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Wettbewerbsfilme auf der Berlinale Wer braucht im Zoo schon einen Cowboy?

15.02.2012 ·  Gegen Ende des Festivals wurde es poetisch: „Tabu“ und „Postcards from the Zoo“ bringen noch mal einen neuen Ton in den Wettbewerb.

Von Verena Lueken
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© Berlinale Das Mädchen Lana (Ladya Cheryl) trifft den zaubernden Cowboy (Nicholas Saputra) in „Postcards from the Zoo“ von Edwin

Dreizehn von achtzehn Filmen im Wettbewerb liegen hinter uns, und die Bilanz ist gut. Kein Grund zum Ärgern, und heraus ragten vor allem zwei Filme: Christian Petzolds "Barbara" und "L'enfant d'en haut" der Frankoschweizerin Ursula Meier. Hoch oben auf der Liste vieler Kritiker - allerdings nicht unserer - steht auch der Shakespeare-im-Knast-Film der Brüder Taviani, die den Proben und der Aufführung von "Julius Cäsar" durch eine Gruppe von Schwerverbrechern zugeschaut haben und es fertigbringen, diesen selbst in den Zellenszenen keinen einzigen eigenen Satz zu lassen.

Ein Theaterprojekt wie aus den Sechzigern oder Siebzigern also, über das die Tavianis dann ihrerseits filmisch die Kontrolle an sich gerissen haben, nicht ohne Schwung, aber als Vorhaben in sich doch fragwürdig und letztlich uninteressant. Und wenn man unbedingt nach Trends suchen will, findet man einen: Stille und Langsamkeit. Nicht geräuschlosen Stillstand, bei weitem nicht, aber einen gewissen Hang zur Kontemplation in vielen Wettbewerbsfilmen, in denen jeder Gewaltausbruch dann zählt.

Im Maul eines Krokodils

Wie auf fast allen Festivals, so gibt es auch während der Berlinale nicht oft etwas zu lachen, da kam Miguel Gomes' Kolonialgeschichte "Tabu" sehr gelegen - auch nicht gerade eine Komödie zum Brüllen, aber ein derart poetischer und intelligent mit filmischen Mitteln spielender Schwarzweißfilm, dass es eine Freude war. Es beginnt als Einführung mit einer Prozession durch den Urwald, die aussieht wie in einem Stummfilm, mit etwas eckigen Bewegungen und Menschen deutlich aus einer anderen Zeit, über die ein Erzähler eine Geschichte legt, an deren Ende der "Entdecker", der die kleine Truppe anführt, im Maul eines Krokodils landet.

Wir hören die Geräusche des Urwalds und die Stimme aus dem Off, der Rest ist stumm. In Lissabon, Jahrzehnte später, geht die Geschichte nicht eigentlich weiter, sondern eine neue beginnt - von Aurora, einer Alten, die ihr Geld im Kasino verspielt und dann stirbt. Wer Aurora ist, rekonstruiert ihre Nachbarin, was uns wieder nach Afrika führt und hinein in eine Amour fou zwischen einer jungen verheirateten Portugiesin mit dem Schlagzeuger in einer Schlagerband. Und hier packt Gomes aus, was er in der Filmgeschichte aufgelesen hat, Melodram und Musical, Safari und Schnulze, Slapstick, Klamauk und 16-mm-Film.

Mehr poetisch als erzählend

Auch Krokodile kommen immer wieder ins Bild oder ins Gespräch, in allen Größen. Nicht zufällig heißt der Film wie Friedrich Wilhelm Murnaus Geschichte über eine verbotene Liebe in der Südsee, und je weiter sich Gomes von Lissabon entfernt, desto amüsanter und traumverlorener wird das Ganze, vor allem, da die Figuren zwar Mundbewegungen machen, aber die Dialoge aus dem Off gesprochen werden, während wir nach wie vor die Geräusche des Geschehens hören, das Zirpen von Vögeln, einen Schuss - ein ziemlich eigenwilliger Blick aufs koloniale Afrika und die Nostalgie, die es in Lissabon noch nährt. Und wenn die Zuschauer durch "The Artist" schon mal ans Stumme und Schwarzweiße rangeführt wurden, kann es ja sein, dass sie sich auch für "Tabu" ins Kino wagen.

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© Berlinale Ein Bild das bleibt: Lana streift durch den Zoo

Poetisch eher als erzählend geht auch "Postcards from the Zoo" des Indonesiers Edwin vor, in dem wir den knorpeligen Kopf und die lange Zunge einer Giraffe von ganz nah zu sehen bekommen, aber auch Tierstatuen, die durch den Frühnebel im Zoo von Jakarta an ihren Platz geschoben werden, einen Elefanten etwa, während der Orang-Utan riesig auch über Nacht zwischen den Ästen über dem Gehege hängen bleibt. Wäre Edwin mit dem Mädchen, das, vom Vater verlassen, im Zoo aufwächst, dort geblieben, hätten wir uns ganz in der Beobachtung der Tiere, dem Wechsel der Tageszeiten verlieren können, darin, wie das Mädchen einem Tigerkind erzählt, warum es kein Mitleid mit den Hühnern zu haben braucht, die es fressen soll, oder wie es sich die Gehhilfen zweier Besucher ausleiht, um vorzumachen, wie eine Giraffe läuft.

Aber der Grundeinfall war wohl, dass dieses Mädchen einen Cowboy trifft, der zaubern kann, und damit von der Welt der gefangenen Tiere ins Habitat der Menschheit wechselt, wobei die Tiere dann leider nur mehr metaphorisch zu nehmen sind. Doch das Mädchen, das am frühen Morgen durch einen Dschungel streift, der dann nur der Zoo ist, und nach dem Vater ruft, ohne zu verzweifeln, das ist ein Bild, das bleibt.

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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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