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Notizen vom Bachmann-Wettstreit (III) Das ist Hardcore

 ·  Vor dem Fenster spielt eine österreichische Blaskapelle „Que Viva España“, und genauso spanisch muss auch der dritte und letzte Lesetag im Wettbewerb erscheinen, obwohl er verheißungsvoll begann.

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© Johannes Puch Hatte die Lacher auf seiner Seite: Matthias Senkel las aus „Aufzeichnungen aus der Kuranstalt“

In seiner Erzählung mit dem Titel „Unternehmer“ beglückte der 1979 geborene Matthias Nawrat Jury und Publikum mit Worten wie „Magnetspulenherzen“ oder „Anlassversprödung“, die eine „Hybridsphäre aus Technik und Liebe“ erzeugten, wie Hubert Winkels feststellte. Erzählt wird aus der Sicht eines jungen Mädchens von einer Familie, in welcher der Vater die Kinder zum Ausschlachten von Elektroschrott zwingt, um die Existenz zu sichern. Paul Jandl fasste dies als die „Idylle“ privatwirtschaftlicher Ökonomie. Meike Feßmann sprach von einem modernen Märchen, Daniela Strigl von einer Parodie der Vorstellung von „corporate identity“. Burkhard Spinnen lobte ebenfalls, zeigte sich aber überaus enttäuscht darüber, dass das Versprechen des Textbeginns, mehr über eine deutsche „Favela-Familie mit Kempowski-Sprüchen“ zu erfahren, dann leider nicht eingelöst und stattdessen eine Pubertätsgeschichte erzählt werde.

Zu hörbaren Publikumsreaktionen animierte die Lesung von Matthias Senkel (geb. 1977). Seine mehrfach metafiktional gebrochene Parodie auf Schriftstellerei und Literaturbetrieb mit dem Titel „Aufzeichnungen aus der Kuranstalt“ sorgte wiederholt für helles Auflachen, etwa als von einer Figur namens Cederic Darwin Jr. und ihrem Großwerk „Fragments of the Master Plan“ die Rede war. Schade allerdings, dass die Pointen bald weniger wurden, so dass die Jury zwar einige geniale Einfälle Senkels lobte, seine Erzählung dann aber als einen jener „typischen Klagenfurt-Texte“ bezeichnete (Meike Feßmann), der schnell zur Ermüdung führe.

Der Österreicher Leopold Federmair (geb. 1957) präsentierte dann eine Figur namens „Aki“, über deren Jugend in Österreich zur Zeit der Vinylplatte man intimste Details erfährt, bevor man sie alle Wildheit aufgeben und zum Bankangestellten werden sieht. Burkhard Spinnen sah darin den „traurigen Text eines Mittfünfzigers über irre Typen, mit denen man dann doch nicht „on the road war“. Das Problem nur: Erzählt wird das alles von einer Frau, der Meike Feßmann insbesondere das exakte männliche Körperwissen nicht zutraute.

Umso verstörender wirkte nach diesen drei Vorträgen und ihren Diskussionen der das Klagenfurter Wettlesen abschließende Beitrag der 1976 geborenen Österreicherin Isabella Feimer mit dem Titel „Abgetrennt“. Es war nach dem von Mirjam Richner der zweite dramatisch misslungene Text, bei dem man sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was zu seinem Vorschlag geführt haben mag. Eine Frau erzählt darin mit den denkbar abgegriffensten Formulierungen und Sprachbildern von der Unterwerfung gegenüber einem Mann, von dem sie sich nur gewaltsam trennen kann: „Wenn Du gehen willst, dann geh“, „Ohne Dich ist alles anders“ oder „Ich träume, dass ich ein Eiskristall bin“, heißt es dort.

Die Jury immerhin redete dazu Tacheles: Paul Jandl nämlich etwa von „Schlagerpoesie“ und „klebriger Sentimentalität“. Zum zentralen Motiv des Abtrennens sagte Daniela Strigl, sie habe bei literarischen Texten eine „Huhn-Kopfabtrennungsallergie“. Hubert Winkels versuchte überraschend noch für den Text eine Lanze zu brechen, indem er seine Gemachtheit als zwingend im Sinne seines Genres betrachtete: „Das ist Hardcore.“

Die Jury immerhin erwies sich an diesem dritten Tag insgesamt als immer streitfreudiger, auch selbstkritischer. Die Kriterien für ihre Textvorschläge zu diesem Wettbewerb blieben am Ende des Wettlesens allerdings ebenso rätselhaft wie die Frage, welcher unter ihnen den Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnen soll.

Jan Wiele begleitet die „Tage der deutschsprachigen Literatur 2012“ mit einer täglichen FAZ.NET-Kolumne aus Klagenfurt.

 

Die Lesungen und Diskussionen sind unter www.bachmannpreis.eu dokumentiert.

Quelle: FAZ.NET
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