Die Regierung hat der Plastiktüte den Kampf angesagt. Die umweltschädlichen Einkaufstaschen sollen verboten werden, und das Gesundheitsministerium hat eine Medienkampagne gestartet, um die Bevölkerung über die Gefahren der praktischen Tüten aufzuklären. Die Behörde hat außerdem ihre Mitarbeiter in der Provinz zu Fortbildungen in die Hauptstadt bestellt, um sie auf den Kampf gegen den Plastikmüll einzuschwören und sie über die Gesundheitsrisiken zu informieren.
Zum Beispiel verstopfen die Plastiktüten häufig die offenen Abwasserkanäle und verwandeln sie in ideale Brutstätten für Malariamücken und andere Krankheitserreger. Weil die Müllabfuhr nicht funktioniert, werden Abfallberge häufig direkt in Wohngebieten verbrannt. Die Plastiktüten, die aus China, Iran und Pakistan importiert werden, setzen bei der Verbrennung gesundheitsschädliche Substanzen frei, die zu Atemwegserkrankungen führen und Krebs erregen können.
Zurück in den Provinzen haben die Männer und Frauen von den Gesundheitsämtern allerdings ihre Mühe, die Menschen von der Dringlichkeit des Themas zu überzeugen - in Helmand zum Beispiel, wo es täglich schwere Kämpfe zwischen ausländischen Truppen und Aufständischen gibt, schert man sich nicht um die Gefahren durch Plastikdämpfe. „Es wird wohl noch fünf Jahre dauern, bis wir die Plastiktüten aus unserer Stadt verbannt haben“, gibt Yaar Mohammad Naseri vom Gesundheitsamt in der Provinzhauptstadt Lashkar Gah zu. Seine Mitarbeiter reden regelmäßig auf Ladenbesitzer ein, um sie zum Umstieg auf Papiertüten oder Stofftaschen zu bewegen.
Keinerlei Strafen
Doch die zeigen wenig Einsicht. „Wie soll ich denn Milch oder Joghurt in Papiertüten verkaufen?“, fragt Mohammad Yonus, der Besitzer eines Molkereigeschäfts, dessen Ware in Eiswasser gekühlt wird und deshalb nass über den Ladentisch geht. „Ich müsste meinen Laden schließen, wenn das Verbot von Plastiktüten in die Tat umgesetzt würde.“ Schließlich habe die Regierung keinerlei Alternativen anzubieten. Pashtun, ein Gemüseverkäufer in Lashkar Gah, sieht es ähnlich: „Unsere Regierung will ja nur andere Länder nachahmen, die Plastiktüten verboten haben. Aber sie sagen uns nicht, was wir stattdessen benutzen sollen.“ Ohnehin sieht ein Verstoß gegen das Verbot keinerlei Strafen vor.
Die wenigen Papiertüten, die es in Lashkar Gah gibt, werden aus den Propagandazeitungen hergestellt, die die internationalen Truppen gratis in der Stadt verteilen. Stofftaschen gibt es so gut wie gar nicht. Dafür gibt es viele Kinder, die vom Verkauf der Plastiktüten leben. „Wir brauchen die Tüten“, sagt der zehn Jahre alte Rahim. Manche Passanten mutmaßen gar, dass das Plastiktütenverbot von den eigentlichen Problemen in Lashkar Gah ablenken soll. „Das ist reine Symbolik“, sagt einer von Pashtuns Kunden. „Sie beginnen mit dem geringsten unserer Probleme.“
Die Leute sorgen sich um die Kinder und Frauen, die wegen der regelmäßigen Kämpfe und nächtlichen Hausdurchsuchungen der internationalen Truppen unter Angstzuständen und psychischen Krankheiten leiden. Ärzte sagen, dass die Luft in Helmand von Sprengstoff und Munition stark belastet sei und es deshalb zu vielen Atemwegsbeschwerden komme. Außerdem wird in Helmand die Hälfte des afghanischen Opiums produziert. Drogensucht ist hier im Süden des Landes sehr verbreitet. Yaar Mohammad Naseri von der Gesundheitsbehörde will trotzdem nicht aufgeben.
