Siennas Mutter ist in China verschwunden, jetzt zieht ihr Vater ebenfalls dorthin, weil er in Shanghai Arbeit gefunden hat. Ohne ihren unsichtbaren Hund Rufus würde Sienna die Umstellung noch schwerer fallen. Vor allem, als sie feststellt, dass sie sich mitten in einem Krimi um gefälschte Kunstwerke befindet. Und was hat ihre Mutter mit dem ganzen zu tun?
Barbara Laban wurde 1969 geboren und studierte Sinologie und Japanologie in München, London und Taipei. Sie arbeitet als Übersetzerin für Fachliteratur der traditionellen chinesischen Medizin und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in London.
Rufus, ihr unsichtbarer Hund, war auf ihrem Schoß eingeschlafen.
„Hmm, erste Klasse“, hatte er noch gemurmelt, bevor sanft seine Schnauze auf ihre Beine gesunken war und das Dröhnen der Triebwerke ihn einschlummern ließ. Seine langen schwarzen Schlappohren zuckten im Traum. Sienna streichelte sein Fell. Zum Glück war Rufus bei ihr.
Er hatte die Neuigkeit vom Umzug ohne große Reaktion aufgenommen.
„Verstehe, China… solange ich da nicht im Kochtopf lande - haha“, war wohl sein einziges Bedenken.
Sienna dagegen war entsetzt:
„Das kann nicht dein Ernst sein, Papa. Von allen Ländern auf der Welt hast du dier ausgerechnet China ausgesucht? Und warum gerade jetzt?“
„Ich habe keine Wahl, mein Schatz“, hatte er traurig geantwortet. „Wenn ich meinen Job behalten will, heißt es China oder hierbleiben“. Sie hatten beide kurz geschwiegen, bevor Papa Sienna fest umarmte.
„Ich kann nicht hierbleiben“, hatte er schließlich geflüstert.
Sienna wollte weinen, aber sie hatte ihre Tränen zurückgehalten und schwer in Papas T-Shirt geatmet. Und wenn ICH nicht nach China gehen kann. Doch sie hatte sich nicht getraut die Worte auszusprechen. Sie hatte es ihrem Vater nicht noch schwerer machen wollen.
Jetzt saß Papa im Flugzeug neben ihr und arbeitete an seinem Computer. Das kleine Licht über seinem Sitz war eingeschaltet.
Er zog kurz die Brille ab und rieb sich die Augen. Sienna sah aus dem Fenster in die dunkle Nacht, Rufus leckte im Schlaf ihre Hände.
Es war eine seiner Angewohnheiten. Sienna erinnerte sich daran, wie schön sie das gefunden hatte, als sie noch kleiner war: Aber damals war Rufus ein Welpe und sie selber fast noch ein Baby.
„Lass das, Rufus“, sie musste lachen.
Papa sah müde und genervt zu ihr hinüber: „Sienna, ich dachte, wir hätten das besprochen. Du wolltest aufhören mit dem Unsinn, wenn wir in China sind.“
Rufus knurrte leise und war plötzlich hellwach:
„Unsinn, ich höre immer nur Unsinn. Ich kann auch verschwinden, wenn das gewünscht ist. Fragt sich bloß, wer dir Gesellschaft leistet, wenn dein Vater wieder arbeitet und arbeitet und arbeitet. Es ist ja nicht so, dass er sich gerade viel Zeit für dich nimmt.“
„Rufus, bitte sei nicht beleidigt“, flüsterte Sienna beschwörend und sagte dann laut: „Bitte Papa, ich bin jetzt auch still.“
„Sienna, ich meine es ernst“, sagte ihr Vater. „Du solltest richtige Freunde haben. Du kannst nicht in deiner Fantasiewelt leben. Die Leute denken, es ist seltsam, wenn du Selbstgespräche führst. Bei Kleinkindern ist es vielleicht niedlich, wenn sie unsichtbare Freunde haben. Ab einem gewissen Alter wird es peinlich.“
Mama hatte immer gelacht, wenn Rufus plötzlich auftauchte. Natürlich konnte sie ihn auch nicht sehen. Also hatte Sienna für ihre Mutter übersetzt, nicht alles versteht sich. Zum Beispiel wenn Rufus bemerkt hatte: „Kate sollte sich lieber einen längeren Rock zur Arbeit anziehen. Für diesen ist sie ein wenig zu alt“, hatte Sienna es vorgezogen zu schweigen.
„Als ich klein war“, hatte Mama ihr einmal erzählt, „hatte ich eine wunderschöne weiße Katze zur Freundin. Für alle anderen war sie unsichtbar, so wie Rufus. Nur ich konnte sie sehen. Ihr Name war Minka. Um den Hals trug sie ein blaues Band mit einem Glöckchen. Sie war unglaublich scharfzüngig und ziemlich eitel. Es war nicht immer einfach mit ihr, aber sie war meine beste Freundin.“
Sienna hätte gerne mehr über Minka erfahren, aber Mama wollte nicht weiter über sie sprechen. So als wäre der Gedanke an Minka ihr peinlich, als müsste sie sich für etwas schämen. Mama hatte sie auch später niemals wieder erwähnt. Rufus jedenfalls war bei Sienna seit sie denken konnte und sie hoffte, er würde niemals aus ihrem Leben verschwinden.
