29.11.2008 · Was nützen Notizbücher? Oder sollte man immer ein Aufnahmegerät bei sich führen, um schnell festhalten zu können, was sich vielleicht literarisch nutzen lässt? Holly-Jane Rahlens, die Autorin von „Max Minsky und ich“, verrät, wie man Schriftsteller wird.
Was nützen Notizbücher? Oder sollte man immer ein Aufnahmegerät bei sich führen, um schnell festhalten zu können, was sich vielleicht literarisch nutzen lässt? Holly-Jane Rahlens, die Autorin von „Max Minsky und ich“, verrät, wie man Schriftsteller wird.
Frau Rahlens, viele Menschen wollen gern Schriftsteller werden, nur wenige werden es auch. Sie haben es geschafft - haben Sie ein paar Tipps für uns?
Lesen, lesen, lesen. Alles. Egal was. Klassiker. Arztromane. Moderne Literatur. Comics. Computergebrauchsanweisungen. Dicke Jugendromane. Die Zeitung . . .
Aber wie kommt man dann zum eigenen Schreiben? Soll man es machen wie Harriet aus Louise Fitzhughs Jugendroman, die immer Notizbuch und Kugelschreiber dabeihat, um alle Eindrücke aufzuschreiben - als Material für künftige Bücher?
Ich persönlich halte nicht so viel davon, ein Notizheft mit mir herumzutragen, denn mitten in Situationen, die vielleicht interessant sind, habe ich selten Lust, den Stift zu zücken. Das ist umständlich, es stört die Spontaneität der Situation, und außerdem fällt es anderen auf - und wenn man beobachtet, will man ja nicht unbedingt Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Was soll man stattdessen tun, damit das Rohmaterial nicht verkommt?
Es ist besser, am Abend die Eindrücke in ein Tagebuch aufzuschreiben. Wenn etwas wichtig war, wird man sich daran erinnern. Man muss nicht „schön“ schreiben, Stichwörter reichen, um später - sei es nach Wochen oder Jahren - diese Eindrücke wieder zurückzuholen.
Braucht ein Schriftsteller also gar kein Notizbuch?
Wenn es darum geht, eine Idee festzuhalten, die wie aus dem Nichts plötzlich da ist, ist ein Notizheft vielleicht gar nicht schlecht. Diese Geistesblitze passieren aber nicht so häufig - zumindest nicht bei mir -, dass ich ständig ein Notizbuch herumtragen sollte. Man kann diese Ideen schnell auf einen Zettel aufschreiben und nachher ins Tagebuch übertragen.
Manche Autoren schwören ja auf Diktiergeräte . . .
Ein kleines Aufnahmegerät habe ich in der Vergangenheit gern als akustisches Notizbuch eingesetzt, besonders, wenn ich im Voraus gewusst habe, dass es wichtig ist, meine spontanen Reaktionen in einer bestimmten Situation festzuhalten. Es ist einfacher, in ein Gerät zu sprechen, als die Gedanken in einem Notizbuch zusammenzufassen. Als ich beispielsweise vor vielen Jahren meine Wohnung komplett ausmistete und alte Kleidungsstücke und Papiere in den Müll warf, habe ich ständig meine Gefühle und Gedanken zu bestimmten alten Gegenständen mit einem Diktiergerät festgehalten. Fünf Jahre später wurde diese Aufräumaktion zum Rahmen meines ersten Romans „Becky Bernstein goes Berlin“. Da waren diese Aufnahmen schon sehr hilfreich beim Schreiben.
Und die Sachen selbst? Wie wichtig sind Gegenstände, wenn man schreibt?
Als Kind und Teenager habe ich ständig Konzert- und Theatereintrittskarten aufgehoben, Einladungen zu „Sweet 16 Parties“, Hitlisten aus Zeitschriften, Schulzeugnisse, Fotos, Erinnerungsstücke, sogar kleine Ketchup- und Zucker-Verpackungen aus Fastfood-Restaurants. Zusammen mit meinen Tagebucheinträgen habe ich die dann jeweils in einen Jahresordner getan. Die Jahre 1962 bis 1969 sind bei mir sehr gut dokumentiert - zum Glück: Denn die Tagebucheinträge von Januar und Februar 1964 oder Hitlisten aus dem Herbst 1963 waren wichtige Dokumente für die Recherche zu meinem neuen Roman „Mein kleines großes Leben“.
Warum?
Ganz einfach: Jede Einladung, jedes Foto hat seine eigene Geschichte, bringt Erinnerungen hoch und kann später verwendet werden. Ich habe noch eine Eintrittskarte zu dem legendären Woodstock-Festival 1969. Zehn Jahre später, also 1979, habe ich eine Geschichte fürs Radio daraus gemacht. Man sollte übrigens auch seine Schulaufsätze aufheben und schön ordentlich abheften. Man kann dann später sehen, wie weit man mit dem Schreiben gekommen ist, wie viel man gelernt hat. Manche Sachen, die wir beispielsweise in der 6. Klasse geschrieben haben, kommen einem vier Jahre später furchtbar peinlich vor. Das ist gut so!
Warum? Das ist doch eher eine grässliche Erfahrung . . .
Wir sehen, dass wir erwachsener sind und ein anderes ästhetisches Verständnis haben, und das stärkt uns. Außerdem bringen uns alte Aufsätze auf neue Ideen. Wir haben mal in der 5. Klasse einen Aufsatz über die „Zukunft“ schreiben müssen, einen Brief aus dem Jahre 9000 an einen Freund, der in der Vergangenheit lebte, also im Jahre 1961. Diesen Aufsatz habe ich heute noch und strahle, wenn ich ihn lese: Wie kindlich ich war! Wie lustig! Wie ernsthaft! Ich schreibe phantasievoll und klar, ich merke aber, wie begrenzt meine Welt war. Dieser Aufsatz sagt mir heute viel über die kindliche Phantasie und die Köpfe der Kinder, hilft mir als Autorin. Außerdem finde ich die Zukunft als Thema nach wie vor spannend und habe sogar Lust, heute einen Zukunftsroman zu schreiben!
Zurück zu den Anfängen: Haben Sie noch einen Tipp für uns, wie man merkt, ob der eigene Text eher gelungen oder danebengegangen ist?
Man sollte ihn laut vortragen. Man merkt sofort Schreib- und Tippfehler, wenn ein Satz zu lang ist, ob Kommas fehlen, (man braucht sie oft als Atempause), ob die Dialoge unecht klingen und ob vielleicht ein Absatz langatmig ist.