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Frankfurter Buchmesse Das Schreiben in den Zeiten des P-Books

16.10.2011 ·  Absatzeinbrüche und Urheberrechtschaos, „Crossmedia“ und literarische Eierbecher: In Frankfurt traf sich eine völlig verunsicherte Branche zur Buchmesse .

Von Lena Bopp
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© dpa Machtsignal oder Verzweiflungstat? Ein Bücherturm auf der Frankfurter Buchmesse beschwört die Herrschaft des gedruckten Wortes..

Das Ende einer Kultur kündigt sich meistens in den Dingen an, die sie hervorbringt. Im Falle der Frankfurter Buchmesse waren das diesmal auffallend viele hier so genannte „Non-Books“. Produkte, die mit Büchern auch im weitesten Sinn überhaupt nichts zu tun haben, gab es hier zwar schon immer, aber die Flut an Eierbechern, Kerzenhaltern, Handtaschen, Aufziehfiguren, Spielsachen und einer geschlagenen Halle voller Audi-Fahrzeuge hatte die Buchmesse dann doch noch nie mit einer solchen erschlagenden Wucht überrollt.

Den klassischen Buchhandlungen brechen die Umsätze weg, selbst die großen Buchhandelsketten müssen ihre Verkaufsflächen verkleinern oder eben das Sortiment erweitern, und während einige renommierte Buchhandlungen schon konkret darüber nachdenken, Kaffee und Geschenke ins Sortiment aufzunehmen, um die Ladenmieten zahlen zu können, schlug auch auf der Buchmesse die große Stunde des Nichtbuchs, und das Ergebnis war eine betretene Stille.

Helden der Messe verschwunden

Diese Buchmesse war leise und leer. Ob dies schon als Zeichen schwindender Kräfte einer Branche zu sehen ist, die sich von mehreren Seiten bedroht sieht, oder vielmehr als Ruhe vor dem aufziehenden Sturm, wird sich zeigen - die Verunsicherung war jedenfalls mit Händen zu greifen. Und während es Eierbecher und anderes Zeug in rauhen Mengen gab, waren die eigentlichen Helden der Messe teilweise einfach verschwunden: Der für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominierte Autor Jan Brandt, der zu Beginn der vergangenen Woche noch bei der Preisverleihung im Frankfurter Römer saß, reiste am Tag darauf ab und am Donnerstag wieder an, weil ihm für die Zwischenzeit niemand ein Hotelzimmer spendieren konnte. Martin Walser kam nur für einen Nachmittag nach Frankfurt, diverse Verlage verzichteten auf ihre traditionellen Messepartys, und sogar der eigentlich als Geldmaschine geltende Taschen-Verlag hatte die Messe gleich ganz geschwänzt.

Der Vorsteher des Deutschen Börsenvereins, Gottfried Honnefelder, rief bei der Eröffnung der Buchmesse den Verlegern tapfer zu, sie seien nicht nur in zweiter, sondern in erster Linie Kaufleute - was im Kern darauf hinauswollte, dass auch die Buchmesse ein Problem hat, wenn ein Geschäftsmodell, das letzten Endes auf dem Verkauf von geistigem Eigentum basiert, nicht mehr funktioniert. Sechzig Prozent der genutzten elektronischen Bücher würden derzeit illegal heruntergeladen, sagte er. Längst stehen Verleger vor denselben Problemen wie die Produzenten in der Musikbranche. Der Autor verliert seine Autorität, die auch während der Messe von einem Dutzend unverwüstlicher Anhänger der Piratenpartei geforderte Abschaffung des Kopierschutzes wirft ihre Schatten voraus. Die Messe selbst scheint allerdings uneins, wenn es um die Frage geht, wie diesen Problemen in Zukunft zu begegnen ist. Einerseits forderte man zwar eine Rückbesinnung auf die klassischen Verlegerkompetenzen und betonte, wie wichtig das solide Aufspüren, Begleiten und Präsentieren von schönen, guten, diskussionswürdigen Texten gerade in einer Zeit der digitalen Informationsflut sei. Andererseits setzt man auf Kooperation mit genau jenen Medien, von denen man sich im Grunde bedroht fühlt.