„Sienna, du musst mir versprechen, dass jetzt damit Schluss ist“, Papas Worte rissen sie aus ihren Gedanken: „Hör auf mit unsichtbaren Wesen zu reden. Du bist kein kleines Kind mehr, sei vernünftig. Ab jetzt, versprochen?“
Papa klang böse und traurig. Er hatte noch nie an Rufus Existenz geglaubt. Früher hatte er meistens nur Witze darüber gemacht, dass seine Tochter in ihrem Alter ihren unsichtbaren Freund noch nicht aufgegeben hatte. Aber jetzt war alles anders. Er sah manchmal so verzweifelt aus, wenn er mit ihr sprach.
„Versprochen“, flüsterte Sienna. Sie hatte zwei Finger hinter ihrem Rücken gekreuzt.
„Ah, schau mal. Sollen wir uns vielleicht diesen kleinen Fernseher hier anschalten? Vielleicht kommt ja was Vernünftiges“, tönte es jetzt von ihrem Schoß. „Und bestell uns zweimal Eis und diese tollen nassen Tücher fürs Gesicht. Die riechen klasse“, verlangte der Hund herausfordernd.
Sienna verzog nicht das Gesicht.
„Los, komm schon. Die warten hier nur darauf, dass du was bestellst.“
Das Mädchen starrte nach vorne. Rufus konnte nicht wirklich von ihr verlangen ihren Vater noch mehr zu provozieren. Von allen Tagen der Welt – nicht heute!
„Wenn du mich ignorieren willst, bitte. Schau mal, wo du ohne mich bleibst. Vielleicht suchst du dir einfach einen neuen Freund in China.“
Und Rufus verschwand. Sienna hoffte, er würde nicht zu lange sauer sein. Nach ihren Streitereien war er meist derjenige, der einlenkte.
Papa tippte weiter auf seinem Computer. Dann sah er zu ihr hinüber:
„Du solltest jetzt schlafen mein Schatz. Wenn wir ankommen, ist es früher Morgen in China, und du willst doch nicht deinen ersten Tag verpassen.“
Er verstaute den Computer in seiner Tasche und klappte den Sitz zurück: „Gute Nacht Sienna. Träum schön.“
Papa hatte vergessen das Licht über seinem Kopf auszumachen. Es spiegelte sich auf seinen kurzen schwarzen Haaren.
Sienna wollte auch schlafen, aber jetzt vermisste sie Rufus. Sie legte ihren Kopf auf Papas Arm.
Wenn sie die Augen schloss, stellte sie sich Mama vor. Mama im Flugzeug, ihren Computer vor sich aufgeklappt. Sie sah angestrengt aus und runzelte die Stirn. Ihr gefiel nicht, was sie im Computer sah. Plötzlich blickte sie auf und lächelte.
Erschrocken machte Sienna die Augen auf. Es fühlte sich so echt an, was sie sah. So echt, dass sie in Mamas Armen liegen wollte, ihre langen Haare anfassen, sie streicheln, an ihr riechen. Sienna konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Erst als das Morgenlicht durch die runden Fenster des Flugzeugs fiel, schlief Sienna endlich ein. Sie sah nicht wie die ersten grauen Vororte der großen Stadt langsam unter dem Flugzeug auftauchen. Wie allmählich die weiten grünen Hügel einem Meer aus grauen Häusern und geraden Straßen Platz machten, das sich scheinbar endlos in alle Richtungen erstreckte. Wie das Flugzeug eine Schleife zog und direkt neben der Stadt über dem Ozean wendete. Über dem Meer lag die Stadt, über dem Meer heißt auf Chinesisch shanghai.
Sienna wusste nicht, wie sie aus dem Flugzeug ins Taxi gekommen war. Es kam ihr vor als hätte sie im Tiefschlaf an der Gepäckausgabe gewartet und sich mühsam auf Papas Arm gestützt nach draußen geschleppt. Im Taxi war sie sofort wiedereingeschlafen und es war als träumte sie noch, als sie aus dem Fenster des Autos nach draußen sah. Es war grau und regnete.
Sie fuhren auf einer riesigen breiten Straße, Autos zogen von einer Spur auf die andere. Uralte Busse drängten sich zwischen großen nagelneuen Limousinen. Sienna beobachtete die Menschen am Straßenrand. Manche waren auf dem Weg zur Arbeit. Sie trugen Aktentaschen, telefonierten und hatten es eilig.
