen Café zu trinken, wo die Sahne nicht aus der Sprühdose kommt und die Leute ,Latte macchiato’ korrekt aussprechen können. Ich möchte spüren, dass ich auf einem internationalen Level bin.“
Überschaubarkeit, Beständigkeit, das Gefühl, mit eigener Hände Arbeit etwas Sichtbares bewirken zu können: Was früher auf dem Land gang und gäbe war, ist längst der Industrialisierung gewichen. Mit ihr verschwanden die Jobs auf dem Land. Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft, und fast alle Dörfler müssen pendeln oder umziehen, wenn sie Arbeit finden wollen. Hinzu kommt, dass in den Neunzigern in vielen Haushalten noch das Modell des männlichen Ernährers vorherrschte, der morgens in die Stadt hineinfuhr und abends zurück zu Frau und Kindern in den Vorort.
Das gibt es heute nicht mehr so oft, es gibt nun mehr Doppelverdiener, die in Städten bessere Bedingungen für ihren Nachwuchs vorfinden als auf dem Land, weil es in der Stadt mehr Ganztagseinrichtungen und Horte gibt. So verschärft sich die Landflucht immer mehr. Wenn Menschen davon erzählen, wo sie gerne leben, erzählen sie aber immer auch etwas darüber, wer sie sind. „Diese starren Strukturen des Dorfes - als ich noch dort wohnte, gab es niemanden, zu dem ich mal spontan hingehen und einen Kaffee trinken konnte“, sagt Nelly Fleckhaus, 59, die vor einem Jahr aus Odenthal-Erberich im Bergischen Land nach Hamburg zog und seitdem ein glückliches Leben mit vielen sozialen Kontakten führt.
„Wir bringen uns ein, dann kriegt man auch was zurück“, sagt Siegfried Hebert, 73, der mit seiner Frau nach Stationen in Hamburg und China seit 35 Jahren in dem 500-Einwohner Ort Roseburg-Wotersen in Schleswig-Holstein zu Hause ist - nicht ohne sich allerdings eine Wohnung in Berlin zu leisten, um alle vier bis sechs Wochen „städtisches und kulturelles Flair zu erleben“.
Die Kehrseite der Medaille
„Die Lebendigkeit und extreme Bewegung der Stadt, die wilden Fahrradfahrer, die immense Energie“, preist die aus dem schwäbischen Schornbach stammende Modedesignerin Carolin Cora Kohler, 34, die in Berlin ein neues Zuhause gefunden hat. Kohler ist begeistert von der Möglichkeit, „abends mal kurz aus der Tür zu fallen und direkt Anschluss zu haben“. Die spanische Bar um die Ecke, das Gespräch mit dem spanischen Kellner in seiner Muttersprache, der ihr selbstverständlich zuhört und den sie doch gleich danach wieder vergessen kann, weil sie beide nichts voneinander erwarten als diesen einen Moment. „Im Dorf muss man fast ein bisschen ehrlicher sein und ein bisschen besser aufpassen, was man erzählt, denn die Leute merken sich alles und schmieren es einem wieder aufs Brot“, sagt sie.
Auch Christina Weber aus Köln-Lövenich genießt „dieses Unverbindliche“. Neulich hat der Freund einer Bekannten was gekocht, die Bekannte schleppte sie mit zu der Verabredung, er öffnete die Tür und sagte: „Hallo, ich bin der York, und du bist bestimmt die Christina, iss doch was mit.“ Das gäbe es in der Eifel nicht, sagt sie. Dass man danach nie wieder voneinander hört, nimmt sie in Kauf, obwohl sie natürlich schon auch auf Partnersuche ist. Doch jemanden an sich zu binden - das ist die Kehrseite der Medaille - ist hier schwieriger als auf dem Dorf: „Hier haben die Männer eine große Auswahl an attraktiven Frauen, und sie haben auch einen anderen Anspruch.“
„Die Leute sind liberaler“
Auch wenn man ihnen das nicht unbedingt ansieht. Der Banker Erich Hirschler hat Freunde, die 500.000 Euro im Jahr verdienen und sonntags morgens mit durchlöcherten Jeans und Baseballkappen im Café im Park sitzen. Das gibt Hirschler ein Gefühl von Größe und Offenheit, das er auf dem Land vermisst. „Die Kinder werden in der Stadt geistig freier aufgezogen, die Leute sind liberaler, gerade, was Benimmregeln angeht“, glaubt er. Auch die Hamburgerin Ariane Maurer schätzt diese Dinge an der Stadt. Wenn sie morgens in Jogginghose und Flipflops zum Bäcker huscht, interessiert das niemanden. Besonders aber mag sie an der Großstadt die vielen Einkaufsmöglichkeiten.
Sie ist eine leidenschaftliche Köchin und kann von zu Hause aus drei asiatische Supermärkte zu Fuß erreichen. Dort kauft sie frisches chinesisches Gemüse, Kong Xin Cai und Pak Choi, und an anderen Tagen kauft sie ihrer Tochter eine gehäkelte Kinderwagenkette mit kleinen Elefanten oder französische Wandaufkleber mit Bremer-Stadtmusikanten-Motiv. Und dann geht sie zur indischen Babymassage oder zur Yoga-Rückbildung, exquisit ist das, eine unglaubliche Vielfalt, fußläufig zu ihrer Wohnung. Die Stadt als Füllhorn der Möglichkeiten. Til Erwig, 72, ehemaliger Drehbuchautor, Fernsehproduzent und jetzt Neu-Berliner, hat die letzten 30 Jahre in einem Bauernhaus bei Bad Tölz verbracht. Die Kinder sollten dort in Ruhe ihr Abitur machen.
Schnelle Computer und exqusite Geschäfte
Vor einem Jahr wollten er und seine Frau dann zurück ins Leben, dahin, wo der Computer schnell ist, wo man im Winter nicht Schnee schippen muss und die nächste Theaterpremiere nur einen Steinwurf entfernt ist. Und so zogen sie in einem Nachkriegsbau an der Potsdamer Straße, zehn Minuten vom Kudamm entfernt. Eine Gegend mit flüchtigen Bekanntschaften im Straßencafé, mit Damen, die im horizontalen Gewerbe sind, und mit den acht libanesischen Kindern der Nachbarsfamilie, denen Erwig die alten Matchboxautos seines Sohnes geschenkt hat. Er nennt sie Schweinsteiger, Lahm und Podolski, und dann laden sie ihn ein, mit ihnen aufs Garagentor im Hof zu zielen, sie lachen, wenn er trifft, und er fühlt sich gut, weil er mit ihnen spielen kann.
Wie lieb sie sind, denkt er dann, und dass er früher viel lauter und schrecklicher war als sie. Er kann hier auf sein Leben zurückblicken und dabei aus dem Wohnzimmerfenster auf eine Metropole gucken. Und wenn dann noch sein alter Kater vor ihm auf der Fensterbank sitzt, der wie Erwig selbst ein wenig dick geworden ist, dann hat das etwas Verbindendes. Das Alter ist schön, denkt er in solchen Momenten. Und ist froh, dass um ihn herum das Leben tobt.
Schwäbische Dörfer und die Eifel
Marvin Parsons (mapar)
- 26.09.2012, 19:45 Uhr
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