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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kabul Herrschaftswissen

 ·  Erst waren es die Sowjets, die russische Sprachkenntnisse verlangten. Nun ist Englisch gefordert. Dann kamen die Computer. Wie alte Regierungsbeamte mit Modefähigkeiten kämpfen.

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© AP Computer auf dem Tisch: Afghanistans Ministerin für Frauenangelegenheiten Hussn Banu Ghazanfar

Die Alten behaupten gern, Erfahrung sei der beste Lehrmeister. Aber in Kabuler Ministerien glaubt niemand mehr an das alte Sprichwort. Jeder Berufsanfänger, der Englisch spricht und einen Computer bedienen kann, hat bessere Karrierechancen als altgediente Beamte. Faizullah zum Beispiel arbeitet seit 25 Jahren für das Ministerium für höhere Bildung.

Er verdient umgerechnet 120 Euro im Monat, gerade genug, um zu überleben. „Sogenannte Fähigkeiten wie ein paar Englisch- und Computerkenntnisse sind zur Mode geworden. Erfahrung zählt nichts mehr“, schimpft der ältere, untersetzte Herr im dunklen Anzug. Dabei seien Kenntnisse über die Abläufe einer Verwaltung ebenso wichtig. „Aber danach wird bei Bewerbungsgesprächen nicht gefragt.“

Seit fünf Jahren nimmt Faizullah regelmäßig an Fortbildungen des Ministeriums teil, um sich modernes Wissen anzueignen. „Aber ich bin einfach zu alt, um das noch zu lernen“, sagt der 50 Jahre alte Sachbearbeiter. Briefe tippt er inzwischen selbst auf dem Computer, aber ein E-Mail-Konto hat er nicht.

Salim, der 30 Jahre alte Leiter der IT-Abteilung im gleichen Ministerium, hat für solche Klagen kein Verständnis. „Die Gesellschaft braucht nun einmal Leute mit modernem Wissen. Erfahrung allein reicht nicht“, sagt Salim, der dank Gehaltszulagen mit umgerechnet 880 Euro im Monat nach Hause geht. Es sei wichtig, dass Afghanistan mit der digitalen Welt Schritt halte, sagt der geschniegelte junge Mann, der eine modische Krawatte trägt. „Die Zeiten von Papier und Bleistift sind vorbei. Ist doch klar, dass Mitarbeiter mit einer besseren Ausbildung auch mehr verdienen.“

Wer Englisch spricht, bekommt hohe Posten

Salim war fünf Jahre alt, als sein Kollege Faizullah 1986 seine erste Stelle im Hochschulministerium antrat. Damals regierten in Kabul die Kommunisten, und der Studentenaustausch mit den Ländern des Ostblocks gehörte zu seinen wichtigsten Aufgaben. Faizullah lernte Russisch, weil im Ministerium sowjetische Berater ein- und ausgingen. Drei Jahre später, nachdem sich die sowjetischen Truppen aus dem Land zurückgezogen hatten, wurde der russische Fremdsprachenunterricht an der Kabuler Universität wieder durch Englisch und Französisch ersetzt. Die Lehrbücher wurden ausgetauscht, und Verwaltungsabläufe, die von der Sowjetunion übernommen worden waren, wurden verändert. Weitere drei Jahre später, 1992, errangen die Mudschahedin die Macht, die einmal mehr die Lehrbücher umschrieben.

Viele Mitarbeiter des Ministeriums wurden damals als Gesinnungsgenossen des gestürzten Präsidenten Nadschibullah verunglimpft, bis die Mudschahedin merkten, dass sie die erfahrenen Beamten brauchten. Nochmal vier Jahre später marschierten die Taliban in Kabul ein und verwehrten Faizullah den Zugang zum Ministerium, weil er im westlichen Anzug zur Arbeit kam. „Das habe ich als tiefe Schmach empfunden“, sagt er. Nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 hörte Faizullah im Radio den Aufruf, dass die Beamten an ihre Arbeitsplätze zurückkehren mögen, um das Land wiederaufzubauen. Damals sprach man ihn noch mit dem Ehrentitel „Ustad“ an, weil er wusste, was zu tun war.

Das Ministerium hatte noch keine Computer, es gab weder funktionierende Heizungen noch Licht. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr westliche Berater. Mit sich brachten sie junge Männer, die in Afghanistan ein wenig abfällig „Tadschemon“ genannt wurden. Das ist eigentlich nur die Vokabel für „Übersetzer“, aber es wurde zum Schimpfwort für Leute, denen man unterstellte, zwar Englisch zu sprechen, aber sonst eigentlich nichts zu können. Dank ihrer Sprachkenntnisse leiten sie heute in den Ministerien Programme, die von internationalen Organisationen bezahlt werden.

In der Personalabteilung des Hochschulministeriums findet man es normal, dass ein Dreißigjähriger siebenmal so viel verdient wie sein fünfzig Jahre alter Kollege. Schließlich gebe es für höhere Ämter einen Einstellungstest, bei dem alle Bewerber die gleiche Chance hätten, sagt Personaler Muhib Rahman Azim. Allerdings könnte die große Gehaltsschere schon bald der Vergangenheit angehören. Denn die meisten Zulagen, die wie im Fall von Salim leicht zwei Drittel des Einkommens ausmachen, werden von westlichen Entwicklungsorganisationen bezahlt. „Sie werden künftig wohl geringer ausfallen“, sagt Azim. Viele Mitarbeiter müssen sich dann auf neue Zeiten einstellen. Was das angeht, können sie von Faizullah einiges lernen.

Die Autoren unserer Serie sind afghanische Journalisten, die aus dem ganzen Land für www.afghanistan-today.org berichten.

Quelle: F.A.Z.
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