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Jugendbuchentdecker Barry Cunningham Es ist dieser Sinn für Wunder

22.03.2010 ·  Er hat J. K. Rowling entdeckt. Jetzt sucht sein Verlag zusammen mit der F.A.Z. auch hierzulande nach viel versprechenden neuen Autoren für junge Leser. Barry Cunningham über die Geheimnisse des Buchmarkts, die richtige Stimmlage und den „Goldenen Pick“.

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Er hat J. K. Rowling entdeckt. Jetzt sucht sein Verlag zusammen mit der F.A.Z. bei uns nach viel versprechenden neuen Autoren für junge Leser. Barry Cunningham über die Geheimnisse des Buchmarkts, große Stimmen und den „Goldenen Pick“

Mr. Cunningham, vor drei Jahren haben Sie gemeinsam mit der „Times“ einen Wettbewerb für Kinder- und Jugendbuchautoren ins Leben gerufen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Ich glaube, schon als ich den Verlag Chicken House gegründet habe, war ich immer getrieben von der Vorstellung, jungen, unbekannten Autoren eine Chance zu geben. Das geht wohl zurück auf die Zeit, als ich J. K. Rowling entdeckt habe, die zuvor von allen anderen Verlegern abgelehnt worden war.

Wir haben oft darüber gesprochen, wie schwierig sie es fand, in dieses Netzwerk von Verlegern und Agenten einzudringen und einen echten Verleger dazu zu bringen, ihren Text zu lesen - dass überhaupt irgendjemand ihr Manuskript liest, war für sie schon fast ein Wunder an sich.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der „Times“?

Irgendwann sprach ich mit Vertretern der „Times“ über großartige unentdeckte Autoren, und die Journalisten fragten mich, warum wir nicht einen Wettbewerb zusammen machen, der nach genau solchen Schätzen sucht - ich sei doch, so sagten sie, geradezu berühmt dafür, Leute zu entdecken, die von allen anderen abgelehnt würden, ich müsse also bestimmte Instinkte besitzen.

Wie war die Resonanz?

Überwältigend - schon beim ersten Mal. Wir sind ein kleiner Verlag und haben unser Büro in einem alten englischen Städtchen auf dem Land. Die Post sperrte die Straße ab, weil sie so viele Säcke an uns zustellen musste: mit Manuskripten von Leuten, die alles dafür geben würden, um endlich gelesen zu werden. Und genau das haben wir getan. Wir hatten natürlich lauter professionelle Lesern, die buchstäblich alles lasen, was uns geschickt worden war: ehemalige Verleger, Lehrer, Bibliothekare, also Leute, die wussten, worauf es ankommt.

Wann haben Sie sich persönlich eingeschaltet?

Ich las alle Titel, die auf unserer Longlist von 20 oder 25 Manuskripten gelandet waren, und entdeckte dabei diese faszinierende Autorin namens Emily Diamand, deren Buch „Flutland“ jetzt im Verlag „Chicken House Deutschland“ erscheint. Es ist ein phantastisches Buch - aber die Autorin hatte buchstäblich nicht gewusst, was sie mit ihrem Manuskript machen sollte. Sie hatte es ein paar Leuten gezeigt, aber niemand zeigte groß Interesse. Dann rief ihr Vater sie an. Er hatte von unserem Wettbewerb gelesen und drängte sie, daran teilzunehmen. Inzwischen ist ihr Buch in 19 Ländern erschienen, Deutschland wird das zwanzigste sein.

Geht es also darum in Ihrem Wettbewerb - einen unbekannten Autor plötzlich weltberühmt zu machen?

Auch. Aber der Wettbewerb ist mehr als das. In den Augen der meisten Menschen sind der Buchmarkt und das Büchermachen geheimnisvolle, undurchschaubare Prozesse, bei denen es vor allem auf Beziehungen ankommt. Aber was machen die, die nicht darüber verfügen - junge Mütter, Leute, die den ganzen Tag mit ihrer Arbeit beschäftigt sind? Vielleicht haben sie ein großartiges Buch in der Schublade, aber wer sagt ihnen das? Wir jedenfalls waren vom Ergebnis überwältigt, die „Times“ auch - auf der Website der Zeitung erschienen Auszüge der Finalistentexte, die von den Lesern rege kommentiert und bewertet wurden. Wir haben den Wettbewerb mittlerweile drei Mal durchgeführt, und er wird immer populärer.

Und jetzt bringen Sie ihn zu uns.

Als wir den Verlag „Chicken House Deutschland“ gründeten, haben wir uns gefragt, ob es nicht auch in Deutschland Menschen gibt, die auf andere Weise keine Chance haben, ins System zu kommen. Und es ist ein faszinierender Preis: Jedem gefällt die Vorstellung, dass irgendjemand sehr talentiert, aber bislang unbekannt ist und entdeckt wird - und dass sein Werk weltweit in Kinderhände gelangt. Und das glauben wir eben auch: dass eine große Geschichte Kinder überall bewegt und darin wiederum die eigene Kindheit des Autors anklingt - dies befähigt ihn, die Stimme und die Erfahrungswelt eines Kindes zu präsentieren.

(Siehe auch: „Der Goldene Pick“: Teilnahmebedingungen für die zweite Runde des Schreibwettbewerbs)

Lässt sich ein solches Schreiben lernen?

