Der zweite Klagenfurter Lesetag brachte auch zwei weitere Hunde. Nachdem am Vortag bereits Stefan Moster über den Biss eines stinkenden Streuners am griechischen Strand philosophiert hatte, handelte der Text „Junge Hunde“ der 1987 geborenen österreichischen Autorin Cornelia Travnicek von der Bestattung eines Beagles namens Baghira und einem weiteren Vierbeiner namens Balu. Von der Jurorin Daniela Strigl erfuhr man bei der anschließenden Diskussion, dass sie mal einen Dackel mit Namen Mogli besessen hat.
Meike Feßmann lobte an Travniceks Text, dass darin endlich einmal Tiere nur Tiere seien und keine Symbole, führte dann aber aus, dass die Autorin mit der Bestattungsgeschichte selbstsicher und lässig vom Ende der Kindheit erzähle und dass es neben dem Abschied vom geliebten Tier auch auch um den Abschied von einem Vater gehe, der ins Altenheim muss. Hubert Winkels wollte in dem Werk aufgrund der Tiernamen gar eine „Kontrafaktur des Dschungelbuchs“ erkennen, führte diesen Gedanken aber nicht weiter aus.
Mit dem Reiz des Akzents
In dem ebenfalls vom Aufwachsen erzählenden Text „Willste abhauen“ der 1983 geborenen Lisa Kränzer sah die Jury einmütig eine gelungene Darstellung der „Entwicklung von Körperlichkeit“; Meike Feßmann nannte ihn eine „böse Mädchengeschichte über Sexualisierung im Kindergartenalter“. Paul Jandl bescheinigte Kränzers Text dabei ein höheres Reflexionsniveau als dem von Cornelia Travnicek und lobte das „Changieren zwischen Zärtlichkeit und Gewalt.“
Ziemlich überschwänglich lobten die Kritiker den Text der 1962 geborenen Olga Martynova, die seit 1991 in Deutschland lebt und sowohl auf Russisch wie auch auf Deutsch schreibt. Am Ende ihrer von ganz eigenem Charme eines starken Akzents getragenen Lesung mit dem Titel „Ich werde sagen: ’Hi’!“ atmete die Autorin hörbar erleichtert auf. In der Erzählung, welche von den literarischen Schreibversuchen eines jungen Mannes namens Moritz handelt, entdeckte Paul Jandl „die Geburt eines Dichters aus dem Geiste der Erotik“, in der auch andere Jurymitglieder ein literarisch anspielungsreiches und motivisch dichtes Sprachwerk sahen.
Auch der bislang titellose Textauszug der 1977 geborenen Inger-Maria Mahlke wurde positiv bewertet. Aus nächster Nähe beschreibt die Autorin darin eine junge Mutter, die von einer Backshop-Angestellten zur Sexdienstleisterin wird. Corina Caduff bezeichnete dies als „Aufzeichnung einer Ausweglosigkeit“, die gnadenlos konsequent durchgeführt sei. Daniela Strigl bemerkte angesichts eingängiger Duftbeschreibungen einen „Trend zu olfaktorischen Problemfällen im Bewerb“. Uneins war die Jury darüber, ob durch den filmisch-sachlichen Beschreibungsstil auch eine moralische Ebene der Erzählung fehle. Auf Burkhard Spinnens zweimaligen Versuch, an dem Text besonders das Diktat der Ökonomie im Leben der Figuren und die „Entfremdung“ von der Arbeit zu diskutieren, ließen sich die anderen Kritiker nicht recht ein, obwohl gerade dieser Aspekt durchaus fruchtbar erschien.
Viel Wohlwollen, wenig Sogwirkung
Einzig der Tagesbeitrag des 1978 geborenen Schweizers Simon Froehling „Ich werde Dich finden“ stieß auf wenig gute Resonanz. Es geht in dem Romanauszug um die nicht ganz leicht wiederzugebende Verstrickung zweier Menschenschicksale über eine Organtransplantation, die Paul Jandl als „Seelenwanderung qua Niere“ umschrieb. Der Kritiker erlaubte sich in diesem Zusammenhang auch noch einen Verweis auf die Joyce’sche Lesart des Begriffs Metempsychose als „Mit ihm zig Hosen“, in denen bei Froehlings Text allerdings nichts drin sei.
Solche humoristischen und auch bissigen Einwürfe könnte die Jury vielleicht noch öfter vertragen, die insgesamt oft noch etwas zu wohlwollend auftritt. Auffällig blieb auch am zweiten Tag, dass viele der vorgetragenen Texte eine Idee regelrecht „durchexerzieren“ - ein Problem, das sich auch in den Vorjahren schon häufig manifestierte. Viel zu selten hatte man bislang als Zuhörer das Gefühl einer Sogwirkung, wie sie etwa von von Lutz Seilers Text „Turksib“ und insbesondere seines Vortrags ausging, der 2007 den Bachmannpreis gewann. Man wünsche sich, dass in Klagenfurt „mal wieder was passiert“, sagte die Lektorin Doris Plöschberger in einem Interview mit dem Sender 3Sat nach dem Veranstaltungstag.
