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Mazar-i-Sharif Die wundersame Macht des Talismanschreibers

 ·  Sein Geschäft ist die Zukunft. Seit 50 Jahren ist er nachgefragt. Wie ein Mullah mit der Liebe gutes Geld verdient.

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© AFP Mit schwarzer Henne: Ein Kind nahe Mazar-i-Sharif

Mullah Fakhrudin ist ein gefragter Mann. Vor seinem abgelegenen Lehmhaus in der Nähe von Mazar-i-Sharif stehen die Frauen Schlange. Der Geruch von Weihrauch und Ziegenkot steigt einem in die Nase. Schwarze und weiße Hühner laufen gackernd über den Hof. Der Mullah sitzt in einer dunklen Kammer zwischen alten Büchern, allerlei Murmeln und Gebetsketten.

Sein Geschäft ist die Zukunft. Seine nächste Kundin ist eine junge Frau namens Shazia. Sie ist verliebt und will, dass der Mullah auf ihre Eltern einwirkt, damit sie einer Hochzeit mit dem Angebeteten nicht im Wege stehen. Die beiden Verliebten haben sich auf einer Hochzeitsfeier kennengelernt und anschließend ein paarmal heimlich getroffen.

Das Problem ist: Der junge Mann entstammt einer mittellosen Familie, während Shazias Eltern der Mittelschicht angehören. Zwar hat er studiert, genauso wie Shazia auch, aber er hat keine standesgemäße Arbeit gefunden. Die junge Frau ist bereit, 200 Dollar zu investieren, wenn der Mullah sicherstellen kann, dass ihre Eltern den Mann ihrer Wahl akzeptieren.

„Ich habe schon Dutzende Paare zusammengebracht“, sagt der 65 Jahre alte Mullah, der seit fast 50 Jahren im Geschäft ist. Er nimmt die Hand des Mädchens, schließt hinter seiner großen Brille die Augen und fängt an, vor sich hin zu murmeln. Dann malt er mit roter Tinte, die aus Blumen gepresst ist, ein Diagramm auf einen weißen Zettel und füllt die Kästchen mit Koranversen. Die Zeichnung ist ein „Taweez“, ein Talisman. Er faltet das Papier, steckt es in eine Hülle und empfiehlt Shazi, es immer bei sich zu tragen. Außerdem bekommt sie eine Handvoll Papierschnipsel, auf denen unleserliche Sätze geschrieben stehen. „Löse sie in Wasser auf und gib sie deinem Geliebten zu trinken“, sagt der Mullah.

Mit solchen Familienproblemen verdient Fakhrudin im Durchschnitt hundert Dollar am Tag - ein Vermögen. Wahrsager und Talisman-Schreiber sind in Afghanistan gemachte Leute, obwohl viele islamische Geistliche sie als Scharlatane verdammen und die Gläubigen regelmäßig vor ihnen warnen. Talismane, wie er sie fertige, seien eine islamische Tradition, sagt dagegen Mullah Fakhrudin. Die Afghanen seien ein tiefreligiöses Volk, sie glaubten an die heilende Wirkung, die wundersame Kraft jedes einzelnen Koranverses. Gemeinhin wird angenommen, dass nur ungebildete Menschen die Taweez-Schreiber aufsuchen, aber offenbar stimmt das nicht. Fakhrudin jedenfalls sagt, dass die meisten seiner Kunden der gebildeten Mittelschicht angehören.

Rituelles Töten einer schwarzen Henne

Viele von ihnen sind besorgt um ihre Töchter. Was, wenn niemand um ihre Hand anhält? Wenn sie unverheiratet alt werden? Wenn sich keine gute Partie für sie findet, die einen angemessenen Brautpreis zahlen kann? „Nur ein Mullah kann solche Probleme lösen", behauptet Fakhrudin. "Mit Gebeten oder durch das rituelle Töten einer schwarzen Henne."

Und tatsächlich: Die nächste Kundin ist gekommen, um dem Mullah für die Verlobung ihrer Tochter zu danken. Sabera trägt eine blaue Burka, die sie auch während des Gesprächs mit dem alten Mann nicht ablegt. Dreimal habe sie den Mullah konsultiert, berichtet die dankbare Stimme unter der Burka. Ihre 21 Jahre alte Tochter sei noch unverheiratet gewesen. Doch vor vier Monaten habe eine gutsituierte Familie um ihre Hand angehalten. Beinahe sei ihre Schwägerin ihr noch in die Quere gekommen. Sie habe der Familie des zukünftigen Bräutigams ihre eigene Tochter angeboten. Doch dank der Hilfe des Mullahs sei sie damit nicht durchgekommen, sagt die Frau, die den weiten Weg aus der Stadt zu Fuß hierhergekommen ist. „Taweez heißt für mich, Gott um ein Wunder zu bitten“, sagt Sabera.

Man mag glauben oder nicht, dass der Magier-Mullah mit seinen Talismanen die Probleme anderer Leute gelöst hat. In seinem eigenen Fall scheint die Methode aber nicht sehr erfolgreich gewesen zu sein. Seine erste Frau gebar ihm sechs Töchter und keinen Sohn, bis er schließlich beschloss, eine zweite Frau zu nehmen. Diese Entscheidung habe er getroffen, nachdem er einen Blick in die Zukunft geworfen und erkannt habe, dass seine Gattin ihm wohl keinen Sohn mehr schenken werde. Fragt sich nur, warum er das nicht schon erkannt hat, bevor er sie geheiratet hat?

Bei den Autoren unserer Serie handelt es sich um afghanische Journalisten, die aus dem ganzen Land für www.afghanistan-today.org berichten.

Quelle: F.A.Z.
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