Das ist keine Frage von Training, Erziehung oder Bildung, keine Frage, ob du die richtigen Leute kennst - sondern eine, ob du eben die Fähigkeit dazu hast. Das ist der Grund, warum ich diesen Wettbewerb veranstalte, warum mich die Sache so fasziniert und warum wir nun den Versuch in Deutschland machen, ein Talent zu finden, das wir dann der Welt präsentieren können. Hinzu kommt, dass ich ein großer Fan deutscher Literatur bin - wir haben Cornelia Funke weltweit publiziert, mit enormen Erfolg. Jetzt gerade bringen wir Andreas Steinhöfel im englischsprachigen Raum heraus, und demnächst Kerstin Gier - wir wissen schon, dass Ihr große Autoren habt, die überall auf der Welt funktionieren. Aber es wäre sehr nett, einen bislang auch dem hiesigen Publikum Unbekannten zu entdecken.

Sie kennen die Geschichte der Manuskripte, die in den drei bisherigen Runden den englischen Wettbewerb gewonnen haben. Lagen die schon fertig in den Schubladen der Autoren, oder wurden sie extra für den Wettbewerb geschrieben?

Alle Sieger hatten Ideen oder Notizen oder ihre Texte vielleicht sogar schon angefangen - aber sie alle wurden vom Einsendeschluss des Wettbewerbs angetrieben. Sie sagten sich: Wenn ich dieses Buch jemals fertig schreiben werde, dann ist jetzt der Moment dafür.

Wann wissen Sie eigentlich, ob ein Manuskript etwas taugt? Und woran merken Sie das?

Ich würde Ihnen jetzt gern antworten, dass das eine komplizierte Sache ist und dass ich jahrelang an meinem diesbezüglichen Gespür gearbeitet habe - aber eigentlich ist es furchtbar einfach. Ich vermute, ich bin in der glücklichen Situation, innerlich ein Kind geblieben zu sein. Was mich an Texten zu allererst interessiert, ist die Stimme des Erzählers. Eine Stimme, die uns die Kindheit wieder erschließt, das Glück des Kindes, die Leidenschaftlichkeit des Teenagers oder dieses Gefühl der Ungerechtigkeit, das Kinder oft verspüren, wenn ihnen die Erwachsenen nicht zuhören. Oder es ist dieser Sinn für Wunder - wenn du etwa denkst, dass Tiere mit dir reden. Wenn du diese Stimme, diese Verbindung hast, dann lässt sich alles andere gut erlernen. Wir können immer Ratschläge zum Aufbau des Plots geben, zur Kapitelstruktur oder zum Stil - aber ich suche zuerst nach der Stimme. Vieles davon ist universell, und ich glaube, dass der weltweite Erfolg von Chicken House das auch belegt. Ich bin davon überzeugt, dass Kinder untereinander mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben.

Sie haben mit Funke, Steinhöfel und Gier drei sehr unterschiedliche deutsche Autoren genannt, die Sie verlegen. Was haben die drei gemeinsam?

In Deutschland werden Geschichten anders erzählt - und wo solche Geschichten funktionieren, sind sie brillant. Deutsche Autoren haben weniger Scheu davor, etwas komplizierter oder auch langsamer zu erzählen. Ihre Texte sind nicht so sehr über Dialoge strukturiert wie etwa englische oder amerikanische. Deutsche Autoren nehmen sich dafür mehr Zeit, eine Welt zu entwerfen und mit vielen Figuren zu bevölkern. Diesen Unterschied nimmt man sofort wahr. Ich spreche oft mit Cornelia Funke darüber, wenn ich ihre Texte lektoriere - deutsche Autoren sind eher bereit, ihren Lesern etwas abzuverlangen, sie sind weniger direkt und offensichtlich. Wenn ich etwa versuche, in Andreas Steinhöfels Texten ein paar Worte dazuzuschreiben, die das ganze erklären sollen, sagt er mir immer: Lass es lieber, erklär nicht soviel. Genau das mag ich an deutschen Autoren.

Sehen Sie gegenwärtig in der Kinder- und Jugendliteratur einen bestimmten Trend? Oder besteht der Trend gerade in der Vielfalt der Genres und Erzählweisen?

Ich bin nicht besonders gut darin, einem Trend zu folgen - wenn es anders wäre, hätte ich niemals „Harry Potter“ verlegt, denn damals waren in England eher ultrarealistische Bücher populär. Offensichtlich gibt es zur Zeit enorm viele Werwolf- und Vampirbücher, aber auch, wenn man diesem Trend folgen würde, wäre man immer zu spät dran. Ich halte mich an das, was ich fühle. Das beste an den „Harry Potter“-Büchern ist vielleicht, dass sie Bücher wieder „cool“ werden ließen. Kinderbücher sind heute vielfältiger, aufregender und einfach besser als jemals zuvor. Und kommerziell gesehen, sind sie heute in England und Amerika der interessanteste Bereich des Buchmarkts. Als Folge davon bringt man mit den Bedürfnissen der Kinder einen ungleich höheren Respekt entgegen.

Die Fragen stellten Felicitas von Lovenberg und Tilman Spreckelsen.

Quelle: F.A.Z.
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