In dem geschliffenen, irgendwie abgeschmirgelt aussehenden Bau, den Audi der Buchmesse hinterlassen hatte und der wie ein Ufo den zentralen Platz des Messegeländes besetzt hielt, waren jedenfalls wieder die Computerspiel-, die Filmbranche und diverse Multimedia-Unternehmer geladen, um zusammen mit den sichtbar ins argumentative Hintertreffen geratenen Buchmenschen zu überlegen, wie sich Texte künftig gemeinsam vermarkten lassen. Wie schwierig das ist, wurde zwar schon an den Begriffen deutlich, mit denen hier hantiert wurde: Von „Crossmedia“ war hier die Rede, und man wusste bald nicht mehr, ob es sich dabei um ein neues Audimodell handelte, das von „content professionals“ mit einem effektiven „Storydrive“ ausgerüstet worden war; aber gemeint war allen Ernstes das gute alte Buch, das hier, um im Bild zu bleiben, von einer neomedialen Vermarktungsmeute rhetorisch plattgefahren wurde.

Man erfreute sich an der durchaus gewagten These, eine solche Zusammenarbeit habe langfristig auch Rückwirkungen auf die Art des Erzählens - dass es nicht mehr einen Autor mit einer Idee, sondern mehrere Akteure geben wird, die an einer Geschichte solange basteln, bis sie in alle Formate passt. Dass J.K.Rowlings Harry Potter in diesem Zusammenhang als Beispiel gerade nicht taugt und doch immer wieder herangezogen wird, darf man als schlechtes Zeichen werten. Dass auch in diesem Jahr an dem leidige Thema E-Books kein Weg vorbeiführte, war zu erwarten gewesen.

Ein Angebot ohne Nachfrage

Wie sich digitale Bücher herstellen und vertreiben lassen, ohne dass sich die Verlage dabei in die Hände einiger weniger, großer Multimedia-Konzerne begeben müssen, ist die eine Frage. Die andere ist die, wie sich mit E-Books überhaupt Geld verdienen lässt. Dabei entsteht im mittlerweile x-ten Jahr, in dem die Branche den nun aber wirklich bald anstehenden Durchbruch der digitalen Bücher herbeiredet, immer mehr der Eindruck, dass man es mit einem Markt zu tun zu hat, der nur existiert, weil es ein Angebot gibt, und nicht, weil die Nachfrage besonders groß wäre.

Als man jedenfalls an einem dieser schönen, sonnigen Buchmessen-Nachmittage mit dem Leiter eines großen, deutschen Verlages auf der Terrasse stand und einen Blick in seine Verkaufsliste warf, da zeigte sich, dass zwar jede Menge E-Books erhältlich sind, aber nicht von einem einzigen mehr als ein paar hundert Exemplare verkauft wurden.

Ähnlich ernüchternd klang auch das, was der Geschäftsführer von Rowohlt, Peter Kraus vom Cleff, zu berichten hatte: Der Umsatz mit digitalen Büchern habe sich in diesem Jahr verdoppelt, sagte er, und fügte dann ohne zu Lachen hinzu, „von Nullkommafünf auf ein Prozent“. Auch bei S. Fischer war die Rede von „Umsätzen in homöopathischen Dosen“. Die 2010 lancierten schönen Apps von einzelnen Märchen der Gebrüder Grimm, dem Froschkönig beispielsweise, seien zwar ganz gut gelaufen, aber weil der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag stünde, werde man vorerst keine weiteren Märchen-Apps produzieren.

Insofern wirkte es doch sehr pessimistisch, als der gute alte Verleger Joachim Unseld bei seinem traditionellen Buchmessen-Empfang sagte, seinesgleichen würden ja mittlerweile als „publishers of p-Books“ bezeichnet. Ohnehin darf man nicht unterschätzen, was die Buchmesse und ihre Figuren in all den Jahren an Substanz, aber auch an unverwüstlichen Ritualen und Bräuchen geschaffen hat. Es ist eben immer noch so, dass ein Empfang im Wohnzimmer von Unseld einer verunsicherten Branche die benötigte Selbstvergewisserung liefern kann - auch wenn das bedeutet, dass sich der Autor Jan Brandt von dem unvermeidlichen Ernst Wilhelm Händler erklären lassen muss, nicht jeder Mensch, der über Geld verfüge, sei automatisch ein Verbrecher.

Und auch wenn beim Suhrkamp-Kritikertreffen kein Mensch verstanden hat, was der lesende Schriftsteller Bei Ling den Anwesenden sagen wollte, als er von „Hosei“ sprach, den er in „Eggesau“ gelesen hat - wie sich bald herumsprach, war Hesse gemeint, im Exil. Wegen solcher Erlebnisse kommen dann, trotz aller düsteren Theorien, doch alle jedes Jahr wieder nach Frankfurt.

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Jahrgang 1979, Redakteurin im Feuilleton.

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