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Notizen vom Bachmann-Wettstreit (I) Ein Auftakt und zwei Skandale

 ·  Von einer merkwürdigen Frage Mirjam Richners, einer bekannten Antwort Ingeborg Bachmanns und von Kritik mit Beißhemmungen: So startet das Wettlesen in Klagenfurt.

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© Johannes Puch Ein „Text auf dem Weg“? Mirjam Richner liest aus „Bettlägerige Geheimnisse“

Die ersten fünf Kandidaten haben gelesen, Dichter und Kritiker sind vermutlich unterwegs zum Wörthersee – aber zwei Sätze schreien an diesem ersten Tag des Bachmann-Wettbewerbs noch geradezu danach, aufeinander bezogen zu werden. Der eine lautet: „Ich frage mich, ob Tränen im Dunkeln rot sind.“ Er stammt aus dem Text der Schweizer Autorin Mirjam Richner mit dem Titel „Bettlägerige Geheimnisse.“ Der andere prangt derzeit auf diversen Plakaten in Klagenfurt, gilt als Vermächtnis Ingeborg Bachmanns und war erst am Vorabend in der Klagenfurter Rede von Ruth Klüger zum Hauptgegenstand gemacht worden. Er sollte hier eigentlich nicht schon wieder zitiert werden, muss es aber: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ hatte man bislang den Eindruck, dass dieses Motto auch für das Kritikerurteil gegenüber den Kandidaten gelte, egal, wie hart es ausfällt. Etwas überspitzt und mit der Lust am Dramatischen gesagt, war es wohl immer auch der Reiz dieser Veranstaltung, sich an knallharten Verrissen zu delektieren. Dieses Risiko, das wusste man, gehen die Kandidaten eben ein.

Die Ungleichheit der Texte vor der Kritik

In dem Text von Mirjam Richner ist unter anderem die Rede von „geschmolzenem Schnee im Herzen“ und einem „rostigen Nagel im Hirn“; da gibt es „das strahlende Siegerlächeln eines Teilzeitverlierers“ und ein Fazit der Erzählung über zwei junge Frauen in einer Notsituation lautet „So ist das Leben“ – kurz, es stellte sich auf eklatante Weise die Frage, was dieser Text im Wettbewerb zu suchen hat, und dann bald noch eklatanter jene, warum die Kritiker diese Steilvorlage nicht nutzten und der Autorin die Wahrheit nicht zumuteten.

Stattdessen wurde er ausflüchtig als „Text auf dem Weg“ (Hildegard Keller) oder „Text eines Wahns“ (Paul Jandl) bezeichnet. Corina Caduff immerhin wagte einen Vergleich mit „Hanni und Nanni“, was der Wahrheit schon näher kam, Meike Feßmann aber, die den Text auch vorgeschlagen hatte, lobte allen Ernstes seine Buntheit und Vielfältigkeit.

Natürlich gibt es in solchen Fällen das „Verantwortungsargument“: Man sollte einen jungen Schriftsteller (Richner ist 1988 geboren) nicht gleich entmutigen oder seinen Ruf schädigen. Aber es haben schon Jüngere beim Bachmann-Wettbewerb gelesen, die trotzdem ihr Fett wegbekommen haben. Und darüber hinaus ist es wohl das Mindestgebot der Fairness, alle Texte gleich zu behandeln.

So stimmt es mehr als verwunderlich, dass trotz moderater Kritik hier das Offensichtliche verschwiegen wurde, dann aber bei einem anderen Wettbewerbstext eine sehr seltsame Kritik zu hören war. Hier lieferte ein Jurymitglied gleich den zweiten Skandal des Tages: Corina Caduff nämlich, die zuvor durchaus Erhellendes gesagt hatte, äußerte nach der Lesung der 1958 geborenen Sabine Hassinger aus einem sprachexperimentellen Text mit dem Titel „Die Taten und Laute des Tages“, sie frage sich, ob ein solcher Text noch dem „Time Management“ der heutigen Zeit entspreche – also ob man überhaupt den Aufwand betreiben solle, sich hermeneutisch mit ihm zu beschäftigen.

Erinnerungen an Griechenland

Diese gelinde gesagt überraschende Aussage bei einem der wichtigsten Literaturwettbewerbe im deutschen Sprachraum blieb denn auch nicht unwidersprochen im Kreis der Jury. Daniela Strigl und Paul Jandl brachen eine Lanze für Prosa, die ein experimentelles Wagnis eingeht, und auch Jurypräsident Burkhard Spinnen pflichtete bei. Selbst wenn man angesichts von Hassingers grammatisch wie inhaltlich verwirrender tragikomischer Familiengeschichte wie Hubert Winkels fragen konnte, ob sie unnötig verrätselt sei, war doch die sprachkünstlerische Überformung der Wirklichkeit überaus beachtlich.

In den weiteren Lesungen präsentierte Stefan Moster (geb. 1964) eine proustisch anmutende Episode über das Erinnern am Beispiel eines Interrail-Urlaubs in Griechenland („Der Hund von Saloniki“), Andreas Stichmann (geb. 1983) imaginierte einen Einbruch ins Heim der bürgerlichen Familie („Der Einsteiger“) und der 1960 in Klagenfurt geborene Hugo Ramnek las einen überaus lyrischen Text über Jugendliebe und Fremdenhass auf einem Jahrmarkt („Kettenkarussell“). Diesen Lesungen und ihren Diskussionen hörte man teils mit großem Gewinn zu, sie konnten die beiden zuvor beschrieben Katastrophen aber nicht vergessen machen.

Jan Wiele begleitet die „Tage der deutschsprachigen Literatur 2012“ mit einer täglichen FAZ.NET-Kolumne aus Klagenfurt.

 

Die Lesungen und Diskussionen sind unter www.bachmannpreis.eu dokumentiert.

Quelle: FAZ.NET
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