Am Anfang habe ich versucht, meinen Führerschein legal zu erwerben. Ich ging zur staatlichen Fahrschule und schrieb mich für einen Kurs ein, der nur ein paar Afghani kostete. Aber weil ich noch nie in meinem Leben Auto gefahren war, fiel es mir schwer, und die Skepsis des Fahrlehrers gegenüber Frauen am Steuer machte die Sache nicht einfacher.
In meiner Not bat ich meinen Onkel, mir das Fahren beizubringen. Er half mir tatsächlich - allerdings auf seine Weise. Er verlangte 100 Dollar von mir, und eine Woche später hatte ich einen Führerschein frisch vom Schwarzmarkt.
Die Leute, die Papiere aller Art besorgen, heißen „Kommissionkar“ oder Kommissionisten, weil sie gegen eine Gebühr mühsame Behördengänge vereinfachen. Sie machen meist mit den Mitarbeitern der Verkehrsämter gemeinsame Sache. Allerdings sind die Führerscheine, die sie ausstellen, nicht offiziell registriert.
„Wo hast du denn deinen Führerschein gekauft?“
Das Problem mit der mangelnden Fahrpraxis war damit noch nicht gelöst. In den ersten Tagen verstieß ich gegen eine ganze Liste von Verkehrsregeln, nahm Leuten die Vorfahrt und las die Handzeichen des Verkehrspolizisten falsch, was mir zahlreiche hämische Kommentare einbrachte. „Wo hast du denn deinen Führerschein gekauft?“, wollten viele wissen. Bei manchen war es eine ernstgemeinte Frage, denn wie sich herausstellte, sind die Preise je nach Provinz recht unterschiedlich. Der Kabuler Führerscheinmarkt gilt eher als teuer.
Frauen am Steuer sind in Afghanistan noch immer eine Seltenheit. Oft halten mich die Leute am Straßenrand für eine Ausländerin und sprechen mich auf Englisch an. „Hello, Madam, how are you?“, sagen sie. Neulich zeigte eine Frau mit dem Finger auf mich, fing an zu lachen und hielt ihrem Mann vor: „Selbst die Frauen fahren jetzt Auto, und du hast immer noch keins.“ Ihr Mann rief: „Das haben wir alles dieser Demokratie zu verdanken.“
Seit meiner ersten Fahrstunde sind drei Jahre vergangen, und mein Führerschein muss verlängert werden. Nach allem, was man hört, ist es unmöglich, die Nachprüfung zu bestehen, ohne Schmiergeld zu zahlen. Erst recht für eine Frau. Und um ehrlich zu sein, fehlt mir der Mut. Da ich möchte, dass mein Führerschein diesmal offiziell registriert wird, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich finde einen Freund oder Verwandten, der im Straßenverkehrsamt arbeitet, oder ich besteche einen der Beamten, die für die Ausstellung der Papiere zuständig sind. Irgendjemand wird sich schon finden. Zur Not frage ich meinen Onkel.