Aber auf dem Bürgersteig hockten auch Männer, die es nicht eilig hatten. Sie rauchten Zigaretten oder tranken Tee aus Plastikbechern. Einige von ihnen lehnten sich an große weiß-rot karierte Plastiktaschen. Ihre Kleidung sah alt und abgetragen aus. Sienna wusste, dass es Wanderarbeiter waren. Männer, die aus den Dörfern in die großen Städten zogen und versuchten, dort Arbeit zu finden. In den Plastiktaschen, die sie bei sich trugen war alles, was sie besaßen. Die Männer halfen auf den vielen Baustellen der Stadt. Sie bauten hohe Häuser, eins größer als das andere. Zuhause auf dem Land hatten sie keine Arbeit mehr und auch hier in den Städten waren sie nicht gerne gesehen, obwohl alle auf ihre billige Arbeitskraft angewiesen waren.
Mama hatte viel über die neuen Gebäude erzählt und ihr Bilder von chinesischen Städten gezeigt. Ihre Mutter mochte die neu gebauten hohen Häuser, obwohl sie doch eine Expertin für alte Sachen war. Jetzt sah Sienna selbst die blitzenden neuen Gebäude, in deren Fassaden sich die vorbei fahrenden Autos und Fußgänger spiegelten.
Papa hatte noch nicht gemerkt, dass sie wach war. Das Auto fuhr nun langsamer und bog in eine enge Straße ein. Auf einmal sah alles gar nicht mehr so neu und modern aus. An der Rückseite der eleganten Wolkenkratzer hingen alte Kabel von den Wänden und ein Wirrwarr von Leitungen spannte sich zwischen den eng aneinander stehenden Häusern. Die Balkone wurden auch nicht zum gemütlichen Sitzen genutzt. Stattdessen standen sie voll mit Wäscheständern und Gerümpel. An der Straße entlang gab es viele kleine Läden.
Sienna hätte gerne gewusst, was auf den bunten Leuchtreklameschildern stand, die über den Läden in grellen Farben hingen. Sie konnte Zahlen erkennen, manchmal eine Adresse, die chinesischen Schriftzeichen sahen aus wie kleine Gemälde. Sie wünschte sich, sie könnte sie entziffern.
Sie sah ein kleines Restaurant. Im Schaufenster hingen gebratene Enten an einer Schnur aufgereiht. Die Türen waren weit geöffnet. Im Eingang des Ladens saß ein Junge der vielleicht etwas älter war als sie. Er starrte auf das langsam vorbei fahrende Auto. Seine Haare waren fast schulterlang, ein paar Strähnen hingen in sein hübsches Gesicht.
Als der Wagen direkt neben ihm anhielt um kurz darauf in eine Garage abzubiegen, traf sich Siennas Blick mit dem des Jungen. Er lächelte sie strahlend an als hätte er auf sie gewartet. Sienna erwiderte schüchtern sein Lächeln und hob die Hand ans Fenster.
„Du bist ja wach mein Mädchen“, sagte Papa und zog sie näher zu sich heran. „Wir sind gleich in unserer neuen Wohnung. Ich hoffe, sie wird dir gefallen.“ Als der Wagen anhielt, nahm Sienna Papas Hand und ließ sie nicht mehr los. Sie fuhren mit dem Lift in den 15. Stock. Der Taxifahrer trug ihr Gepäck in den Aufzug.
„Papa, warum müssen wir so hoch oben wohnen?“, fragte Sienna, die sich nach ihrem schmalen Reihenhaus in London sehnte.
„Die Aussicht wird Dir gefallen“, entgegnete er.
Sienna war sich nicht sicher. Hoch oben wurde ihr immer schwindlig. Als sie ausstiegen, standen sie vor einer großen schweren Holztür, die zusätzlich mit einem Gitter verriegelt war.
Papa drückte auf die Klingel und ein künstliches Vogelzwitschern ertönte. Sienna und Papa sahen sich erst erschrocken an, dann mussten sie beide lachen. Mehrere Türschlösser wurden geöffnet, dann stand eine fremde Frau vor ihnen.
Für eine Chinesin war sie sehr groß, ihre Haut war weiß und sie war in starken Farben geschminkt. Ihre Augenbrauen fehlten. Stattdessen hatte sie zwei dünne schwarze Striche über ihre Augen gezogen. Ihre schwarzen Haare waren sorgfältig in große Locken frisiert. Sienna sah zunächst nur das grelle gelbe Kleid der Frau. Als sie anfing zu sprechen, erschrak sie sich. Sienna zog ihre langen Haare ins Gesicht als könnte sie sich dahinter verstecken. Mit kalter Stimme und einem harten Akzent stellte die Frau sich vor:
„Du musst Sienna sein. Mein Name ist Ling. Ich bin die Haushälterin und deine neue Lehrerin. Nenn mich Ling laoshi. Das heißt Lehrerin Ling. Kommt herein.“